In der Saisonvorbereitung trat Phillip Tietz auf wie eine Tormaschine auf zwei Beinen. Sechs Treffer erzielte er in den Testspielen des FSV Mainz 05, wenn sich die Gelegenheit bot – und sie bot sich zweimal –, auch aus 35 bis 40 Metern Entfernung. Im DFB-Pokalspiel beim VfB Krieschow tobte er sich mit vier Treffern aus, darunter ein Hattrick.Mit einer ähnlichen Abschlussquote hätte der Stürmer seine Mannschaft zum Bundesligaauftakt gegen den SC Paderborn zum Sieg geschossen. „Aber der Ball wollte einfach nicht über die Linie“, sagte er nach dem torlosen Unentschieden. Und vermutlich, weil ihm klar ist, dass ein Ball solche Dinge nie aus eigenem Antrieb macht, schob er nach: „Wir waren vor dem Tor nicht konsequent genug.“Freilich war Tietz nicht der Einzige, der gegen die leidenschaftlich verteidigenden Ostwestfalen das mögliche 1:0 hatte liegen lassen, „mit dem das Spiel ganz anders hätte laufen können“. Jae-sung Lee köpfte nach perfekter Flanke von Nadiem Amiri freistehend weit neben den Pfosten – „er muss das Tor treffen“, kommentierte Trainer Urs Fischer diese Szene aus der 24. Minute. Fabio Gruber, der in der Liga debütierende Innenverteidiger, hatte Pech, dass seine Kopfballverlängerung nach Einwurf von Silvan Widmer knapp am zweiten Pfosten vorbeiflog. „Ein bisschen weiter rechts, dann geht der Ball über den Innenpfosten rein“, sagte Tietz.Er selbst war vor der Pause per Kopf an der Latte gescheitert. Vorausgegangen war ein Eckball von Nadiem Amiri, einer von insgesamt 13; alle anderen verpufften komplett. „Das ist in der Summe zu wenig“, monierte Fischer den kaum messbaren Ertrag. Am Ende setzte Tietz einen weiteren Kopfball nach Widmer-Flanke als Aufsetzer neben das Tor. Auch daraus hätte mehr entstehen können.Tietz: „Ich habe zu viel nachgedacht“Seine größte Chance jedoch eröffnete sich ihm in der 71. Minute, als er halblinks auf den Strafraum zustürmte, vor sich nur noch Torwart Nahuel Noll, kein Verteidiger in Sicht, der ihn stören konnte. Und dann hob Tietz den Ball harmlos in die Arme des Keepers. „Ich bin falsch angelaufen und habe einen zu großen Bogen genommen, weil ich den Ball auf dem rechten Fuß haben wollte“, schilderte er. „Ich habe zu viel nachgedacht, ich muss konsequent abschließen, volle Kanne draufhauen.“Die Frage, ob das 0:0 ein frustrierendes Ergebnis sei, beantwortete der Stürmer mit einer Gegenfrage: „Warum? Nur weil das ein Aufsteiger ist? Die können auch kicken.“ Zumindest defensiv machten die Paderborner ihre Sache sehr gut, offensiv allerdings brachten sie nicht viel auf die Reihe, 05-Torwart Robin Zentner musste nicht einmal ernsthaft eingreifen. „Wir wussten, dass das ein schwer zu knackender Gegner ist“, sagte Niko Bungert, den das Resultat „jedenfalls nicht euphorisch“ stimmte.Aber darin waren sich der Sportdirektor und der an diesem Tag glücklose Torjäger einig: besser so als verloren. Zur Erinnerung: Die jüngsten drei Mainzer Auftaktbegegnungen gegen Aufsteiger endeten allesamt mit 0:1, zuletzt vor einem Jahr gegen den 1. FC Köln.Und dann war da noch die Situation vier Minuten nach dem Seitenwechsel, in der eine Entscheidung der Unparteiischen den Unmut der Mainzer hervorrief. Amiri kam im Strafraum an den Ball, wollte sich um Jano Ter Horst drehen, ging dabei aber zu Boden, ohne zum Abschluss zu kommen. Strafstoß? Tobias Stieler ließ laufen, Phillipp Mwene prüfte aus dem Rückraum Torwart Nahuel Noll – doch auch danach war dem Schiedsrichter die umstrittene Szene keine Betrachtung wert.Urs Fischer, der sich in der Regel nicht über Schiedsrichterentscheidungen auslässt, verglich die Aktion mit einer Szene aus der Allianz-Arena im Dezember vorigen Jahres. Damals zerrte Kacper Potulski an Harry Kanes Trikot, der Engländer fiel – und erhielt den Elfmeter zum 2:2 für den FC Bayern. Nichts anderes sei diesmal geschehen. „Damals war es ein Strafstoß“, sagte der 05-Trainer, „und wenn ich dann höre, Nadiem mache zu viel aus dieser Situation . . .“ Aber, schob der Schweizer nach, „es geht hier nicht um den Schiedsrichter. Wir hatten unsere Chancen, deshalb müssen wir nicht allzu lange über diese Szene diskutieren.“