Zur ernüchternden Niederlage der eigenen Mannschaft gesellten sich für die Anhänger von Tottenham Hotspur im eigenen Stadion Schmähgesänge der gegnerischen Fans. Das Duell mit Newcastle United war nicht zuletzt wegen des Wechsels von Sandro Tonali nach London in diesem Sommer für 106 Millionen Euro atmosphärisch aufgeladen. Sein Abschied hatte in Newcastle besonderen Unmut ausgelöst, denn der Klub hatte dem Italiener selbst während seiner zehnmonatigen Sperre wegen Verstößen gegen die Wettregeln einst den Rücken gestärkt. Newcastles Fans beschimpften Tottenhams Rekordtransfer im Stadion als „gierigen Dreckskerl“ und skandierten hämisch: „Sandro, wie ist der Spielstand?“ und „Du hättest bei einem großen Klub bleiben sollen!“Gemeint war Newcastle. Zudem prophezeiten die Gäste dem Rivalen ironisch eine Wiederholung der vergangenen Saison. Womöglich hätten die Spurs dagegen nicht mal etwas einzuwenden. Schließlich würde dies bedeuten, dass ihr zuletzt abstiegsgefährdeter Verein am Saisonende zumindest – wie in den vergangenen zwei Jahren – Rang 17 belegt und sich damit in der Premier League hält.Premier League:Chelsea ist wieder eine richtige FußballmannschaftNach einer zuletzt missratenen Saison startet der FC Chelsea mit einem Sieg gegen Fulham in das Kapitel unter Trainer Xabi Alonso. Entscheidend für den Erfolg ist Cole Palmer.Nach dem 0:3 zum Auftakt beim FC Brentford handelte sich Tottenham Hotspur am Samstagabend ein blamables 0:2 gegen Newcastle ein. Flügelstürmer Anthony Elanga brachte die Elf des deutschen Trainers Matthias Jaissle, der seinen ersten Premier-League-Sieg feierte, in der 62. Minute in Führung, als er sich im Strafraum geschickt um Tonali drehte. Zehn Minuten später erhöhte Stürmer Yoane Wissa artistisch nach einem Eckball und einer Kopfballvorlage des eingewechselten DFB-Angreifers Nick Woltemade. Die Folgen des Fehlstarts sind für die Spurs bereits nach dem zweiten Spieltag gravierend: Tottenham ist Tabellenletzter – null Punkte, kein einziges Tor.Bei der Aufarbeitung wirkte Spurs-Trainer Roberto De Zerbi derart deprimiert, als wäre seine Mannschaft soeben abgestiegen. Mit bekümmerter Stimme brachte er seine Enttäuschung zum Ausdruck und entschuldigte sich sogleich bei den Fans wie dem gesamten Umfeld. Auch für den Klub, der eine „großartige Mannschaft“ aufbaue, tue es ihm leid, sagte der Italiener.Es sei „die größte Schwierigkeit, die richtige Mentalität zu finden“, klagt De ZerbiIn diesem Transferfenster hat Tottenham bislang mehr als 350 Millionen Euro ausgegeben. Der Klub liegt nur deshalb in dieser Rangliste hinter dem FC Chelsea, weil die Kaufpflicht für den von Manchester City geliehenen Stürmer Omar Marmoush von rund 70 Millionen erst im kommenden Jahr greift. Marmoush war in der Vorwoche gemeinsam mit seinem Mitspieler Savinho, der 88 Millionen kostete, im Doppelpack von City geholt worden. Unaufgefordert fügte De Zerbi hinzu: „Vielleicht könnte man denken, dass sich dieselbe Geschichte wiederholt.