Die ersten Schlauchboote legen gerade vom Kreuzfahrtschiff ab, hinter der Stahlleiter drängen sich Passagiere in Anoraks und Gummistiefeln. Doch dann knarzt das Funkgerät: Ausflug abbrechen! Die Gäste murren enttäuscht – bis sie oben an Deck den Grund für die Absage sehen: Über den Klippen, in denen wir nistende Seevögel beobachten wollten, trottet ein Eisbär entlang. Durchs Fernrohr sieht man das Zottelfell und die Knopfaugen; wie sein Kopf hin und her schwingt, wie er innehält, die Schnauze hebt und Hunderte Meter entfernt grasende Rentiere erschnuppert. Und wie er sich plötzlich streckt und auf den Rücken rollt, um sich das Fell zu schubbern.„Das ist einer der größten Bären, die ich je gesehen habe“, sagt John Kernan. Das will was heißen. Der Mittfünfziger kommt seit 1991 als Guide auf Expeditionskreuzfahrten in die Arktis. „Früher konnten wir überall hinfahren und machen, was wir wollten“, erzählt er. Im Schlauchboot fuhr er dicht an Eisbären heran, 30 Meter Abstand genügten – solange man die Bären nicht störte. Was genau das bedeutet, war nicht definiert.
Doch nun gelten andere Spielregeln. Seit vergangenem Jahr müssen Guides 300 Meter Abstand zu Eisbären halten. Bis Ende Juni sind sogar 500 Meter vorgeschrieben, um die Anfang des Jahres geborenen Jungen zu schützen.Maßgeschneiderte ExpeditionsschiffeKernans Job wird dadurch knifflig. Denn natürlich wollen alle 77 Passagiere, die aus Kanada und den USA, China und Indien, Europa und Australien bis nach Spitzbergen geflogen sind, vor allem Eisbären sehen. Viele waren schon in der Antarktis, wo Kreuzfahrten fast immer ausgebucht sind. Die Pinguinkolonien dort seien bereits geschrumpft, sagt Kernan, weil zu viele Touristen die Vögel bei der Brut stören.Mit seinem verstärkten Stahlrumpf gleitet das Schiff durchs Packeis.Aristeidis ApostolopoulosDen 80. Breitengrad queren wir bald nach dem Frühstück. Bedächtig gleitet das Schiff ins PackeisIn Spitzbergen sieht er noch keine negativen Folgen des Tourismus. Die Arktis ist weit weniger berühmt. Dass die Hälfte der Betten leer bleibt wie auf dieser Reise, ist normal. Doch seit der Pandemie sei der Tourismus auch hier explodiert, sagt Kernan. Und der Boom geht weiter. Die Reedereien schicken nun maßgeschneiderte Expeditionsschiffe in die Arktis. Die nächste, luxuriösere Generation werde vor allem für den chinesischen Markt gebaut, sagt Kernan. „Dort gibt es viele Menschen, die hierherkommen wollen.“John Kernan kommt seit 1991 als Guide auf Expeditionsschiffen in die Arktis.Florian SanktjohanserEinstweilen aber ist Overtourism noch weit entfernt. Wir fahren durch Tafelberge, unten gestreift von Sedimentschichten, oben gerillt wie Zitronenpressen. Zwischen ihnen winden sich Gletscher zum Meer herab. Knapp 3000 Menschen leben in dem riesigen Archipel, konzentriert auf das Hauptstädtchen Longyearbyen, die russische Bergbausiedlung Barentsburg und ein paar Forschungsstationen. Zwei Drittel Spitzbergens sind Naturschutzgebiet. Seit vergangenem Jahr dürfen dort nur noch Kreuzfahrtschiffe mit maximal 200 Passagieren an 43 genau definierten Orten ihre Anker werfen. „An einigen Orten mit der reichsten Tierwelt dürfen wir jetzt nicht mehr landen“, sagt Kernan. Doch es bleiben viele grandiose Orte zum Erkunden, wie wir im Laufe dieser Woche sehen werden.Eisbären können überall sein„Wir gehen so viel raus, wie wir können“, sagt Leo Decaux beim ersten Briefing. „Ausflüge werden nur aus zwei Gründen abgesagt: Sturm und Nebel.“ Wenn die Guides nicht mindestens drei Kilometer weit sehen können, ist die Gefahr zu groß, von Bären überrascht zu werden.Decaux kam vor zwölf Jahren als Glaziologe nach Spitzbergen. Um seine Doktorarbeit zu finanzieren, arbeitete der 36-Jährige als Guide auf Kreuzfahrtschiffen, seit zweieinhalb Jahren ist er Expeditionsleiter. An seinem Eisbär-Biefing muss qua Gesetz jeder teilnehmen, der an Ausflügen teilnehmen will. „Wir wollen Eisbären vom Schlauchboot aus sehen, dort ist es sicher“, erklärt Decaux. „Wenn wir sie an Land sehen, brechen wir sofort ab.