Es ist ein Schritt von großer Symbolkraft. An diesem Montag übernimmt der ungarische Staat endgültig die Aufgaben des „Mathias Corvinius Collegiums“ (MCC), jener Bildungseinrichtung, die wie keine andere für das hybride internationale Netzwerk des abgewählten Ministerpräsidenten Viktor Orbán stand. Die Regierung habe „keine rechtliche Möglichkeit“ gesehen, den Betrieb in alter Form fortzuführen, hieß es in einer Erklärung von Ministerpräsident Péter Magyar.Mit der Entscheidung endet kurz vor dem Semesterstart eine lange Hängepartie. Denn auch wenn die Auflösung der „KEKVA“ genannten Stiftungen, durch die Orbáns Partei Fidesz Milliarden in parteinahe Netzwerke gepumpt hatte, zu den zentralen Wahlversprechen Magyars gehörte, ist der Fall des MCC nicht so einfach. Zu dem vor 30 Jahren von einem Fidesz-nahen Stifter gegründeten Bildungsinstitut gehörte nicht nur ein weitverzweigtes Netzwerk an politischen Aktivitäten, Firmen und Beteiligungen, sondern auch diverse Bildungseinrichtungen im ganzen Land mit Programmen zur Begabtenförderung, Stipendien und Wohnheimen.Milliarden sollten für den Fall eines Machtverlustes gesichert werdenUnd anders als es die Zuschreibung als „Orbáns Kaderschmiede“ nahelegte, nutzten nicht nur Fidesz-nahe Studenten die Angebote des MCC. In dem ansonsten weitgehend unterfinanzierten ungarischen Bildungssystem hatten die gut ausgestatteten Programme große Anziehungskraft.Tatsächlich sind das MCC und die übrigen KEKVA-Einrichtungen typisch für Orbáns Machtsystem. 2021 hatte die Regierung die meisten einst öffentlichen Universitäten und zahlreiche Institute in sogenannte „Stiftungen zur Verwaltung von Vermögenswerten von öffentlichem Interesse“ (KEKVA) überführt und teils mit erheblichen Finanzmitteln ausgestattet. Allein das MCC bekam je zehn Prozent der Anteile am staatlichen Erdölkonzern MOL und am Pharmakonzern Richter Gedeon, insgesamt rund eine Milliarde Euro.Als offizielle Begründung diente, dass die Bildungseinrichtungen auf Dauer von staatlichem Einfluss gelöst werden sollten. Doch da Orbán sämtliche Kuratorien mit Loyalisten besetzte, war unübersehbar, dass hier Milliardenressourcen in ein System umgeleitet wurden, das langfristig unter Kontrolle des Fidesz gehalten werden sollte. Selbst im Fall eines Machtverlustes, so sah es damals aus, hätte eine neue Regierung nicht auf das Vermögen der KEKVA zugreifen können. Dass eine Partei wie Magyars Tisza eine Zweidrittelmehrheit im Parlament erreichen und damit die Regeln gänzlich neu schreiben könnte, schien damals unvorstellbar.Im Fall des MCC war die Bindung an den Fidesz vollkommen offen. An der Spitze des Kuratoriums stand Orbáns politischer Direktor Balász Orbán, der mit dem früheren Ministerpräsidenten zwar nicht verwandt ist, aber zum inneren Zirkel der Macht gehörte und für Orbán enge Beziehungen zur amerikanischen MAGA-Bewegung unterhielt. Mit den immensen Finanzmitteln wurden das MCC und andere durch KEKVA getragene Einrichtungen wie das „Danube Institute“ zu den wichtigsten Angelstellen zwischen der europäischen Rechten und MAGA.Wer Rang und Namen hatte, kam nach Budapest ans MCCDurch Zukäufe und Partnerschaften konnte das MCC sein Netzwerk auch in Europa ausweiten. Hinzu kamen wirtschaftliche Beteiligungen, etwa an der Buchhandelskette Libri, durch die man auch Einfluss auf den Verlagsmarkt bekam, oder die Übernahme des Magazins „Mandiner“, das sich an der Propagandaschlacht der Orbán-nahen Medien gegen die damalige Opposition beteiligte.Wer Rang und Namen im internationalen Netzwerk der „Antiglobalisten“ hatte, kam damals ans MCC und konnte auf üppige Gagen vertrauen. Welchen Stellenwert das Institut hatte, zeigte sich wenige Tage vor der Parlamentswahl im April, als sich US-Vizepräsident J. D. Vance auf einem Kurztrip zur Unterstützung Orbáns Zeit für eine Diskussionsveranstaltung am MCC nahm.Hat versprochen, aufzuräumen: Peter Magyar am 20. August in BudapestAFPDas änderte sich nach dem Wahltag abrupt. Der Direktor des Deutsch-Ungarischen Instituts für Europäische Zusammenarbeit am MCC, Bence Bauer, ist inzwischen zur offenen Kritik an Orbán übergegangen, wenngleich er noch immer gute Kontakte in den Fidesz hat. „Dass sich das MCC mit