ErklärtTrump greift nach Venezuelas Erdöl. Doch das ist ein riskantes SpielPräsident Trump verspricht den Amerikanern tiefere Benzinpreise. Dafür setzt er auch auf umstrittene Figuren: Gegen einen involvierten venezolanischen Geschäftsmann läuft in der Schweiz ein Strafverfahren. Die wichtigsten Antworten zu dem Milliardendeal.01.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDonald Trump will Zugriff auf venezolanische Ölreserven: Ein Passant geht in Caracas an einem Wandbild mit Ölförderanlagen vorbei.Pedro Mattey / APWas umfasst der Erdöl-Deal zwischen den USA und Venezuela?Die Vereinigten Staaten wollen sich mit dem am 29. August von Donald Trump angekündigten Abkommen den Zugriff auf Erdölvorkommen in Venezuela sichern. Das als «grösstes Ölgeschäft der Weltgeschichte» bezeichnete Abkommen sieht eine amerikanische Kontrolle über mehr als 65 Milliarden Fass nachgewiesener Ölreserven vor. Das entspräche einem Fünftel der in Venezuela geschätzten Vorkommen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der im Wortlaut noch nicht publizierte Deal basiert auf einer Partnerschaft zwischen der amerikanischen Regierung und privaten Unternehmen. Welche Energiekonzerne konkret am Joint Venture teilnehmen werden, ist unklar. Über die geplante Beteiligung sollen die USA laut amerikanischen Medienberichten aber rund 55 Prozent der effektiven Produktion des Gemeinschaftsunternehmens erhalten.Was versprechen sich die USA vom Deal?Mit dem Zugriff auf das venezolanische Erdöl verdoppeln die USA laut eigenen Angaben ihre Erdölreserven und erhöhen entsprechend ihre Versorgungssicherheit im Energiebereich. Trump zeigt sich in seiner Mitteilung auf der Plattform Truth Social ausserdem davon überzeugt, dass die amerikanischen Bürgerinnen und Bürger dank dem Abkommen von niedrigeren Benzinpreisen profitieren werden.Für Trumps Popularität und das Abschneiden der Republikanischen Partei bei den Zwischenwahlen Anfang November spielt der Benzinpreis eine wichtige Rolle. Dies vor allem deshalb, weil der Iran-Krieg den Transport von Erdöl aus dem Persischen Golf erschwert und die Spritpreise nach oben getrieben hat. Das setzt Trump unter Druck und verleiht dem Abkommen auch eine wahlpolitische Komponente.Was verspricht sich Venezuelas Regierung vom Deal?Die geschäftsführende Präsidentin von Venezuela, Delcy Rodríguez, hofft, dass die von den USA in Aussicht gestellten 100 Milliarden Dollar an privaten Investitionen zu einer Erholung und Modernisierung der Industrie beitragen werden. Zudem verspricht sie sich davon ein höheres Wirtschaftswachstum, mehr Versorgungssicherheit in der westlichen Hemisphäre sowie einen ausgeglicheneren Energiemarkt.Laut Rodríguez erlaubt das Abkommen die Erschliessung von 17 strategischen Erdölfeldern mit einem Produktionsziel von über 1,5 Millionen Fass Erdöl pro Tag. Die Präsidentin stellt Steuereinnahmen von rund 209 Milliarden Dollar in Aussicht. Ihren vielen Kritikern, die den Deal als amerikanischen Raubzug ablehnen, hält sie entgegen, dass die Souveränität über die Naturressourcen bei Venezuela bleibe.Welche Unklarheiten gibt es?Das Abkommen sichert dem amerikanischen Joint Venture für einen bestimmten Zeitraum die Kontrolle über die Förderung der Ölfelder zu. Zu der Frage, über welchen Zeitraum der entsprechende Leasingvertrag abgeschlossen würde, gibt es jedoch verschiedene Angaben. Aus amerikanischen Regierungskreisen ist von 100 Jahren die Rede, Präsident Rodríguez spricht hingegen von maximal 25 Jahren.Unklarheiten gibt es auch zur Rechtmässigkeit des Deals. Dies unter anderem deshalb, weil die Legitimität und verfassungsmässige Macht der mit Washingtons Plazet ins Amt gehievten Übergangspräsidentin Rodríguez angezweifelt wird. Es ist daher nicht auszuschliessen, dass zukünftige Regierungen in Caracas und Washington die nun getroffene Abmachung für null und nichtig erklären werden.Diese Rechtsunsicherheiten und der Widerstand der venezolanischen Opposition bedeuten für potenzielle Investoren ein grosses Risiko. Auch wenn die derzeitige Präsidentin mit den USA kooperiert, erinnert man sich in den USA noch gut daran, wie der frühere Präsident Hugo Chávez einst ausländische Investoren durch die Nationalisierung der Ölindustrie unzimperlich aus dem Land gedrängt hatte.Welche Rolle spielt die Schweiz?Die in Genf aktiven Rohstoffhändler Vitol und Trafigura erhielten bereits im Januar von den USA Lizenzen, um venezolanisches Rohöl zu verschiffen. Laut der «Washington Post» wurde dieses