Wie keine andere Epoche hat die Rezeption der Barockmusik im Laufe der Zeit reihenweise „bekannte Unbekannte“ unter den Komponisten hervorgebracht. Namen, die man schon gehört hat, von denen man vielleicht ein Werk nennen, sich aber nicht an dessen Musik erinnern könnte. Im Falle des Monteverdi-Schülers Francesco Cavalli war der Schatten seines Lehrers zu groß und das Aufführungsmaterial lange zu lückenhaft, um sich in den Spielplänen festzusetzen. Dabei taucht er immer wieder auch an großen Häusern auf; so brachte etwa die Oper Zürich 2022 seinen erst 1999 wiederentdeckten „Eliogabalo“ zur Premiere, und im vergangenen Festivalsommer zeigte man in Aix-en-Provence „La Calisto“. Die Liveaufnahme führt jetzt vor, dass dieses Werk von Monteverdis wichtigstem Nachfolger längst zur ersten Riege der Barockopern gehören müsste.Zur Uraufführung im Jahre 1651 musste sich Cavalli mit nur sechs Instrumentalisten zufriedengeben – drei für das Continuo, dazu drei Streicher –, doch fasste das venezianische Teatro Sant’Apollinare auch nur hundert bis zweihundert Besucher. Weil man aber in Aix nicht im Stadthaus, sondern auf der Freiluftbühne für 1300 Gäste spielt, erstellte der Dirigent Sébastien Daucé eine neue Fassung. Als Vorlage dienten ihm dazu die Werke, bei denen Cavalli ein größeres Orchester zur Verfügung stand, etwa beim luxuriös ausgestatteten „Ercole amante“ den er 1660 für die Hochzeit Ludwigs XIV. mit Maria Theresia von Spanien schrieb – und das als Italiener!Daucé erweiterte also den Orchestersatz um zwei Bratschenstimmen und fügte Bläser wie auch Perkussion zu einer farbsatten Textur zusammen, die die teils spröde Klanguniformität früherer Aufnahmen abstreift. Zusätzlich hat er die Partitur mit Instrumentalsätzen – sinfonie – vervollständigt, die zwar vorgesehen waren, aber nicht verwirklicht wurden. Die Musik dazu fand er bei Cavalli selbst und bei seinen norditalienischen Zeitgenossen. Eine im besten Sinne authentische Aufführungspraxis!Will man begreifen, wie verschieden ein und dasselbe Werk auch, oder gerade wegen, einer solchen historisch informierten Herangehensweise klingt, muss man bloß die 1995 unter René Jacobs entstandene Aufnahme mit dieser vergleichen. Das eigentümliche Libretto – eine Bearbeitung des antiken Calisto-Mythos von Cavallis langjährigem Librettisten und Leiter des Teatro Sant’Apollinare, Giovanni Faustini – ließ Daucé dabei, von Rezitativstrichen abgesehen, unangetastet. Da wird die Nymphe Calisto aus dem Gefolge der Jagdgöttin Diana vom Göttervater Jupiter umgarnt, doch weil die von Männern gar nichts wissen will, erscheint er ihr einfach in Gestalt ihrer Angebeteten.Bei Ovid folgt an dieser Stelle die Vergewaltigung der jungen Frau; Faustini hingegen verklärt das in ein Spiel, bei dem sich die Jungfrau der neu empfundenen Lust hingibt. Ist es nun die Äußerlichkeit Dianas oder der Charakter Jupiters, zu dem sich Calisto hingezogen fühlt? Für Diana ist diese Unterscheidung ohnehin nur Klein-Klein; großzügig übersieht sie die eigene Keuschheitsheuchelei, als sie die Nymphe aus ihrem Gefolge verstößt, während sie sich heimlich mit dem Hirten Endimione treffen muss. Als auch noch die geifernde Juno vom Ehebruch ihres Mannes erfährt, wird die arme Calisto schließlich mit einer Verwandlung zur grässlichen Bärin