Tausend Profile, tausend gleiche Sätze, und am Ende sitzt man allein auf dem Sofa: Online-Dating ist öde — also rauf auf die Bühne!Beim Anlass«Love at First Slide» werben Freunde für Freunde: eine Präsentation, ein Publikum, sechs Minuten Zeit und kein Filter. Ein Erfahrungsbericht30.08.2026, 05.30 Uhr10 LeseminutenBeim Dating wird man ein Stück weit zur Ware. Aber man verkauft sich wenigstens selbst.Marco Arguello / Connected ArchivesIch greife nach dem grünen Herzen. Das steht für: Vergeben – nur zum Gucken hier. Meine Freundin Lucie nimmt ein blaues Herz und klebt es auf ihren Pullover: Sie will angesprochen werden. Die ersten Gäste stehen verlegen im Raum herum und mustern einander. «Wenn jemand schnell wegguckt, ist das, als hätte er mich nach links geswiped», sagt Lucie. Ein Nein auf Dating-Apps. Sie lacht mich an und lässt den Blick weiterwandern. Sie will Spass haben, flirten, jemanden kennenlernen. Dafür sind wir hier.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im «Kultur & Gut» in Hamburg tummeln sich an diesem Mittwochabend viele, die auf der Suche sind. Wo früher Schiffsschrauben gegossen wurden, sitzen heute tagsüber Freelancer an ihren MacBooks und trinken abends Sekt-Mate auf Designersofas. Über der Bühne sind die Worte «Love at First Slide – Pitch your Best Friend» projiziert. Wirb für deinen besten Freund, deine beste Freundin. Dort werde ich gleich vor rund fünfzig Singles stehen und ihnen meine Freundin Lucie vorstellen (die eigentlich anders heisst). Der Abend richtet sich an alle, die es satt haben, sich auf Algorithmen oder den Zufall zu verlassen. Anstatt sich auf Tinder oder Bumble anzumelden, schicken sie ihre Freunde los.Sechs Minuten Zeit habe ich, und eine Powerpoint-Präsentation. Ein TED-Talk für Lucie. Formate wie diese erobern seit einiger Zeit die Bars der Grossstädte. Es ist der Versuch eines Comebacks des analogen Datens für alle, die vom Swipen erschöpft sind. Der Pitch eines Freundes soll das Kribbeln zurückbringen – ein Konter zu den immergleichen lahmen Sätzen auf Datingprofilen. Aus den USA herübergeschwappt, füllt das Format längst auch Bars in Zürich, Basel oder Luzern.Lucie: Lol hab mies Angst, dass mich alle ausbuhen oder keiner anspricht. Aber andererseits geht gerade die Welt unter und wen interessiert’s. Let’s do it.So antwortet Lucie auf Whatsapp, als ich ihr knapp eine Woche vor dem Event den digitalen Flyer schicke. Seit bald zehn Jahren sind wir eng befreundet.Mit 28 Jahren blicken wir auf eine lange Reihe an Männern zurück, die mal kürzer, mal länger geblieben sind. Ich habe mich nach einem Online-Date verliebt, Lucie sucht weiter. Zwei Lebensrealitäten, die uns klammheimlich voneinander entfremdeten. Und ich frage mich, ob ich als beste Freundin nicht mehr tun kann, als nur am Rand zu stehen und sie anzufeuern. Daten kann so zermürbend sein. Und ist manchmal ziemlich einsam.Welche Fotos passen?Als die Zusage kommt, dass ich auf die Bühne darf, kreisen meine Gedanken: Wie beschreibe ich Lucie vor Fremden in nur sechs Minuten? Sie schickt mir 49 Bilder. Ich versinke in Fotos und Erinnerungen.Am ersten Tag des Semesters lernten wir uns an der Ampel vor der Uni kennen. Sie fragte mich, wo es zum Ersti-Frühstück geht. Wir tranken einen Filterkaffee zusammen und teilten von da an alle Erfahrungen der Zwanziger, auch die Hochs und Tiefs der Liebe: ein Crush auf denselben Typen, schiefgegangene Verkupplungen, das Swipen auf Dating-Apps für die andere.Lucie: Hab leider kaum gute Fotos, oder sollen die mehr hässlich sein?Gute Frage. Ein bisschen von beidem vielleicht? Wie sähe Lucie als Powerpoint aus? Edel designt, schwarz-weiss mit geschwungener Schrift? Sie hat Jura studiert, trägt Lidstrich und schwarze Röcke. Ich layoute etwas, das wie das Portfolio einer Modelagentur aussieht. Und lösche es wieder. Das muss lässiger werden. So wie bei Datingprofilen will ich hier einen Balanceakt schaffen: Es soll maximal attraktiv, ein bisschen selbstironisch und authentisch sein, aber auch so mühelos aussehen, als hätte man keine Stunde darüber gegrübelt.Beim Dating wird jeder ein Stück weit zur Ware. Aber man verkauft sich wenigstens selbst. Ich will Lucie nicht vorführen wie einen Pudel bei m Schönheitswettbewerb. Zum männlichen Blick, dem Frauen sich beim Daten oft unterziehen, kommt nun auch noch meiner, der ihrer Freundin. Dabei liebe ich sie doch einfach so, wie sie ist, egal, ob ich das in Comic Sans oder Arial zeige.Kurz überlege ich, gar keine Präsentation zu machen. Dann zucke ich beim Gedanken zusammen, ohne alles auf der Bühne zu stehen, als hätte ich meine Hausaufgaben vergessen.Ich