Zwei Anschläge auf Umspannwerke binnen weniger Stunden, Handgranate am Bahnhof: Deutschlands kritische Infrastruktur ist verwundbarDie Vorfälle in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen verdeutlichen, wie schwer kritische Infrastruktur flächendeckend zu sichern ist. Die Angriffe darauf dürften in Zukunft noch zunehmen.Armin Arbeiter, Berlin02.09.2026, 12.29 Uhr4 LeseminutenIm Umspannwerk Turnow-Preilack in Südbrandenburg wurden gezielt Kurzschlüsse an Höchstspannungsleitungen verursacht.Clemens Bilan / EPAInnert weniger Stunden haben bislang unbekannte Täter zwei mutmassliche Angriffe auf das deutsche Stromnetz verübt. In Brandenburg verursachten Saboteure gezielt Kurzschlüsse an Höchstspannungsleitungen des Umspannwerks Turnow-Preilack im Süden des Bundeslands. Wenig später kam es an einem Umspannwerk bei Bergheim westlich von Köln ebenfalls zu einem Kurzschluss.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Polizei geht von einer «vorsätzlichen Tat» aus. Später fanden die Ermittler sechs Abschussvorrichtungen. Es sei davon auszugehen, dass diese so gebaut waren, um mit pyrotechnischen Gegenständen einen Draht in die Höhe über die Stromleitungen zu führen, sagte der Leitende Kriminaldirektor.Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul, hatte zuvor mitgeteilt, dass wegen verfassungsfeindlicher Sabotage ermittelt werde. Wer «da ran geht», greife Deutschland an, sagte er.Auch ein Vorfall am Augsburger Hauptbahnhof am Mittwochmorgen wirft Fragen auf. Dort explodierte ein zunächst unbekannter Gegenstand, laut der «Bild»-Zeitung eine Handgranate. Mehrere Personen wurden leicht verletzt. Der Sprengstoffvorfall in Augsburg dürfte laut ersten Medienberichten kein gezielter Angriff auf die Infrastruktur gewesen sein. Ermittler prüfen einen möglichen Bezug zur organisierten Kriminalität.Ein Zusammenhang zwischen den drei Fällen ist bis jetzt nicht erkennbar, obschon die Abschussvorrichtungen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen fast identisch sein sollen. Gemeinsam führen die drei Fälle jedoch eine Schwäche vor Augen: Kritische Infrastruktur lässt sich kaum flächendeckend gegen Sabotage schützen.321 Sabotage-VerdachtsfälleAm weitesten sind die Ermittlungen in Brandenburg. Bei Turnow-Preilack hatten Unbekannte mehrere selbstgebaute Flugkörper vorbereitet. Mit ihnen sollte wohl leitfähiges Material in Höchstspannungsleitungen gebracht und dadurch ein Kurzschluss ausgelöst werden. In zwei Fällen gelang das.Eine Leitung fiel kurzzeitig aus, zudem wurde ein 500-Megawatt-Block des Kraftwerks Jänschwalde vorübergehend abgeschaltet. Die Stromversorgung der Bevölkerung blieb allerdings stabil. Bis zum Dienstagabend fanden die Ermittler weitere Sprengvorrichtungen. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann spricht von einem systematischen Vorgehen.Die Ermittler prüfen den Fall inzwischen auch unter dem Verdacht der Bildung einer terroristischen Vereinigung. Zudem ermittelt die Polizei wegen Störung öffentlicher Betriebe, Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und Zerstörung wichtiger Arbeitsmittel.Die deutschen Sicherheitsbehörden beschäftigen sich schon länger mit einer zunehmenden Zahl verdächtiger Vorfälle, bei denen kritische Infrastruktur angegriffen wurde. Laut einem internen Lagebild des Bundeskriminalamts wurden im vergangenen Jahr deutschlandweit 321 Sabotage-Verdachtsfälle erfasst. Etwa an