Geschäft vom venezolanischen Ölmagnaten Alejandro Betancourt eingefädelt.Betancourt ist in der Schweiz kein Unbekannter. Die Zürcher Staatsanwaltschaft bestätigt auf Anfrage, dass sie gegen ihn ein Strafverfahren wegen mutmasslicher Geldwäscherei führe. Grund sind umstrittene Geschäfte mit dem staatlichen venezolanischen Ölkonzern, bei denen mutmasslich Gelder auf Schweizer Bankkonten flossen. Betancourt ist nicht angeklagt und bestreitet die Vorwürfe.Weshalb interessiert sich Washington für den Fall Betancourt?Laut der «Washington Post» haben hochrangige amerikanische Vertreter versucht, im Fall von Alejandro Betancourt Einfluss auf die Schweizer Justiz zu nehmen. Ziel sei es gewesen, den Fall ohne strafrechtliche Sanktionen zu beenden und ihm Reisefreiheit zu gewähren, schreibt die Zeitung.Das dürfte kein Zufall sein. Betancourt gilt als Schlüsselfigur, um die Wiederbelebung des Ölgeschäfts in Venezuela voranzutreiben. Er besitzt selber ein Ölunternehmen im Land und hat beste Kontakte zur US-Regierung, zur venezolanischen Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez sowie zum staatlichen Ölkonzern Venezuelas.Die Staatsanwaltschaft Zürich hat ihr an Grossbritannien gerichtetes Auslieferungsersuchen gegen Betancourt im Mai zurückgezogen, wie ein Sprecher bestätigt. Betancourt war dort nach einer Verhaftung im November 2025 monatelang mit einer Reisesperre belegt. Grund für den Rückzug waren laut dem Sprecher Besonderheiten des britischen Auslieferungsrechts. Das Verfahren laufe aber weiter. Betancourt konnte Grossbritannien inzwischen verlassen, im Juni hat er ein Visum der USA erhalten.Welche Auswirkungen wird der Deal auf den Erdölmarkt haben?Kurzfristig dürfte das Abkommen den Ölmarkt und die Benzinpreise kaum beeinflussen. Gemäss Experten wird es wegen der maroden Infrastruktur noch Jahre dauern, bis zusätzliches Öl aus Venezuela die Märkte erreicht. Dass die Ölpreise nach Bekanntwerden des Deals stiegen, dürfte hingegen vor allem mit der Eskalation des Konflikts zwischen den USA und Iran zusammenhängen.Wie viel Öl hat Venezuela?Mit rund 303 Milliarden Barrel verfügt Venezuela über die grössten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. Der überwiegende Teil liegt im Orinoco-Gürtel im östlichen Zentralvenezuela. Dort findet sich vor allem schweres und extraschweres Rohöl. Dieses ist sehr dicht, zähflüssig und schwefelreich. Förderung, Transport und Verarbeitung sind deshalb aufwendig und erfordern technisch komplexe Anlagen.Mehrere Raffinerien an der amerikanischen Golfküste sind jedoch auf die Verarbeitung solcher schweren Rohöle aus Lateinamerika und anderen Förderregionen ausgerichtet. Das macht venezolanisches Öl für sie trotz seiner schwierigen Beschaffenheit attraktiv.In welcher Verfassung ist die venezolanische Erdölindustrie?Das lässt sich an einer Zahl ablesen: 2025 erreichte die Förderung nur noch rund 1,1 Millionen Fass pro Tag. Ende der 1990er Jahre waren es mehr als 3 Millionen Fass täglich. Auch die Raffinerien arbeiten weit unter ihrer Kapazität.Der Niedergang hat mehrere Ursachen. Unter Hugo Chávez verschärfte die Regierung die staatliche Kontrolle über die Ölindustrie. Internationale Konzerne zogen sich zurück, wodurch Kapital, Technologie und betriebliche Erfahrung verlorengingen. Eine rasche Erholung ist kaum realistisch. Das norwegische Energieberatungsunternehmen Rystad Energy schätzt, dass Investitionen von rund 185 Milliarden Dollar nötig wären, um die Förderung bis 2040 wieder auf 3 Millionen Fass pro Tag zu steigern.Wie ist das Abkommen geopolitisch einzuordnen?Trump will für die USA einen stärkeren Einfluss in der westlichen Hemisphäre, also vor allem in Nord-, Mittel- und Südamerika. Diese Strategie lehnt sich an die Monroe-Doktrin des frühen 19. Jahrhunderts an. Damals erklärten die USA die westliche Hemisphäre zur eigenen Einflusssphäre, womit man koloniale Bestrebungen europäischer Mächte unterbinden und das Prinzip gegenseitiger Nichteinmischung etablieren wollte.Trumps Interesse an Nord-, Mittel- und Südamerika wird bisweilen als Donroe-Doktrin bezeichnet. Die Grundzüge hierzu wurden Ende 2025 in einer neuen Strategie zur nationalen Sicherheit skizziert. Nur wenige Wochen später nahmen amerikanische Streitkräfte in einer völkerrechtlich heiklen Operation den damaligen venezolanischen Machthaber Nicolás Maduro fest. Doch nicht nur in Venezuela, sondern auch in Panama, Ecuador, Peru und Kuba reklamieren die USA mehr politischen Einfluss.Passend zum Artikel