Der vornehme Gaullist mit den roten Socken – Frankreichs Ex-Premierminister Édouard Balladur ist im Alter von 97 Jahren gestorbenBalladur trat 1995 gegen Jacques Chirac zur Präsidentschaftswahl an – ein Machtkampf, der die Konservativen spaltete und seine politische Laufbahn beendete.31.08.2026, 23.30 Uhr3 LeseminutenDer französische Premierminister Édouard Balladur im Wahlkampf am 26. Februar 1995 in Nancy. Balladur begann seine Karriere als Vertrauter des späteren Präsidenten Georges Pompidou.Francis Demange / Gamma-Rapho / GettyÉdouard Balladur, ehemaliger Premierminister und eine der prägenden Figuren der französischen Rechten der 1980er und 1990er Jahre, ist tot. Er starb am Montag im Alter von 97 Jahren in Paris, wie seine Familie mitteilte. Präsident Emmanuel Macron würdigte Balladur auf X als einen «anspruchsvollen, besonnenen und engagierten Diener seines Landes», dem Frankreich am Herzen gelegen habe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Balladur war von 1993 bis 1995 der letzte Regierungschef unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand und galt als Wirtschaftsreformer, der das Land mit Privatisierungen auf einen liberaleren Kurs bringen wollte. Den Franzosen blieb er nicht zuletzt wegen eines Bruderkampfes mit Jacques Chirac in Erinnerung: 1995 forderte er seinen langjährigen Freund im Kampf um den Élysée-Palast heraus – und scheiterte spektakulär.Geboren wurde Balladur am 2. Mai 1929 in Smyrna, dem heutigen Izmir, als Sohn einer wohlhabenden armenischen Familie. Sein Vater leitete dort eine Filiale der Osmanischen Bank. Als in der jungen türkischen Republik der Druck auf die christlichen Minderheiten zunahm, verliess die Familie 1935 das Land und zog nach Marseille. Später studierte Balladur am Pariser Institut d’études politiques und durchlief die Elitehochschule ENA.1964 berief ihn der konservative Premierminister Georges Pompidou in seinen Beraterstab. Während der Mai-Unruhen von 1968 wirkte Balladur an den Verhandlungen über die Grenelle-Abkommen mit, die den Generalstreik beenden sollten. Als Pompidou Präsident wurde, folgte ihm Balladur ins Élysée. Dort begegnete er auch Jacques Chirac.Die beiden Männer hätten gegensätzlicher kaum sein können: Während Chirac leutselig, impulsiv und voller Tatendrang war, wirkte Balladur kühl, bedächtig und stets ein wenig unnahbar. Dennoch wurden sie enge Weggefährten. Nach Pompidous Tod wechselte Balladur zunächst als Manager in die Privatwirtschaft. Als Chirac 1986 schliesslich Premierminister wurde, holte er Balladur als Wirtschafts- und Finanzminister in seine Regierung.Édouard Balladur in seinem Büro im Ministerium in Paris im Oktober 1986.Jean Guichard / Gamma-Rapho / GettyBalladur privatisierte Grossunternehmen wie Saint-Gobain und Société Générale und sorgte dafür, dass der Staat weniger in die Festsetzung von Preisen und den Kapitalverkehr eingriff. Nach dem Wahlsieg der Rechten ernannte Mitterrand ihn 1993 zum Premierminister. Die Cohabitation mit dem sozialistischen Staatschef verlief erstaunlich geräuschlos. Balladur galt als besonnen und kompetent – und wurde immer populärer.Auch äusserlich pflegte er die Distanz. Balladur war stets tadellos gekleidet, seine Anzüge liess er sich beim Londoner Traditionsschneider Henry Poole fertigen, der einst schon Napoleon III. ausgestattet hatte. Dazu trug er gerne rote Socken von Gammarelli, dem römischen Ausstatter der Kardinäle. Seine Mischung aus Eleganz und Entrücktheit lieferte den Satirikern reichlich Stoff: «Ballamou» wurde er genannt (der weiche Balladur), «Le Monde» zeichnete ihn in einer Sänfte, und die Fernsehsatire «Les Guignols de l’info» machte aus ihm eine steife Marionette.Seine hohen Umfragewerte bestärkten Balladur darin, 1995 selbst für das Präsidentenamt zu kandidieren und sich damit gegen seinen alten Freund Chirac zu stellen. Führende Rechte wie Nicolas Sarkozy und Charles Pasqua schlugen sich auf seine Seite. Doch am Ende erhielt Balladur nur 18,6 Prozent und schied im ersten Wahlgang aus. Als seine Anhänger am Wahlabend Chirac auspfiffen, rief er ihnen den später legendären Satz zu: «Ich fordere Sie auf, damit aufzuhören!»Danach kehrte Balladur nie mehr an die Spitze der französischen Politik zurück. Doch Jahrzehnte später holte ihn der Wahlkampf von 1995 noch einmal ein: In der Karachi-Affäre stand er unter dem Verdacht, seine Kampagne mit Schmiergeldern aus Rüstungsgeschäften mit Pakistan finanziert zu haben. 2021 wurde er vom Gerichtshof der Republik freigesprochen.Während des Präsidentschaftswahlkampfs winkt der französische Premierminister und Präsidentschaftskandidat Édouard Balladur am 1. April 1995 der Menge nach einer Kundgebung in Caen zu.Charles Platiau / ReutersPassend zum Artikel