Bahnanlagen, Stromleitungen, Umspannwerken, Funkmasten und Einrichtungen der Bundeswehr. Nicht bei allen bestätigte sich später ein Sabotageverdacht.Auch auf ein Umspannwerk nahe Bergheim bei Köln ist am Dienstagabend möglicherweise ein Anschlag verübt worden.Christoph Hardt / ImagoGleichzeitig hat sich die Sicherheitslage verändert. Der Verfassungsschutz warnt seit längerem davor, dass Russland für Sabotageakte auch Personen anwirbt, die keinem Nachrichtendienst angehören und für einzelne, vergleichsweise einfache Aufgaben eingesetzt werden. Solche sogenannten Wegwerfagenten können Anlagen ausspähen oder Sabotageakte ausführen. Das ist Teil der allgemeinen Bedrohungslage, aber kein Hinweis darauf, dass Moskau hinter den aktuellen Vorfällen steht.Gefahr aus Russland und von LinksextremenDoch der Drohnenanschlag von Leipzig und die Erkenntnis der Bundesregierung, dass Russland dahinterstand, zeigen, dass Sabotageversuche und Anschläge in Deutschland künftig zunehmen dürften.Ebenso gibt es in Deutschland immer wieder politisch motivierte Angriffe auf Strom- und Bahninfrastruktur aus dem linksextremen Lager. Erst Anfang Januar hatte ein Brandanschlag auf Stromanlagen im Berliner Südwesten einen mehrtägigen Stromausfall ausgelöst. Im Juni waren nach einem Brand in einem Umspannwerk in Reutlingen zeitweise rund 30 000 Menschen ohne Strom.Die deutsche Infrastruktur ist – anders als etwa die sowjetische – mehrheitlich auf Friedenszeiten ausgelegt und lässt sich daher nicht flächendeckend schützen. Stromleitungen, Bahnstrecken oder Pipelines erstrecken sich über Tausende Kilometer – eine lückenlose Überwachung wäre extrem kostspielig. Und so muss der Schutz dort besonders hoch sein, wo ein Ausfall besonders grosse Folgen hätte. Gleichzeitig muss die Infrastruktur so aufgebaut sein, dass sich der Schaden auch nach einem erfolgreichen Angriff in Grenzen hält.Gesetz zum Schutz kritischer InfrastrukturDass das gelingen kann, zeigt der Vorfall beim Umspannwerk Turnow-Preilack: Den Tätern war es zwar gelungen, zwei Kurzschlüsse auszulösen, zu einem grösseren Stromausfall kam es jedoch nicht, da das deutsche Übertragungsnetz den kurzfristigen Ausfall auffangen konnte.Dennoch: Ein verbesserter Schutz kritischer Infrastruktur in Deutschland wird notwendig werden. Das erst im März in Kraft getretene Kritis-Dachgesetz reicht nach Ansicht von Experten noch nicht aus, den Ansprüchen gerecht zu werden. Es sieht unter anderem Risikoanalysen und Mindestanforderungen an den physischen Schutz von kritischer Infrastruktur vor.Ebenso fordert es von Betreibern dieser Infrastrukturen Resilienzmassnahmen wie stärkeren Objektschutz, Notfallteams oder Vorkehrungen zur Aufrechterhaltung der Versorgung. Das Gesetz erfasst besonders bedeutende Anlagen, die mehr als 500 000 Menschen versorgen. Kritiker fordern, dass diese Grenze auf 150 000 herabgesetzt werde. Die Bereitschaft von Betreibern, zusätzliche Mittel für die Sicherheit ihrer Anlagen auszugeben, sei erst da, wenn Auflagen gesetzlich vorgegeben würden.Zudem steht die praktische Umsetzung des neuen Gesetzes in wesentlichen Teilen noch aus. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe weist darauf hin, dass mehrere Rechtsverordnungen und konkrete Vorgaben derzeit noch erarbeitet würden. So ist bislang etwa noch nicht abschliessend geregelt, welche Anlagen unter das Gesetz fallen.Passend zum Artikel
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