Nein zu Beitrittsverhandlungen: Island braucht keine EU-Mitgliedschaft, die Nato reichtDie isländische Bevölkerung erteilt Brüssel eine überraschend klare Absage. Die Annäherung beruhte auf einer Illusion. Reykjavik suchte den Schutz der EU, verdrängte dabei aber den hohen Preis des Souveränitätsverlusts.31.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenBefürworterinnen von EU-Beitritts-Verhandlungen verfolgen den Eingang der Abstimmungsresultate in der isländischen Hauptstadt Reykjavik.Marco Di Marco / AP2013 hat Island die EU-Beitritts-Gespräche nach einem Regierungswechsel abrupt abgebrochen. Doch seit Anfang 2026 drängte die jetzige Regierung plötzlich zu einem Neustart. Sie zog ein für 2027 geplantes Referendum vor – und wurde am Samstag von der Bevölkerung gestoppt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Resultat entlarvt die wackelige Argumentation der EU-Befürworter. Island geniesst als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) bereits ungehinderten Zugang zum EU-Binnenmarkt. Wie die Schweiz gehört der fischreiche Kleinstaat der Efta und Schengen an. Der Nutzen einer weiteren Annäherung erschloss sich der Mehrheit nicht – und das mit gutem Grund.Diffuses AngstgefühlDer Preis, den die Fischerei-Grossmacht für einen Beitritt zu zahlen hätte, wiegt zu schwer: der Verlust der Hoheit über Kabeljau, Makrelen und weitere Meeresressourcen. Fischerei bildet in Island nicht bloss einen bedeutsamen Wirtschaftsfaktor, sondern den Kern der nationalen Identität. Als eines der wohlhabendsten Länder Europas stünde Island zudem von Beginn an als Nettozahler in der Pflicht, mehr in den EU-Haushalt einzuzahlen, als es an Fördergeldern zurückerhält.Reykjaviks Wunsch, die Verhandlungen wiederaufzunehmen, speiste sich aus einem Angstgefühl. Unter dem Eindruck eines US-Präsidenten, der Grönland beherrschen will, im selben Atemzug auch von Island redet und mit Zöllen droht, möchte die Regierung Zuflucht beim EU-Verbund suchen. Als ob Brüssel im Krisenfall die isländische Souveränität verteidigen könnte.Trotz Zweifeln an der Schlagkraft der Nato bleibt sie für Island der zentrale Sicherheitsgarant. Island ist Gründungsmitglied des Verteidigungsbündnisses, unterhält aber keine eigene Armee. Richtigerweise schmiedet Reykjavik daher bilaterale Verteidigungsabkommen, unter anderem mit den USA, Norwegen, Kanada und Dänemark. Mit der EU besiegelte Reykjavik ebenfalls eine Sicherheitspartnerschaft – und untermauert damit das Potenzial des bilateralen Wegs. Die Befürworter neuer Verhandlungen gaukelten indes vor, Beitrittsgespräche seien eine Art Versicherung in einer unsicheren Welt.Lockvögel aus BrüsselEbenso täuschen EU-Befürworter die Bevölkerung, wenn sie vorspiegeln, Brüssel liefere ein einfaches Rezept gegen Währungszerfall, hohe Zinsen und andere wirtschaftliche Plagen.Auch die Brüsseler Bürokratie hinterliess im Abstimmungskampf einen zwiespältigen Eindruck: Sie lockte mit Ausnahmen und «Flexibilität» im hochsensiblen Fischereidossier. Das roch nach Anbiederung. Das Kalkül dahinter ist offensichtlich. Island wäre für die EU ein attraktives Neumitglied. Während die Beitrittsprozesse mit manchen Balkanländern auf der Stelle treten, eröffnete Island die Chance auf einen schnellen Erfolg. Ungeachtet der Avancen aus Brüssel bleibt die Realität unerbittlich: Ohne schmerzhafte Konzessionen der Isländer in der Fischereipolitik führt für Reykjavik kein Weg in die EU. Brüssel fordert Zugang zu diesem abgeschotteten Markt.Das Nein der Isländerinnen und Isländer bedeutet allerdings kein Nein zu Europa, sondern gegen eine überhastete Wiederaufnahme der EU-Verhandlungen. Island stiess 2009 Beitrittsgespräche an, als es – durchgeschüttelt von einer Finanzkrise – am Abgrund stand. Beinahe zwei Jahrzehnte später will die Regierung des von geopolitischen Verwerfungen verunsicherten Kleinstaates abermals Halt in Brüssel suchen.Ängste und abstrakte Heilsversprechen sind keine guten Argumente, um die Bevölkerung für das EU-Projekt zu begeistern. Der Souverän verlangt eine saubere, überzeugende Kosten-Nutzen-Rechnung. Die bleibt die isländische Regierung bis heute schuldig. Zu Recht erhielt sie vom Volk die Quittung.Passend zum Artikel