Wenn man sich im Hafen von Leith dem 72 Meter langen Schiff mit dem eleganten, schwarz glänzenden Rumpf nähert, würde man ihm jederzeit zutrauen, wieder mit dreizehn Knoten durch die See nach Neist Point oder Muckle Flugga zu pflügen. Einst holte die MV Fingal raue Männer von den windgepeitschten Außenposten der britischen Inseln heim, brachte Ersatzteile zu den entlegensten schottischen Leuchttürmen und setzte Bojen in die Nordsee. Doch nun liegt sie dauerhaft vertäut als schwimmendes Hotel in Edinburgh. Auf ihrem Oberdeck wird der Nachmittagstee mit Champagner serviert, und vor dem Schlafengehen klopft das Zimmermädchen an die Kabinentür, um die Kopfkissen aufzuschütteln.Fast vier Jahrzehnte diente die Fingal, benannt nach einem Helden aus der gälischen Sagenwelt, der Behörde Northern Lighthouse Board als Versorgungsschiff zwischen den Shetlands und der Isle of Man in der Irischen See. Aus den Kajüten der Besatzung sind mindestens 20 Quadratmeter große Kabinen mit Klimaanlage, Queensize-Bett und Regendusche geworden. Die Mannschaftsmesse hat sich in einen Ballsaal verwandelt, ein Aufzug wurde eingebaut, und auf das Oberdeck ist ein exzellentes Restaurant gezogen, das Pedro Barriera aus Galizien führt. Barriera, der vorher für verschiedene Fünf-Sterne-Hotels in Edinburgh arbeitete, setzt auf eine frei von Meer und Land inspirierte Küche, die auf das Beste des Vereinigten Königreichs zurückgreift: Jakobsmuscheln von den Orkney-Inseln in Kokosschaum, Tomaten-Tarte von der Isle of White, Lamm aus dem Tweed Valley.Fast hat man das Gefühl, auf hoher See zu sein: Blick in eine der SuitenMauritiusVor dem Essen bringt der Kellner, ein junger Australier, der sein „Gap Year“ in Europa verbringt, den Aperitif hinaus aufs Sonnendeck: einen „Lighthouse Martini“ aus bootseigenem Gin mit Amalfi-Zitrone oder einen „Captain’s Negroni“ mit Wermut, Campari und Seetang-Essenz. Die Möwen schreien, der Abendhimmel wirft sich in ein rosafarbenes Kleid, ein kleiner Schlepper tuckert vorbei. Spätestens dann merkt der Gast – oder ist er doch eigentlich Passagier? –, dass auch eine Kreuzfahrt nach Nirgendwo ihre maritimen Reize haben kann. Und Seekrankheit ist ausgeschlossen. Jede der 23 Kabinen ist nach einem der Leuchttürme benannt, die das Schiff früher regelmäßig ansteuerte, um die Wärter nach einer Schicht von drei Wochen abzuholen.Muckle Flugga klingt zwar wie ein Ort, den sich die britische Kinderbuchautorin Beatrix Potter ausgedacht haben könnte, doch es gibt die kleine Insel wirklich. Sie liegt im Atlantik und gilt als der nördlichste Flecken des Königreichs, Windstärke sechs ist keine Seltenheit. Die Fingal kam über sechshundertmal vorbei, bei fast jedem Wetter. Als immer mehr Leuchttürme automatisiert wurden und keine dauerhafte Besatzung mehr notwendig war, brauchte die Behörde zur Jahrtausendwende auch die Fingal nicht mehr. Nach der Ausmusterung fristete der ehemalige Versorger der Außenposten ein vergleichsweise tristes Dasein als Flussschiff, bis es 2014 von der Stiftung der Royal Yacht Britannia gekauft und für fünf Millionen Pfund in ein Luxushotel umgebaut wurde.Die Britannia, lange der schwimmende Salon der britischen Königin, liegt im Hafen von Leith keine zehn Minuten zu Fuß entfernt am Ocean Terminal. Gäste der Fingal können kostenlos an Bord. Die Kombination der beiden Schiffe könnte kaum stimmiger sein: Zwar lässt sich die Britannia, früher ausschließlich der königlichen Familie und ihren Gästen vorbehalten, heute