“ Wichtig dann: sich ruhig zurückziehen, nicht laufen. „Und das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Fotos!“400 bis 500 Eisbären leben auf Spitzbergen. „Sie können überall sein“, sagt Decaux. Selbst auf einem 1100 Meter hohen Berg fand man Tatzenspuren. Deshalb sucht man die Küste vorab in Schlauchbooten ab. Mit Gewehr über der Schulter sichern Guides auf Anhöhen ringsum die Anlegestelle.Per Ausfallschritt steigen wir ins Schlauchboot und röhren zum Strand neben dem Gletscher Nordbreen, wo Dutzende Walrosse eng beisammen fläzen.Was interessiert es ein arktisches Walross, wenn es ein paar Touristen fotografieren?Aristeidis ApostolopoulosUnser Rudel ist deutlich größer. Schweigend stapfen wir über Treibholz und stellen uns am Seil mit orangefarbenen Wimpeln auf, das 40 Meter Abstand markiert: eine Phalanx von Rotjacken mit ausgefahrenen Teleobjektiven.Den Walrossen ist es offenbar egal, beim Dösen begafft zu werden. Manche liegen auf dem Rücken, die Stoßzähne wie Krummsäbel emporgereckt. Seepferde nannte sie der Chronist von Willem Barents, der den Archipel auf seiner dritten Arktisexpedition im Jahr 1596 entdeckte. Seine niederländischen Landsleute schlachteten auf der Insel Amsterdamøya im 17. Jahrhundert Tausende Grönlandwale, vor ihrer kleinen Siedlung Smeerenburg ankerten zeitweise Hunderte Walfänger gleichzeitig. Bis heute sieht man die riesigen Steinkessel, in denen sie Walspeck auskochten. Mit dem Tran wurden Straßenlaternen in ganz Europa befeuert.Basaltklippen wie OrgelpfeifenInnerhalb von Jahrzehnten waren die Grönlandwale fast ausgerottet, dann folgten die Walrosse. Und Ende des 18. Jahrhunderts kamen erst russische, dann norwegische Trapper, um Eisbären, Rentiere und Polarfüchse zu jagen.Ny-Ålesund: mehr als 20.000 Touristen kommen jährlich in die frühere Kohlekumpel-Siedlung.Aristeidis ApostolopoulosHeute sind die meisten Tiere geschützt, die wir auf den Ausflügen sehen. Papageientaucher dümpeln unter einem Wasserfall im Meer, Eiderenten und Weißwangengänse watscheln über den Strand, kleine, stämmige Rentiere grasen auf einem Hang.Mal steigen wir über das Geröll einer Moräne hinauf, mal stapfen wir über Moos und Wollgras und versuchen, nicht auf die Blüten von Spitzbergenmohn und Arktischem Hornkraut zu treten. Auf den meisten Exkursionen aber bleiben wir im Schlauchboot. Vor der Insel Wahlbergøya tuckern wir entlang 400 Millionen Jahre alter Basaltklippen. Die kantigen Orgelpfeifen sind weiß gefleckt vom Vogelkot, Tausende von Dickschnabellummen brüten hier laut keckernd. Ihre blauen Eier seien wie Birnen geformt, erklärt der Ornithologe am Außenborder, damit sie nicht von den schmalen Simsen rollen.Dickschnabellummen essen und schlafen auf dem Meer. Um Krebse und Tintenfische zu fangen, können sie 200 Meter tief tauchen – der Weltrekord aller flugfähigen Vögel. In puncto Fliegen sind sie eher Dilettanten. Den Landeanflug auf die Klippen müssen sie immer wieder abbrechen und Extraschleifen drehen.„So sieht eine gesunde Kolonie aus“, ruft der Ornithologe. Den Polarfüchsen gefällt sie auch. Einer kraxelt die Steilwand empor und gräbt nach Eiern, ein anderer hüpft den Hang herab und läuft bis zu den Felsen am Meer, um sich den seltsamen Besuch anzuschauen – sehr zur Freude aller Fotografen im Boot.Bei den meisten Ausflügen bleiben die Gäste im Schlauchboot.Aristeidis ApostolopoulosDie Folgen des Kreuzfahrtbooms sehen wir in Ny-Ålesund. Die frühere Kohlekumpel-Siedlung ist heute eine seltsame Mischung aus Forschungsstation und Freilichtmuseum. Die Wissenschaftler tragen T-Shirt statt Anorak und würdigen uns keines Blickes. Mehr als 20.000 Touristen kommen jährlich hierher, um vorbei an Postamt, Bar und Hotel – allesamt die nördlichsten ihrer Art – zu jenem rostigen Stahlturm zu schlendern, über den Roald Amundsen und Umberto Nobile am 11. Mai 1926 in ihren Zeppelin stiegen und über den Nordpol bis Alaska flogen. Die Pfade sind mit Seilen abgesperrt, damit Touristen nicht die