Den Moment, in dem auch Novak Djokovic akzeptierte, dass hier etwas zu Ende geht, konnte man sehen. Er hatte noch einmal ein Spiel gewonnen. Irgendwie. Obwohl er sich kaum noch bewegen konnte, obwohl der 39 Jahre alte Tennisspieler immer mehr aussah wie ein 50 Jahre alter Tennisspieler. Djokovic schlurfte hinter die Grundlinie, stellte sich auf, wartend auf den nächsten Aufschlag seines argentinischen Gegners Mariano Navone und wirkte doch nicht bereit. Er schnaufte, kämpfte gegen die Tränen, dann ergab er sich. Genau 20 Ballwechsel später war der 24-malige Grand-Slam-Sieger in Runde eins der US Open ausgeschieden.Den Moment, in dem auch Novak Djokovic akzeptierte, dass etwas zu Ende geht, konnte man auch hören. Immer wieder, wenn der Serbe in den vergangenen Wochen und Monaten darüber sprach, wie lange er seine so grandiose Karriere noch fortsetzen will. Da waren zwar immer noch die Kampfansagen. Da war immer noch der feste Glaube, um die ganz großen Titel im Tennis spielen zu können. Aber da waren auch die Zweifel, ob es das alles noch wert ist. Der ständige Kampf, das ständige Anlaufen – das ständige Scheitern.„Ich kann mich diesem Leben nicht mehr zu 100 Prozent verschreiben. Ich muss auch Ehemann und Vater sein“, sagt Djokovic in einer TV-Dokumentation, die seit wenigen Tagen bei AmazonPrime verfügbar ist und sein Lebenswerk im Tennis ausleuchtet: „Wie lange tue ich mir das noch an? Wieso mute ich mir und meiner Familie das immer und immer wieder zu?“ Djokovic, das wird darin deutlich, bereitet sich schon länger darauf vor, dass sein Leben als Tennisprofi bald endet. Der Titel der Dokumentation lautet: „Der Wolf im Winter“. Nun scheint es, als käme der Wintereinbruch doch noch ein wenig früher als er es erwartet hat.Djokovic schleppt sich über den Platz6:7, 7:5, 6:4, 2:6, 1:6 hat Djokovic am späten Sonntagabend in New York gegen Navone verloren. Und auch in diesem mehr als viereinhalbstündigen Match gab es etliche Momente, in denen er in der Lage wirkte, einen Gegner wie jenen Weltranglisten-49. so klar zu dominieren, wie er das früher stets getan hatte. Doch mehr Momente gab es eben, in denen Djokovic weniger mit seinem Gegner als mit seinem Körper kämpfte. In den ersten drei Sätzen schien es Übelkeit zu sein, die ihn einschränkte. Mehrmals übergab er sich am Rand des Platzes. Ab Mitte des vierten Durchgangs kamen dann Rückenprobleme dazu. Am Ende schleppte er sich nur noch über den Platz.Es gab nicht wenige, die Djokovic bei diesen US Open noch einmal zum Favoritenkreis gezählt haben. Bei den Australian Open in diesem Jahr hatte er schließlich das Endspiel erreicht, in Wimbledon das Halbfinale, hatte bewiesen, dass er bei den Highlights noch immer liefern kann. Und nun fehlt in New York der Weltranglistenerste Jannik Sinner, scheint der Weltranglistenzweite Alexander Zverev nicht in Topform und kehrt der Weltranglistendritte Carlos Alcaraz gerade erst nach einer fast fünfmonatigen Verletzungspause zurück. Über Djokovics Leistungsstand konnte man dagegen nur rätseln, auf der Profitour macht er sich längst rar. Seit Juli hatte nur ein einziges Match bestritten, auch wenn er dies in der Hitze von Cincinnati verlor.Zuletzt hatte Djokovic fast schon trotzig reagiert, wenn man ihn auf sein womöglich nahendes Karriereende ansprach. „Ich weiß, dass mich schon seit vielen Jahren viele Leute in Rente schicken wollen. Aber ich bin immer noch in den Top 5, Top 10 der Welt“, sagte er beispielsweise vor den US Open. Tatsächlich genügten seine sporadischen Auftritte noch immer für Platz fünf in der Weltrangliste. „Warum sollte ich über Rücktritt reden, wenn ich mir selbst immer wieder beweise, dass ich noch gewinnen kann?“, fragte Djokovic deshalb.Der Serbe ist an einem Punkt, an dem schon so viele große Tennisspielerinnen und -spieler irgendwann angekommen sind. Er spürt, dass er noch immer so spielen kann, wie er das von sich kennt und erwartet, wenn er fit ist. Doch er spürt auch, dass er so richtig fit im Grunde kaum noch ist. In der Doku spricht auch sein ehemaliger Trainer Andre Agassi, der 2001 nach einer Niederlage bei den US Open gegen den Deutschen Benjamin Becker abtrat: „Das Ende kommt stets schnell“, sagt Agassi. „Ich hoffe für ihn, dass er nicht zu lange wartet.“