Der jüdische Zionist, der für die arabischen Muslime antritt: So gefährlich ist die neue politische Allianz in Israel für NetanyahuYoav Segalovitz kandidiert für die arabische Partei Raam und könnte zum Königsmacher einer Anti-Netanyahu-Koalition werden. Dahinter steckt auch ein Mentalitätswandel unter den arabischen Israeli.01.09.2026, 16.41 Uhr3 LeseminutenYoav Segalovitz tritt als erster jüdischer Israeli für eine arabische Partei an: Auf Netanyahus Wiederwahl könnte sich das ungewöhnliche Manöver schlecht auswirken.Atef Safadi / EPAEs ist ein historisch einmaliger Schritt, der die israelische Parlamentswahl am 27. Oktober um einiges spannender machen dürfte. Am Montagabend kündigte Yoav Segalovitz an, auf Listenplatz zwei für die arabische Raam-Partei zu kandidieren. Segalovitz, ein jüdischer Israeli, war früher Vizeminister für Polizeiangelegenheiten von der zentristischen Partei Yesh Atid. Angeführt wird Raam von Mansur Abbas, einem palästinensischen Muslim mit israelischer Staatsbürgerschaft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Noch nie zuvor ist ein jüdischer Israeli aus dem zentristischen Lager, der sich zudem als Zionist versteht, auf der Liste einer arabischen Partei angetreten. «Es geht bei diesem Manöver darum, einen Regierungswechsel herbeizuführen», sagt Michael Rimmel, Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem.Raam war schon einmal der Königsmacher, der den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu zu Fall brachte. Im Jahr 2021 schloss sich Abbas der Regierungskoalition unter Naftali Bennett und Yair Lapid an. Diese breite Allianz zerbrach zwar schon nach zwei Jahren. Dennoch: Das Tabu war gebrochen, eine arabisch-muslimische Partei mit islamistischen Wurzeln konnte an einer Regierung im jüdischen Staat beteiligt sein.Und auch heute sieht es aus, als ob es Ende Oktober auf eine ähnliche Konstellation hinausläuft. Nur mithilfe von Mansur Abbas könnte eine breite Koalition Netanyahu stürzen.«Von der Muslimbruderschaft gelöst»Doch dafür muss die Partei den möglichen Koalitionspartnern versichern, dass sie sich gewandelt habe. Bei der ersten Wahl nach dem 7. Oktober 2023 schliessen viele israelische Wähler die Regierungsbeteiligung einer arabischen Partei aus. So haben sich auch schon einige Kandidaten dementsprechend positioniert.Naftali Bennett hatte Raam einst in die Regierung geholt. Jetzt hat der frühere Ministerpräsident allerdings klargemacht, er werde nur mit «zionistischen Parteien» koalieren. Der rechte Parteiführer Avigdor Lieberman hat explizit eine Zusammenarbeit mit arabischen Parteien ausgeschlossen. Mit der Nomination von Yoav Segalovitz will der Raam-Chef Mansur Abbas die Zweifel seiner möglichen Partner zerstreuen.Raam ist einst als islamistische Partei gegründet worden. Doch unter Abbas entwickelte sich die Partei in eine immer pragmatischere Richtung. In den vergangenen Jahren standen statt der Scharia die Alltagsprobleme vieler arabischer Israeli im Vordergrund. «Mansur Abbas hat sich weit bewegt in den letzten Jahren», sagt Michael Rimmel im Gespräch. «Er hat sich von der Muslimbruderschaft gelöst und stellt jetzt sogar einen jüdisch-israelischen Kandidaten auf.»Die arabischen Israeli wollen eine RegierungsbeteiligungAbbas hofft offenbar darauf, dass ihm sein Manöver unter den arabischen Wählern nicht als Verrat an der palästinensischen Sache, sondern als pragmatischer Befreiungsschlag angerechnet wird. Arabische Muslime machen rund 20 Prozent der israelischen Bevölkerung aus.Abbas könnte recht behalten. Vor allem die persönliche Sicherheit bedrückt die grosse Mehrheit der arabischen Israeli. In den vergangenen Jahren wurden vor allem Araber in Israel immer häufiger Opfer von Gewaltkriminalität. Den israelischen Behörden werfen viele arabischstämmige Bürger Untätigkeit vor.Die persönliche Sicherheit rangiert laut einer Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung weit oben auf der Prioritätenliste der arabischen Israeli. Für die arabischen Israeli ist demgemäss ein Ende der Gewalt in ihrer eigenen Gemeinschaft weitaus wichtiger als etwa die Lage der Palästinenser in Gaza. Zudem befürworten laut derselben Umfrage über 77 Prozent der arabischen Israeli eine Regierungsbeteiligung einer arabischen Partei.Hier kommt Yoav Segalovitz ins Spiel. Nicht nur verbessert er die Koalitionschancen von Raam. Der 67-Jährige war ausserdem viele Jahre lang Polizeioffizier und in der Regierung von Naftali Bennett stellvertretender Minister für nationale Sicherheit. So kündigte Mansur Abbas Segalovitz vor allem als fähigen Polizisten an. «Der arabische Bürger, der seinen Sohn beerdigt hat, fragt nicht nach der Religion des Polizisten», sagte Abbas am Montagabend. Vielmehr würden sich die meisten Araber in Israel fragen, warum überhaupt kein Polizist zu Hilfe komme.Segalovitz betonte seinerseits die Notwendigkeit der jüdisch-arabischen Kooperation – auch nach dem Gaza-Krieg: «Die übliche Behauptung, dass es nach dem 7. Oktober unmöglich sei, eine politische Partnerschaft mit arabischen Parteien zu unterhalten, ist absurd und falsch.»Eine breite Mehrheit wird Raam nicht hinter sich versammeln. Gemäss einer aktuellen Umfrage dürfte die Partei nur knapp die 3,25-Prozent-Hürde nehmen und mit vier Sitzen in die Knesset einziehen. Doch genau auf diese vier Sitze könnte das Anti-Netanyahu-Lager angewiesen sein, um eine Regierung zu bilden.Passend zum Artikel
Ein jüdischer Zionist tritt für eine arabisch-muslimische Partei an – warum?
Yoav Segalovitz kandidiert für die arabische Partei Raam und könnte zum Königsmacher einer Anti-Netanyahu-Koalition werden. Dahinter steckt auch ein Mentalitätswandel unter den arabischen Israeli.














