André Rankel weiß, wie es sich anfühlt, die Komfortzone zu verlassen. 2003 sollte der damals 17-Jährige seinen Westberliner Heimatverein Capitals verlassen, um ausgerechnet zum Ostklub Eisbären zu wechseln. Keinen Verein konnte er weniger leiden, hat er am Donnerstag noch mal erzählt, „das war keine leichte Entscheidung“. Aber er traf sie dann doch – und sie sei „die beste meines Lebens“ gewesen. Rankel blieb 23 Jahre bei den Eisbären, gewann sieben Meisterschaften, wurde Kapitän und Rekordtorschütze. Danach arbeitete er ab 2023 als Ko-Trainer, da folgten die nächsten drei Meisterschaften.Aber es ist nicht sein Alter, das seine Wahl so überraschend macht, es ist seine fehlende Erfahrung. Im Profibereich hat er noch nie als Cheftrainer gearbeitet. Ob gerade er in der Lage sein wird, nach drei verkorksten Turnieren die Stimmung in und um die Nationalmannschaft zu drehen? Und das neun Monate vor der Heim-WM? Noch ist das unklar.Rankel hat von den Meistertrainern gelerntChristian Künast glaubt dran. Denn Rankel, der bis Sommer 2030 unterschrieben hat, sei „für mich kein Rookie“, sagte der DEB-Sportvorstand. „Er weiß viel, er hat viel mitgenommen, das ist das Entscheidende.“ In der Tat lernte Rankel von den Berliner Meistertrainern Pierre Pagé, Don Jackson und Serge Aubin. Und von jedem habe er sich etwas abgeschaut. Allerdings wolle er die DEB-Auswahl nicht zu den Eisbären 2.0 machen, „hier beginnt etwas Neues“.Was gut zu einem Verband passt, der gerade viel neu macht. Erst organisierte sich der DEB um – mit einem Aufsichtsrat und hauptamtlichen Vorständen. Dann stellte er einen Zehn-Punkte-Plan für die Zukunft auf. Aber das sei „nur die Struktur“, sagte der Vorstandsvorsitzende Frank Lutz, wichtiger seien die Menschen. Menschen wie Rankel, den Lutz gleich zur „Galionsfigur“ erhob.Das war etwas viel des Guten, aber es braucht jetzt wirklich ein neues Gesicht. Denn die jüngere Vergangenheit, die im Juni zur Entlassung von Harold Kreis führte, war besorgniserregend: Die Weltmeisterschaften 2025 und 2026 endeten jeweils nach der Vorrunde, bei Olympia im Februar scheiterte die „beste deutsche Mannschaft aller Zeiten“ im Viertelfinale krachend an einer maximal mittelguten Slowakei.Nicht nur aus Sicht der NHL-Stars um Leon Draisaitl habe dem DEB-Team da die Identität gefehlt. Wird wie früher vor allem gearbeitet oder lassen die Hochbegabten um Draisaitl einen eher spielerischen Ansatz zu? Zuletzt wusste keiner, wofür das deutsche Eishockey steht. Hinzu kamen organisatorische Schwächen, die der verantwortliche Christian Künast hinterher eingestand. Für die anschließende WM im Mai sagten diverse Spieler ab. Und wie aus Mannschaftskreisen zu erfahren war, lag das längst nicht nur an Verletzungen.Neue „Kultur aufbauen“Rankel weiß um seine Hauptaufgabe. Es gehe darum, „dass wir eine Kultur aufbauen, wo jeder mit dabei sein will und alles gibt für diesen Erfolg“. Hinzu kommen vor der Heim-WM diverse öffentliche Termine. Nun ist er nicht auf den Mund gefallen, aber konkret wurde er am Donnerstag selten. Wie er die Identitätsdebatte auflösen will? Malochen oder zaubern? Beides, „ohne harte Arbeit kann Talent nicht gewinnen“.André Rankel möchte als Bundestrainer „schnelles, attraktives und smartes Eishockey“ sehen.dpaEr wolle „schnelles, attraktives und smartes Eishockey“ sehen, aber die Basis seien immer „Glaube, Wille und Leidenschaft“. Das klang nicht sonderlich revolutionär. Zwar muss Rankel nicht alles umkrempeln, aber etwas Aufbruchstimmung wäre schon nett. Es geht ja auch darum, das genervte Publikum wieder zu begeistern. Schließlich braucht der DEB bei der WM im Mai 2027 volle Hallen, um mit dem Millionengewinn seine nächsten Jahre zu finanzieren.Vergebliche Suche nach einem erfahrenen BundestrainerGerade deswegen hatte die Branche einen erfahrenen Bundestrainer erwartet. Aber es gab da ein Problem: Es sollte ein Deutscher werden, und die sind rar, in der DEL setzen gerade mal zwei von 14 Klubs auf heimische Trainer. Nicht mal die Berliner tun das. Als sich Serge Aubin kürzlich zum SC Bern verabschiedete, beförderten die Eisbären nicht etwa Rankel, sie holten den Kanadier Éric Dubois, den Ko-Trainer aus Ingolstadt.Für Berlin zu schlecht, für die Nationalmannschaft gut genug? Was umso überraschender wirkt, da Eisbären-Aufsichtsrat Peter John Lee dem DEB dabei half, den neuen Bundestrainer zu finden. Rankel selbst wollte sich nicht dazu äußern. Warum die Berliner nicht auf ihn setzten, müsse „man andere fragen“. Er konzentriere sich jetzt auf seinen neuen Job. Seinen ersten als Cheftrainer. Und gleichzeitig den größten im deutschen Eishockey.
Andre Rankel: Wer ist der neue Eishockey-Nationaltrainer?
Trotz fehlender Erfahrung steigt André Rankel zum Trainer der DEB-Auswahl auf. Vor der Heim-WM soll er nicht nur dem Team eine neue Identität geben, sondern muss auch die Fans für sich gewinnen.