empfindlichen Gräser und Milzkräuter zertreten.Die Ostküste dagegen kennen selbst viele Bewohner Spitzbergens nicht. Weil dort eine kalte Strömung entlangzieht, gibt es wesentlich mehr Eis. Zu sehen bekommen wir das am Hinlopenbreen, einer zehn Kilometer langen Gletscherfront. Manche Abschnitte sind glatt wie ein Steinbruch, andere schrundig und zerklüftet. Kantige Türme biegen sich wie der Rippenbogen eines ausgeweideten Tiers, dahinter ragen in sich gedrehte Eisnadeln auf.In den grauen Wellen dümpeln Eisberge, geschuppt oder mit Wabenmustern. Manche schimmern blau wie Saphire. Ringsum knistert die Luft, die aus dem Eis entweicht. Das Klima erwärme sich hier siebenmal schneller als im globalen Durchschnitt, sagt Decaux. „Ein Gletscher im Kongsfjord ist in den zwölf Jahren, seit ich hier bin, um dreieinhalb Kilometer geschrumpft.“ Ab 2030 könnte es die ersten eisfreien Sommer am Nordpol geben.Immer wieder kracht es dumpf, donnernd brechen Brocken der teils überhängenden Eisfront ab. 400 Meter betrage der Sicherheitsabstand, erklärt Storm Simpson, eine aus dem Team. Das sei das Minimum, denn die Gletscherzunge werde von Sonne und Meer zugleich geschmolzen und sei unberechenbar. Wie recht sie hat! Plötzlich bricht eine ganze Eisflanke ab, stürzt ins Meer und schießt wie ein riesiger Korken empor. Fontänen spritzen auf, ein Mini-Tsunami schwappt durch die Bucht. Obwohl die Stelle Kilometer entfernt ist, schaukeln uns die Wellen gehörig durch. Nebenan zerbricht ein großer Eisberg, der nun rotiert und seinerseits das Meer aufwühlt.Zurück an Bord, bleibt gerade genug Zeit für eine heiße Dusche, bevor eine Stimme im Lautsprecher knarzt: „Wir haben einen Blauwal auf Steuerbord. Das größte Tier aller Zeiten. Das sehen wir nicht jeden Tag.“ Also zurück in Mütze und Anorak und rauf aufs Aussichtsdeck. Was soll jetzt noch kommen? Die bejubelte Antwort gibt Decaux beim Abendbriefing: „Wir fahren morgen ins Packeis.“ Unser Schiff, 1975 gebaut, hat einen verstärkten Stahlrumpf, „eine Stufe unter Eisbrecher“, erklärt der Kapitän.Ein Bad im EismeerDen 80. Breitengrad queren wir bald nach dem Frühstück. Bedächtig gleitet das Schiff ins Packeis, der stählerne Sporn unter dem Bug pflügt durch die Schollen. Manche sehen aus wie Inselchen, in ihrer türkisfarbenen Lagune spiegeln sich weiße Berglein. Die Guides stehen an den Fernrohren, „jetzt brauchen wir einen Eisbären“, sagt einer. Hier ist das eigentliche Reich des Königs der Arktis, hier jagt er Robben. Zudem sind wir nun in internationalen Gewässern: Norwegens Gesetze und die neuen Abstandsregeln gelten hier nicht mehr, erklärt der Guide grinsend.Seit vergangenem Jahr dürfen vor Spitzbergen nur noch Kreuzfahrtschiffe mit maximal 200 Passagieren an 43 genau definierten Orten ihre Anker werfen.Aristeidis ApostolopoulosIndes, das stundenlange Spähen bleibt vergebens. Also schenken die Kellner Kaffee mit Sahne und Kahlúa aus, und abends springen die Unerschrockenen ins Eismeer, gesichert mit Bauchgurt und Seil, angefeuert von den Mitreisenden.Die Kirsche auf der Sahne ist das finale Dinner an Deck mit Paella, gegrilltem Lachs und Aussicht auf den Lilliehöökbreen – ein phantastisches Amphitheater aus Eis und Felsgipfeln. Zum Verdauen sinke ich in den Whirlpool auf dem Achterdeck. Das Badewasser ist heiß, die tief stehende Sonne leuchtet Gletscher und Berge aus. Und dann tauchen hinter dem Schiff auch noch Zwergwale auf.Der Weg in die ArktisAnreise: Mehrere Airlines fliegen über Oslo täglich nach Longyearbyen, wo die Kreuzfahrten starten.Reisezeit: Die Kreuzfahrtsaison dauert von Juni bis September. Fürs Packeis sind die Bedingungen zu Beginn der Saison am besten.Kreuzfahrten: Bei G Adventures beispielsweise ist die einwöchige Tour ab rund 5000 Euro zu buchen. Zweiwöchige Kreuzfahrten verbinden Spitzbergen mit Grönland oder Island.Literatur: Der Reiseführer Spitzbergen von Rolf Stange enthält alles Wissenswerte über die Inselgruppe (32,90 Euro). Der Autor betreibt auch die Website spitzbergen.de









