»Ich habe eine vierjährige Enkeltochter. Kürzlich habe ich ihr bei einem Familientreffen gezeigt, wie ein ›Nasenkuss‹ funktioniert (man berührt sich kurz mit der Nasenspitze). Dann wollte sie, dass sich unsere herausgestreckten Zungenspitzen kurz berühren. Wir haben das einige Male gemacht und viel gelacht dabei. Als ich mich später mit meiner Frau über das Treffen unterhalten habe, hat sie mich darauf hingewiesen, dass mein Verhalten gegenüber der Enkelin übergriffig gewesen sei, was ich allerdings nicht so nachempfinde. War mein Verhalten falsch?« Klaus O., MünsterIIch kann mir vorstellen, dass es extrem unangenehm für Sie ist, von Ihrer Frau in ein so komisches Licht gerückt zu werden. Und ich glaube Ihnen, dass dieses Spiel total harmlos war. Dass Sie einfach nur albern den Vorschlägen Ihrer Enkeltochter folgten, was ja wahnsinnig nett ist. Man kann sich doch eigentlich gar nichts Schöneres vorstellen als einen Großvater, der so lustig mit seiner Enkelin herumalbern kann. Honni soit qui mal y pense, wie es heißt (ein Schuft, wer Böses dabei denkt). Aber nun ist Ihre Frau immerhin Ihre Frau. Sie wird Ihnen bestimmt nichts Perverses unterstellen. Und findet offenbar trotzdem, dass an einem arglos Zunge gegen Zunge pressenden Enkelin-Großvater-Paar etwas nicht richtig ist. Halten wir noch einmal etwas ganz Wichtiges fest: Niemand unterstellt Ihnen böse Absichten.Aber. Wir sind doch alle enorm aufgeschreckt durch das, was so unerträglich oft ans Licht kommt. Es gibt eben leider wahnsinnig viele Menschen (Männer), die Kinder sexuell missbrauchen. Und wie wichtig ist es da, Kinder nicht ins Unklare kommen zu lassen, wo eine Grenze ist und wo diese überschritten wird? Vielleicht haben Sie selbst während dieses Spiels plötzlich in sich das Gemüt eines Vierjährigen wieder gespürt. Wie schön. Aber man sollte sich als erwachsener Mensch beim Umgang mit einem Kind immer bewusst darüber sein, wer man ist – und wer das Gegenüber. Denken Sie daran: Eine Vierjährige lernt ständig dazu. Und fragen Sie sich, welche Grenzen eine Vier-, Fünf-, Sechsjährige im Umgang mit Erwachsenen kennen sollte. Dass es falsch sein kann, seine Zunge an die Zunge eines erwachsenen Mannes zu pressen, kann ein Kind ja nur lernen, wenn die Erwachsenen, die es gut mit ihm meinen, dieses Verhalten nicht als normal etablieren. Die gute Nachricht: Man kann auch ganz albern spielen, dass man etwas auf gar keinen Fall mag.
Wo endet das Spiel und wo beginnt das Problem?
Die Enkeltochter fand es lustig, wenn ihre herausgestreckte Zungenspitze die des Großvaters berührt. Die Oma findet das Spiel ging zu weit. Johanna Adorján weiß Rat.