aus dem Liebesspiel gezogen. In einem Anflug von Gnade befreit Jupiter sie von ihrem Dasein als Boxsack der göttlichen Sexualmoral und verfrachtet sie als Sternbild des Großen Bären ans Firmament.Francesco Cavalli: La Calisto. Ensemble Correspondances, Sébastien Daucé.HMM 902801.03 (Harmonia Mundi)Harmonia MundiDieses Nebeneinander von existenzieller Tragik und bukolischem Ringelpiez, von Lust und Gewalt zwischen Menschen und Göttern, Halbgöttern und Fabelwesen ist ein ausgesprochenes Phänomen des hochbarocken Venedigs mit seiner liberalisierten Moral. Und auch musikalisch zeigt sich, wie weit man hier, Mitte des 17. Jahrhunderts, noch vom starren Wechselspiel zwischen Da-capo-Arien und Rezitativen der spätbarocken Opera seria entfernt war. Cavalli orientiert sich am kleinteiligen monodischen Stil Monteverdis, bei dem das Gewicht auf den rezitativischen Passagen liegt, die aber nicht steif im Secco deklamiert werden, sondern geschmeidige Vorbereitung und Fortsetzung der flüchtigen Ariosi sind.Was gerade beim Hören einer Aufnahme zäh werden kann, entwickelt sich hier zum Rausch konzentrierter Sinnlichkeit, wie sie nur die Musik des Barocks entfalten kann. Da glühen die perlenden Akkorde der Theorbe vor Empfindung, und unaufhörlich tänzelt die Partitur durch Freud und Leid! So organisch geht das Parlando in Ariosi über, so schlüssig sind die Instrumentalsätze platziert, dass man schon an die dramatischen Ideale Glucks und Wagners denkt. Dass dieser Eindruck entsteht, ist zuvorderst das Verdienst des Ensemble Correspondances und Sébastien Daucés, die hier auch dank der Orchesterfassung ihr charakteristisch dunkel timbriertes Klangprofil mit schimmernden Bläserfarben und feiner Artikulation zum Sprechen bringen.Dieser instrumentale verwebt sich dann mit dem vokalen Erzählfaden, den die allesamt klug gestaltenden Stimmen des Ensembles fortspinnen. Calistos Lamento „Piangete“ oder ihre sanft tänzelnde Elegie „Restino imbalsamate“ etwa singt die Sopranistin Lauranne Oliva mit untrüglichem Gespür für Phrasenhöhepunkte, die sie beinahe tastend artikuliert, dabei jede Dissonanz auskostet und ihr warmes Timbre ideal mit dem Klangbild des Ensembles verbindet.Ihr zur Seite steht Alex Rosen, der nicht nur im Figurenverzeichnis doppelt besetzt ist, sondern auch stimmlich Jupiter und „Diana in Jupiter“ trennen muss. Als travestierter Göttervater setzt er die Kopfstimme so sicher ein, dass man fast die Absurdität dieser venezianischen Farce vergisst. Hingegen verleiht sein Bass mit klarer Höhe Jupiter die nötige Autorität, ohne bei all der Liebelei behäbig zu wirken. Das vermutlich bekannteste Stück – „Lucidissima face“ – wird schließlich weder Göttern noch Nymphen zuteil, sondern Dianas geliebtem Hirtenknaben Endimione, der von Paul-Antoine Bénos-Djian mit ungewöhnlich sattem, voluminösem Countertenor gesungen wird.Francesco Cavalli: La Calisto. Ensemble Correspondances, Sébastien Daucé Lauranne Oliva (Calisto), Alex Rosen (Jupiter), Anna Bonitatibus (L’Eternitá, Juno), Anna Bonitatibus (Diana), Paul-Antoine Bénos-Djian (Endimione) HMM 902801.03 (Harmonia Mundi)
"La Calisto" von Cavalli mit Sébastien Daucé
Sébastien Daucé legt eine Neuaufnahme von „La Calisto“ des Monteverdi-Schülers Francesco Cavalli vor. Das ist barocke Oper ersten Ranges.






