Unter den offen gegen das trumpisierte Amerika gerichteten Songs sind die der Band Low Cut Connie aus Philadelphia vielleicht die mutigsten, vor allem aber sind sie nicht nur gesungene Pamphlete, sondern schmerzgesättigte Balladen wie „Human Condition“. Das Album „Livin’ in the U.S.A.“ (Contender Records) hat zwar als Titelsong eine regelrechte Antihymne, ist aber in seiner Besinnung auf Retro-Rockmusik dann doch wieder rührend patriotisch, auch wenn das nicht alle Konzertveranstalter in den Vereinigten Staaten einsehen und einige die Band wieder ausluden. Sänger Adam Weiner reagiert darauf mit einem „jetzt erst recht“. Er hat verschiedentlich Haltung bewiesen, etwa in der Affäre um das Kennedy Center, und sogar wüste Beschimpfungen gegen das moralische Vakuum der autoritären Regierung losgelassen, die zudem keinen Sinn für Kunst habe. Weiner dagegen hat einen Sinn für Aufrührerisches: „Rock ’n’ roll is a table flipping artform. It’s time to flip the table again“, sagte er vor Kurzem. wielAn der prächtigen Basilika S. Maria Maggiore in Bergamo (ihr Besuch ist eine Messe wert) wirkte bis 1767 der Geiger und Komponist Lodovico Ferronati — unbegreiflich, warum seine Musik nahezu vergessen ist! Thomas Chigioni und das Ensemble Locatelli stellt sie nun vor ([Integral]/harmonia mundi). Sie entdeckten Handschriften Ferronatis in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien und der Sächsischen Landesbibliothek Dresden und machten sich ans Werk: Fünf Concerti, teils mit Solovioline, beschenken uns mit ebenso virtuos wie einfühlsam gespielter abwechslungsreicher Musik. Das melancholisch-zarte Adagio aus dem D-Dur-Concerto mit seinen unverbundenen Akkorden und der verlorenen Cello-Melodie lässt die Zeit erstarren. Die beiden Solomotetten werden schön gesungen von Francesca Longa mit jugendlichem Sopran und Margherita Maria Sala mit warmem, dabei leicht ansprechenden Alt; das ist spirituelle und sinnliche Freude auf Goldgrund. artEinen unvergleichlich eleganten Anschlag hat der argentinische Gitarrist Martin Iaies, der seit Jahren in Österreich lebt. Er beginnt „People. Places.“ (Challenge/Bertus), sein aktuelles Album, nicht ohne Grund mit dem Stück „Graz“ – die Stadt hat ihn einst willkommen geheißen. Zu dem zwölfköpfigen Ensemble, dessen herausragende Protagonisten die Altsaxophonistin Alana Macpherson, der Pianist Thomas Quendler und der Bassist Maximilian Kreuzer sind, gesellt sich der Sopransaxophonist und Bassklarinettist Klaus Gesing, der durch seine Zusammenarbeit mit der britischen Sängerin Norma Winstone bekannt geworden ist. „Klaus einzuladen erschien mir anfangs fast surreal“, gibt Iaies zu. Doch der Düsseldorfer sorgt nicht nur für zusätzliche Klangfarben, sondern ist ein zentraler Bestandteil der musikalischen Welt, die Iaies auf „People. Places.“ entworfen hat – und natürlich ist sein Bassklarinetten-Solo auf „In an Unknown Mood“ herausragend. rothSeit 2007 haben sich Gerd Schaller und das Label „hänssler Profil“ die Symphonik Anton Bruckners zur gemeinsamen Langzeitaufgabe gemacht. Nun hat der Dirigent dessen 9. Symphonie mit dem London Philharmonic Orchestra eingespielt: sein insgesamt fünfter (!) CD-Anlauf auf dieses Lebens-Abschlusswerk mit Schallers dritter, immer weiter qualifizierten Eigenfassung des unvollendeten Finales – respektabel und so nah wie möglich an Bruckners Intentionen. Der Sprung über den Ärmelkanal hat sich gelohnt. Wohl klingen die Londoner weniger archaisch-erdig als die sonst agierende „Philharmonie Festiva“, aber dafür kommt Extra-Licht ins kolossale Klanggebäude. Durchsichtig und mit bezaubernd hellen Farben erblüht diese „Neunte“ als inniger Hoffnungsgesang: Plötzlich hört man mitten im fäusteballenden Kopfsatz Vogelstimmen, und selbst die Schreckensakkorde des Adagios bekommen ein schmerzoffenes, doch nicht vernichtendes Dunkelglut-Leuchten. gfel