dem Magazin Mandiner so eindeutig politisch positioniert hat, war sicher ein Fehler“, sagt Bauer heute.Mit der Zweidrittelmehrheit im Parlament konnte Magyars Tisza-Partei das Milliardenvermögen der KEKVA wieder verstaatlichen. Den Gründern des MCC wurde angeboten, das Institut wieder zurückzunehmen, doch die Verhandlungen scheiterten, wohl auch, weil das enorm angewachsene MCC längst die finanziellen Möglichkeiten der einstigen Stifter überstieg.Bauer weist den Vorwurf, man habe eine „Kaderschmiede“ für Orbán betrieben, heute weit von sich, genau wie die Darstellung, dass er und sein Institut viele Jahre die illiberale Politik des Fidesz im deutschsprachigen Raum vermarktet hätten. „Die meisten unserer Tätigkeiten waren völlig unpolitisch“, meint Bauer. Und anders als die kostspieligen Amerikaverbindungen der Hausspitze unter Balázs Orbán habe sein Institut mit bescheidenen Mitteln ein Netzwerk für Dozenten und Studenten aufgebaut.Sonderregel für die großen UniversitätenBauer war vor seiner Zeit am MCC lange bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Budapest beschäftigt und pflegt seither Kontakte vor allem zu jenen Teilen von Union und FDP, denen ihre Parteien zu weit in die Mitte gerückt waren. Unter ihm wurde das MCC auch eine Anlaufstelle für bekannte deutsche Professoren, denen der Diskursraum in der Heimat zu eng geworden war, etwa der Dresdener Politikwissenschaftler Werner Patzelt.Während der frühere Kuratorium-Chef Balázs Orbán gegen die neue Regierung wettert und weiter auf das Netzwerk von MAGA und Antiglobalisten setzt, beschränkt sich Bauer lieber auf punktuelle Kritik an der neuen Regierung, etwa an der Absetzung von Präsident Tamás Sulyok. Er hat längst Kontakte in Magyars Tisza-Partei aufgebaut.Die Regierung hat nun angekündigt, jene „Programme und Tätigkeiten“ des MCC im Rahmen des Talentförderungsprogramms weiterzuführen, die „Werte schaffen und dem öffentlichen Interesse dienen“. Ob Bauers Institut darunterfällt, muss sich erst zeigen.Die 22 großen Universitäten, die unter Orbán ebenfalls in KEKVA überführt worden waren, haben noch ein Jahr Zeit, eine neue rechtliche Form zu finden. Bei Einrichtungen wie dem MCC hatte Magyars Regierung dagegen Druck gemacht und nur eine sehr kurze Frist bis zum 31. August gewährt. Als Grund diente der Verweis auf die eingefrorenen EU-Milliarden, obwohl Brüssel nicht die Auflösung der KEKVA-Stiftungen verlangt hatte, sondern vor allem die einseitige Besetzung der Kuratorien kritisierte.Fachleute wie József Péter Martin, der Leiter von Transparency International Ungarn, halten die Ungleichbehandlung dennoch für gerechtfertigt. „Universitäten sind langsame Institutionen und brauchen Zeit, um ihre Strukturen zu verändern“, sagt Martin. Vor allem aber seien die großen Hochschulen nicht so durchdrungen gewesen und hätten immer auch im öffentlichen Interesse agiert. „Die anderen KEKVA-Stiftungen waren vor allem dazu da, Geld der Bürger beiseitezuschaffen“, sagt Martin und meint damit auch das MCC.Er hat die feinen Unterscheidungen selbst kennengelernt. An einer KEKVA-Universität konnte Martin auch zu Fidesz-Zeiten einen Kurs über politische Korruption unterrichten. „Das war möglich“, berichtet er, „allerdings wurde man vom System diskriminiert.“ Eine feste Anstellung oder gar Beförderung wäre für einen wie ihn unmöglich gewesen. „Die obere Ebene der Universität war absolut Orbán-treu.“Viele Ungarn blicken nun gespannt darauf, was über den Verbleib der Vermögenswerte zutage treten wird, die unter dem Fidesz in das Stiftungsnetz geflossen waren. Am Freitag wählte das Parlament in Budapest die Universitätsprofessorin Anna Unger zur künftigen Leiterin des „Nationalen Amtes zur Rückgewinnung von Vermögen“ (NVVH). Dessen Einrichtung hatte Magyar schon am Tag nach seinem Wahlsieg versprochen, um möglichst viel Geld zurück in Staatshand zu bekommen, das in Zeiten der Fidesz-Herrschaft in anderen Kanälen verschwunden war.
Mathias Corvinus Collegium: Orbáns Netzwerk unter Staatskontrolle
Das Mathias Corvinus Collegium (MCC), ein Aushängeschild des Orbán-Systems, gerät unter staatliche Kontrolle. Aus der Einrichtung waren Milliarden in parteinahe Strukturen geflossen.









