Der Chip-Krieg erreicht die Logistikbranche: Kühne + Nagel nimmt nach Ermittlungen der US-Strafbehörden asiatische Tochter unter die LupeDer Export der meisten KI-Halbleiter von Nvidia nach China ist verboten. Schmugglern eröffnet sich dadurch ein Milliardengeschäft. Logistikfirmen müssen genau schauen, mit wem sie zusammenarbeiten.31.08.2026, 12.04 Uhr4 LeseminutenEine Tochtergesellschaft von Kühne + Nagel in Singapur soll verbotenerweise Gestelle mit Nvidia-Chips nach China geschleust haben.Benoit Tessier / ReutersFür den Logistikkonzern Kühne + Nagel ist es eine neue und unbequeme Erfahrung. Das Unternehmen, dessen Mitarbeiter letzte Woche auch vom Tod des langjährigen Chefs und Grossaktionärs Klaus-Michael Kühne erfuhren, sieht sich auf einmal in den Chip-Krieg zwischen den USA und China verwickelt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wie am vergangenen Donnerstag als Erstes die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete, ermitteln US-Behörden gegen eine grosse asiatische Tochterfirma von Kühne + Nagel. Dem Unternehmen Apex Logistics mit Sitz in Singapur wird Beihilfe im Schmuggel von wertvollen Nvidia-Chips nach China vorgeworfen. Der US-Technologiekonzern Nvidia ist weltweit führend in der Entwicklung von besonders leistungsstarken Halbleitern zum Training und Einsatz von Modellen im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI).Rennen um die Vorherrschaft bei der künstlichen IntelligenzSchon 2022 verboten die USA unter Präsident Joe Biden Nvidia den Export dieser Produkte ins Reich der Mitte. Die USA und China befinden sich seit mehreren Jahren in einem technologischen Wettrennen um die Vorherrschaft bei der künstlichen Intelligenz. Die Exportbeschränkungen aufseiten der Vereinigten Staaten sollen gewährleisten, dass das Land seinen Vorsprung möglichst lange halten kann.Wegen des Ausfuhrverbots ist indes auch ein milliardenschwerer Schwarzmarkt entstanden. Laut Branchenexperten gibt es zahlreiche kleine und grössere Organisationen, die trotz dem Verbot versuchen, Nvidia-Chips für teures Geld in China zu verkaufen. Teilweise bieten Mittelsmänner ihre Dienste offen auf chinesischen sozialen Netzwerken an, wie Recherchen der «Financial Times» gezeigt haben.Falsche KennzeichnungenUm die begehrten KI-Chips an der Aufsicht amerikanischer Behörden vorbei in die Volksrepublik zu schleusen, betreiben die Schmuggler einen grossen Aufwand. Bei Apex profitierten sie laut Bloomberg davon, dass sich zwei damalige Mitarbeiter des Logistikunternehmens bereit erklärten, 2024 falsche Kennzeichnungen für den Transport von Gestellen (Racks) mit Nvidia-Chips zu verwenden. Dadurch fielen die Racks, die für den Einsatz in Servern von chinesischen Rechenzentren bestimmt waren, nicht unter die amerikanischen Exportkontrollen.Zudem wurden die Produkte nach der Herstellung in Taiwan zunächst in die USA verfrachtet. Von dort transportierte man die Racks an einen Ort in Asien ausserhalb Chinas. Danach gelangten sie nach Hongkong und erst von dort ins Reich der Mitte. Diese Umwege dienten ebenfalls der Verschleierung.Auch gegen Hersteller von Server-Racks wird ermitteltZusammengebaut wurden die Gestelle mit den Nvidia-Chips, wie Bloomberg ebenfalls mit Verweis auf informierte Kreise berichtete, vom US-Unternehmen Super Micro Computer. Die Firma mit Sitz im kalifornischen San Jose ist auf die Ausrüstung von Rechenzentren spezialisiert und verzeichnete in den vergangenen Jahren wegen des KI-Booms ein enormes Wachstum. Im zurückliegenden Geschäftsjahr (per Ende Juni 2026) stieg ihr Umsatz um fast 80 Prozent auf 39 Milliarden Dollar.Das Unternehmen war seinerseits im vergangenen März ins Visier der US-Behörden geraten. Strafverfolger warfen dem Mitgründer der Firma, Yih-Shyan Liaw, und zwei weiteren Personen vor, Server im Wert von mehreren Milliarden Dollar nach China geschleust zu haben.Auch in diesem Fall wurden die Produkte nicht direkt von Taiwan in die Volksrepublik ausgeführt. Das Trio verkaufte sie stattdessen offenbar erst an eine Drittfirma in einem südostasiatischen Land und koordinierte dann den Weitertransport zu den Endkunden in China. Die Anklage veranlasste Liaw, aus dem Verwaltungsrat von Super Micro auszutreten.Kühne + Nagel sichert Kooperation mit Behörden zuWie Kühne + Nagel auf Anfrage der NZZ erklärte, sind die fehlbaren Mitarbeiter längst nicht mehr für Apex tätig. Der Konzern betont zudem, dass seine Tochterfirma vollständig bei der Untersuchung der amerikanischen Regierung kooperiere.Apex gelangte im Frühjahr 2021 in den Besitz von Kühne + Nagel. Das Unternehmen aus Singapur, das vor allem auf Lufttransporte zwischen Asien und Nordamerika spezialisiert ist, erzielte damals einen Umsatz von 2,1 Milliarden Franken. Die Zahl der Mitarbeiter betrug 1600. Die Akquisition gilt bis heute als die grösste in der Geschichte von Kühne + Nagel.Wenige Wochen nach dem Vollzug der Übernahme stieg zudem der Zuger Finanzinvestor Partners Group bei Apex ein und erwarb eine Minderheitsbeteiligung von 24,9 Prozent. Diese verkaufte er vergangenen Oktober Kühne + Nagel zurück, offenbar auf Wunsch des Logistikkonzerns aus Schindellegi. Normalerweise halten Private-Equity-Firmen Beteiligungen fünf Jahre und länger.Der Aktienkurs von Kühne + Nagel reagierte am vergangenen Donnerstag auf das Bekanntwerden der Untersuchung gegen Apex zunächst mit einem Kursverlust von bis zu über 4 Prozent. Bis zum Handelsende verblieb indes ein Verlust von lediglich 1,8 Prozent. Im Verlauf des Freitags und Montags machten die Titel des Logistikkonzerns auch diesen vollständig wett und kletterten auf ein 52-Wochen-Hoch.Kühne + Nagel profitiert von boomenden Geschäften mit der Luftfracht. Diese erfreuen sich einer stark gestiegenen Nachfrage, weil wichtige Schifffahrtsrouten wegen des Iran-Kriegs immer wieder blockiert sind. Im zurückliegenden zweiten Quartal erhöhte der Konzern den Umsatz um 8 Prozent auf 6,6 Milliarden Franken.Das Einschreiten der amerikanischen Behörden sollte für das Management gleichwohl eine Warnung sein. Erstmals sind gegen ein Unternehmen aus der Logistikbranche Abklärungen wegen der Beteiligung an illegalen Geschäften mit Halbleitern gestartet worden. Der Chip-Krieg zwischen den USA und China dürfte noch lange nicht zu Ende sein. Auch Frachtspezialisten müssen genau schauen, dass sich nicht ins Fadenkreuz der amerikanischen Justiz geraten.Passend zum Artikel