“ Er habe jedoch „keinen Zweifel“, dass es diesmal anders kommen werde. Er analysierte gewohnt schonungslos und ohne Ausflüchte.Seine bisweilen unfreiwillig pointierten Einlassungen besaßen dabei höheren Unterhaltungswert als die uninspirierte Darbietung seiner Mannschaft. „Gewinner feiern, Verlierer erklären – und ich erkläre“, sagte De Zerbi. Während seiner zehnminütigen Ausführungen wurde er darauf angesprochen, dass seine Spieler nach dem Rückstand erneut jede Reaktion vermissen ließen und sich praktisch in die Niederlage ergaben. „Ja, Sie haben recht“, antwortete De Zerbi. Es sei „die größte Schwierigkeit, die richtige Mentalität zu finden“, da sich diese „leider nicht auf dem Transfermarkt kaufen oder in die Spieler hineinstecken“ lasse.Seine Kritik erinnerte an die Schimpftirade seines italienischen Landsmanns Antonio Conte, der bei den Spurs vor dreieinhalb Jahren ebenfalls ein Einstellungsproblem ausgemacht hatte. Damals wie heute verkörpert Tottenham das Klischee eines Wohlstandsklubs – von der Vereinsführung über das Management bis zu den Spielern auf dem Rasen. Dazu passen der noble Standort London, das neue, allen Ansprüchen genügende Stadion und Trainingsgelände sowie die Finanzkraft des Klubs und die entsprechend lukrativen Verträge. Und in gewisser Weise auch die nicht allzu hochgesteckten sportlichen Ambitionen.Die Spurs zählen in England zwar historisch zum erweiterten Kreis der Spitzenklubs. Große Titel werden von der Mannschaft aber kaum erwartet. Für diese Entwicklung stand der langjährige Vereinschef Daniel Levy, der den Verein wirtschaftlich solide führte und auf diese Art die teuren Infrastrukturprojekte refinanzierte. Seine Nachfolger um CEO Vinai Venkatesham, die ihn vor einem Jahr aus dem Verein gedrängt hatten, versuchen jetzt, den Erfolg kurzerhand zu erzwingen – kurioserweise mit dem Geld, das Levy einst erwirtschaftet hatte.Vor dem Newcastle-Spiel veröffentlichte Venkatesham selbstbewusst einen Brief an die eigenen Fans, der streckenweise allzu einschmeichelnd wirkte. Darin schrieb er, dass angeblich „viele Fans das Gefühl haben, zu oft nur Worte gehört, aber keine Taten gesehen zu haben“. Daher habe der Verein unter seiner Führung „den Fokus auf das Handeln“ gelegt. Venkatesham nannte sechs Aspekte, die aus seiner Sicht in diesem Sommer verbessert worden seien, darunter „Kader“ und „Spielertransfers“. Das Team sei „mit klarem Fokus“ auf Qualität, körperliche Robustheit und Charakter verstärkt worden, hob Venkatesham hervor. Ausgerechnet diesen letzten Punkt stellte De Zerbi anschließend infrage.Beim notwendigen Kaderumbau scheinen die Spurs weit über Marktwert bezahlt zu haben. Tonali gilt dafür ebenso als Beispiel wie Savinho und Mateus Fernandes, der für 99 Millionen Euro vom Absteiger West Ham United kam und zuvor bereits mit dem FC Southampton abgestiegen war. Überdies lockten die Spurs ihre Wunschspieler mit stattlichen Gehältern. Tonali gab recht unverblümt zu, sein Wechsel habe auch auf „Lifestyle- und Familienentscheidungen“ beruht. Sollte es Roberto De Zerbi nicht gelingen, Spieler wie Tonali, Fernandes und Co. an ihr Leistungslimit zu bringen und seine komplexen fußballerischen Ideen zu implementieren, muss Venkatesham eventuell bald wieder einige Zeilen an die Anhängerschaft adressieren. Als Tonali in der zweiten Halbzeit ausgewechselt wurde, applaudierten ihm die Fans seines früheren Vereins höhnisch zu.
Tottenham in der Premier League: Letzter mit null Punkten und null Toren
In der Premier League hat Tottenham Hotspur bereits mehr als 350 Millionen Euro in neue Spieler investiert – und steht trotzdem miserabel da.













