Standortvorteil London: Am Deadline-Day rückt die Metropole als europäische Fussballhauptstadt in den FokusIn der laufenden Transferperiode, die am Dienstag zu Ende geht, gaben die englischen Klubs 3,3 Milliarden Euro an Ablöse aus – mehr als die anderen vier grossen Ligen zusammen. Dass die Londoner Vereine vorne mit dabei sind, hat seine Gründe.Sven Haist, London01.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenFans von Tottenham am Feiern. Der Klub steigerte seine Ticketerlöse mit dem neuen Stadion von 45 auf 126 Millionen Pfund.Alex Pantling / GettyVerhandlungen, Provisionen, Deals: Diese Begriffe gehören in London zum Geschäftsalltag. Sie beschreiben die Transaktionen an einem der bedeutendsten Finanzplätze der Welt. An diesem Dienstag geht es jedoch nicht nur um das Business in den Bürotürmen der Square Mile, des historischen Zentrums der Londoner Kapitalmarktakteure – sondern auch um jenes auf dem grünen Rasen. Am sogenannten Deadline-Day, dem abschliessenden Tag des Sommer-Transferfensters im europäischen Spitzenfussball, rückt London gewissermassen als Fussballhauptstadt in den Fokus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Millionenmetropole ist Heimat der Premier League und beherbergt mehr Vereine aus deren oberster Spielklasse als jede andere Stadt. Sechs Londoner Klubs spielen derzeit in der Premier League: Arsenal, Brentford, Chelsea, Crystal Palace, Fulham und Tottenham Hotspur. Auch in dieser Saison laufen die Fäden im imposanten Hauptsitz der Premier League zusammen, die sportlich wie finanziell als stärkste Fussballliga der Welt gilt.Bislang haben die englischen Klubs in dieser Transferperiode 3,4 Milliarden Euro an Ablösesummen für Spieler ausgegeben – mehr als die vier grossen europäischen Konkurrenzligen aus Spanien, Italien, Deutschland und Frankreich zusammen. Rund ein Drittel davon entfällt auf die Londoner Grossvereine Arsenal, Chelsea und Tottenham. An der Spitze der europäischen Ausgabenliste stehen Chelsea und Tottenham.Die Dominanz der englischen Klubs, insbesondere jener aus der Hauptstadt, ist auch eine Folge der Neuausrichtung der nationalen und internationalen Finanzregeln im Fussball. Die Europäische Fussball-Union (Uefa) verpflichtete vor vier Jahren die Teilnehmer an ihren Wettbewerben per Reglement dazu, nach einer Übergangsphase höchstens 70 Prozent der Einnahmen für die Gehälter der Spieler und Trainer, für Transfers und für Spielervermittler-Honorare (Kaderkosten-Regel) aufzuwenden.Es drohen finanzielle und sportliche SanktionenDie Premier League zog nach: In der vergangenen Saison stimmten die Klubvertreter mit der erforderlichen Zwei-Drittel-Mehrheit dafür, die eigenen Finanzvorgaben an jene der Uefa anzupassen. Seit diesem Jahr dürfen in England die Kaderkosten 85 Prozent der Kluberlöse nicht übersteigen.Wer dagegen verstösst, muss mit finanziellen und sportlichen Sanktionen rechnen. Die Vorgabe soll verhindern, dass Klubs über ihre Verhältnisse wirtschaften und finanzstarke Eigentümer Verluste dauerhaft ausgleichen können. Zuvor galt bei der Uefa und in der Premier League ein Modell, das Vereinen über einen längeren Zeitraum unter gewissen Aspekten moderate Verluste erlaubte.Mit der Reform sind die Einnahmen der Klubs zur entscheidenden Referenzgrösse für deren sportliche Investitionen geworden. Im Umsatzranking der Saison 2024/25 liegt zwar Real Madrid mit Gesamterlösen von 1,16 Milliarden Euro vor dem FC Barcelona mit 974 Millionen, dem FC Bayern München mit 860 Millionen und Paris Saint-Germain mit 837 Mi­llionen. Dahinter folgen jedoch gleich sechs englische Vereine, deren Einnahmen sich auf einem ähnlich hohen Niveau bewegen – darunter Arsenal, Chelsea und Tottenham.Das Stadion von Tottenham Hotspur: Dreissig Events jährlich neben dem Fussball generieren zusätzliche Einnahmen.Ryan Crockett / GettyDer Grund für diese zahlenmässige Überlegenheit zeigt sich in einer anderen Statistik: Nach Berechnungen des Finanzdienstleisters Deloitte erwirtschafteten die Vertreter der Premier League in jener Saison 8,1 Milliarden Euro. Das war fast doppelt so viel, wie die Klubs der deutschen und spanischen Liga erzielten, zweieinhalbmal so viel wie jene der italienischen und viermal so viel wie jene der französischen Liga.Die erheblichen Unterschiede erklären sich allerdings nicht allein durch die deutlich höheren Einnahmen aus den nationalen und internationalen Fernsehrechten der Premier League. Auch bei den kommerziellen Erlösen – etwa aus Sponsoring und Merchandising – sowie bei den Spieltagseinnahmen, insbesondere dem Ticketverkauf, liegen die englischen Klubs im Schnitt mit grossem Abstand vorn.Dabei gewinnt der Standort der Vereine zunehmend an Bede­u­tung. In wohlhabenden Regionen wie London verfügen die Fans über eine höhere Kaufkraft, so dass die Klubs höhere Preise für Eintrittskarten und Fanartikel verlangen können. Zugleich sind sie für Werbepartner attraktiver und profitieren vom stetigen Strom an Touristen, der etwa durch Stadionbesichtigungen zusätzliche Einnahmen verspricht.Höhere Ticketerlöse dank dem neuen StadionAnschaulich zeigt sich das am Fall von Tottenham Hotspur. Nach der Eröffnung des neuen Stadions an der White Hart Lane stiegen die Ticketerlöse von 45 Millionen Pfund auf 126 Millionen Pfund. Die kommerziellen Einnahmen legten von 73 auf inzwischen 277 Millionen Pfund zu. Einen unverkennbaren Anteil daran hat die auf eine Kapazität von 60 000 Zuschauern erhöhte Spielstätte, in der neben den Heimspielen des Klubs bis zu dreissig weitere Veranstaltungen pro Jahr stattfinden können.Die zusätzlichen Einnahmen verschaffen Tottenham grösseren sportlichen Spielraum: Nach einer Saison, in der der Verein dem Abstieg nur knapp entging, weist er momentan ein Transferminus von rund 200 Millionen Euro auf.Umgekehrt verhält es sich zum Beispiel bei Aston Villa und Newcastle United. Beide Klubs verfügen zwar über Milliardeneigner. Doch in die Jahre gekommene Stadien und weniger kapitalstarke Standorte bremsen die Entwicklung der ambitionierten Vereine. In diesem Sommer mussten Villa und Newcastle ihre besten Spieler ziehen lassen – bezeichnenderweise wechselten diese häufig zu Londoner Klubs. Der Mittelfeldspieler Sandro Tonali, der für 108 Millionen Euro von Newcastle zu Tottenham übersiedelte, begründete seinen Wechsel unverblümt mit «Lifestyle- und Familienentscheidungen». Gemeint war damit wohl die Anziehungskraft Londons.Am Deadline-Day wird sie noch einmal besonders sichtbar. Für einen Tag dreht sich in der Stadt alles um Fussballer, Transfers und Verträge – bevor die Geschäfte wieder dorthin zurückkehren, wo sie in London seit je zu Hause sind: an die Finanzmärkte.Passend zum Artikel