von jedermann besichtigen, doch Übernachtungen sind nicht vorgesehen. Wer erfahren möchte, wie man auf einer solchen Hochseeyacht schläft, findet auf dem Schwesterschiff die Gelegenheit. Eines fällt sofort auf: Die Fingal ist deutlich bequemer als das Schiff der Krone. Die verstorbene Königin Elisabeth besuchte damit mehr als 135 Länder, aber sie nächtigte in einem kaum einen Meter breiten Einzelbett.Blumig: Der Salon der Royal Yacht BritanniaMauritiusIhr Mann, Prinz Philip, schlief in einem genauso schmalen Bett eine Kabine weiter, auf dem Nachttisch ein Telefon mit der Schnellwahltaste „The Queen“. Das einzige voluminöse Nachtlager an Bord der Britannia ist das Doppelbett, das für Charles und Diana nach ihrer Hochzeit auf der gegenüberliegenden Seite des Decks installiert wurde. Im Vergleich zu diesem eingeschränkten Komfort können die Gäste auf der Fingal ihre bürgerlichen Häupter in Betten zur Ruhe legen, die selbst in den Einstiegskabinen so breit und bequem sind wie heute in Luxushotels üblich. Wer sich die beste Kabine an Bord leisten möchte, die 53 Quadratmeter große Skerryvore-Suite, die an einen der schönsten Leuchttürme Schottlands erinnert, schläft für rund 1000 Euro sogar in einem Super-Kingsize-Bett von zwei Meter Breite, Minibar und eigenes Außendeck inklusive. Frühstück à la carte ebenfalls, aber das gilt für alle Gäste. Auf dem Oberdeck pochierte Eier mit an Bord geräuchertem schottischen Lachs zu frühstücken und dazu auf die frisch bewegte See zu blicken, gehört zu den schönsten Momenten auf der Minikreuzfahrt, die gar keine ist.Die Bullaugen in den Kabinen sind erhalten geblieben, und auch ansonsten wurden im Inneren möglichst viele maritime Details bewahrt. Die hochwertigen Einbauschränke wirken mit ihren verriegelbaren Schubfächern seefest, die Badezimmer sind mit Mosaiken in Meeresgrün gefliest. Auf den breiten Betten liegen Wolldecken im Tartan-Muster von der schottischen Textildesignerin Araminta Campbell. Dass der Kabinenboden leicht abschüssig ist, ein Relikt des ursprünglichen Schiffszustands, sorgt beim Aufstehen aus dem Bett für einen unerwarteten Drall Richtung Außenwand. Für einen Moment meint man fast, das Schiff würde sich doch noch bewegen.Der Rest der Innengestaltung ist jedoch glatt geschummelt. All die polierten Messingelemente, das warme Holz, die Spiegel und Glasverzierungen im Stil des Art déco erinnern an die legendären Ozeanriesen aus den 1930er-Jahren, aber natürlich gab es sie so auf dem in Glasgow gebauten und 1963 in Dienst gestellten Arbeitsschiff nie. Die Fingal hat noch einen weiteren Vorteil gegenüber anderen Luxusschiffen: Sie ist vermutlich die einzige Hochseeyacht mit Straßenbahnanschluss. Die Haltestelle Port of Leith liegt nur ein paar Schritte entfernt. Ohne Umsteigen gelangt man in einer Dreiviertelstunde zum Flughafen oder in zwanzig Minuten zu den Sehenswürdigkeiten in der Innenstadt von Edinburgh.Informationen: www.fingal.co.uk. Die Fingal befindet sich im Hafen von Leith in Edinburgh. Kabinen kosten pro Nacht etwa 300 Euro inklusive Frühstück. Die Royal Yacht Britannia ist zwischen April und Oktober von 9.30 bis 18 Uhr geöffnet: www.royalyachtbritannia.co.uk/visit/.
Hotelschiff Fingal: Luxuriös übernachten im Hafen von Edinburgh
Das Hotelschiff Fingal im Hafen von Edinburgh ist die wohl ungewöhnlichste Unterkunft der schottischen Hauptstadt. Seekrank wird man garantiert nicht, und die königliche Yacht Britannia liegt gleich nebenan.