schaue mir Videos früherer Events an und bekomme Panik. Wie witzig alle vortragen! Ich bin auf Knopfdruck nicht so lustig, allerhöchstens aus Versehen. Lucie aber ist superwitzig. Genau das muss ich rüberbringen. Ich fürchte ein Fiasko. Ich hoffe, unsere Freundschaft überlebt das alles.Ich bastle manisch an Collagen, Lucie beim Schachspielen, Lucie beim Wandern auf dem Jakobsweg, platziere Emojis neben Fotos, schreibe eine Liste von Green Flags, Eigenschaften, mit denen ein Mann bei ihr punkten kann. Ich rufe Lucies grosse Schwester an und zeige ihr mein Werk. »Das ist Lucie in neun Slides!», sagt sie. Gut, sie scheint überzeugt. Auch einige männliche Freunde schauen sich die Folien an und halten den Daumen hoch. Lucie selbst will vorher nichts sehen. Sie vertraut mir.Hoffen auf den Cheerleader-EffektAm Abend davor schreiben wir:Lucie: Was ziehst du an? Du musst ja viel aufgeregter sein als ich.Ich: Was Unauffälliges, damit du knallst!!! In Fetzen werde ich kommen.Lucie: That is some dedication.In grauem Hoodie und Jeans laufe ich los zur Bar. Ich will ein Greenscreen sein, der nicht von Lucie ablenkt. Ein Fehler? Mir kommt der Cheerleader-Effekt in den Sinn: dass man in einer attraktiven Gruppe besser aussieht als allein. Hätte ich mir mehr Mühe geben sollen? Absurd, wie viele Gedanken ich mir schon wieder darüber mache, was Männern gefallen könnte!Ich: Frag mich, wie viele Leute da sein werden? Hoffentlich nicht nur Frauen.Lucie: Nur Frauen glaub ich. Männertickets gab es noch :/. Muss mir gleich ein Bier genehmigen. Ich will 0,5 Promille haben während der ganzen Sache.Nach einem schnellen Bier in einer Eckkneipe gehen wir zur Veranstaltung. Viele Frauen sind da, nur eine Handvoll Männer stehen herum. Auf Anhieb sehe ich niemanden, der Lucies Typ wäre.Luca, gestylt und schnöseligZwei Männer eröffnen den Abend. Luca stellt Moritz vor. Danach stellt Moritz Luca vor. Luca hat die Haare zurückgestylt, trägt Strickjacke und wirkt leicht schnöselig. Moritz ist fast zwei Meter gross, gelber Pullunder, Typ Granola Boy – das sind Männer, die Fleecejacken tragen, ihr Müsli selbst mixen und einen Camper fahren. In ihren sechs Minuten sieht man sie oberkörperfrei tanzen, betrunken auf dem Rasen liegen oder mit Freunden kochen.Das Publikum jubelt. Plötzlich wirken sie nahbar und weich. Moritz verlinkt am Ende ein Linkedin-Profil von Luca. «Mist, Linkedin habe ich bei dir ganz vergessen», murmle ich. Lucie starrt mich mit aufgerissenen Augen an, bevor wir beide loslachen.«Stella, Schatz, hier – dein Mikrofon. Du machst das, oder?», fragt der Moderator, als die Jungs durch sind. Ich bin nervös und nicke. Jetzt mich zusammenreissen. Für Lucie.Als ich das erste Bild von ihr an die Wand werfe, pfeift und johlt die Menge. «Gern mehr davon!», rufe ich und kurble die Laune mit beiden Händen weiter an. Die Stimmung ist sofort da und bleibt salopp und überschwänglich, soweit ich das von vorne erkennen kann.Ich zeige Bilder von uns beiden, Gruppenfotos von einem Festival, müde Selfies aus der Bibliothek und hotte Fotos vom Feiern. Ich erzähle davon, wie sie allein wildcampen war, dass man sie mit schlechtem Filterkaffee glücklicher macht als mit Chai Latte und dass sie ziemlich gut Schach spielt. Ich zeige unsere urige Stammkneipe. Jedes Bild soll für sich sprechen. Und bis in die letzte Reihe soll klarwerden, wie wundervoll diese Frau ist.Als ich Vorher-nachher-Fotos zeige, bin ich selbst kurz gerührt. Unsere Babygesichter mit neunzehn im ersten Semester und dann die aktuellen Bilder mit müderen Augen und den ersten Falten. Doch immer noch stehen wir zusammen – vor dem Klub, vor dem Prüfungsamt, in der WG-Küche. Die längste Beziehung, die wir beide je hatten, ist unsere Freundschaft. So wirklich alleine waren wir nie.Und nun, mit Ende zwanzig, haben sich Lucies und mein Freundeskreis plötzlich mehr aufgeteilt, als ich es je für möglich gehalten hätte. Hier die Paare, die zusammenziehen, sich ein Auto kaufen oder sogar verloben, da die Singles, die weiter allein wohnen und ab und an auf ein Date gehen. Auch ich liege jetzt abends öfter mit meinem Partner auf der Couch, anstatt wie früher mit Lucie auszugehen. Ich merke, wie wir auseinanderdriften, und das will ich nicht.Die Menge ist ruhiger. Ich hoffe, sie haben nicht abgeschaltet. Vielleicht ist ja einer hier, der sich gerade in Lucie verguckt? Dem gefällt, was er hört, und der überlegt, wie er sie gleich ansprechen kann?Im Gegenlicht sehe ich Lucie nicht, obwohl ich so gerne wüsste, wie das wohl gerade für sie ist, ihr Gesicht so riesig an die Wand projiziert zu sehen.Auf dem letzten Bild liegt sie im Arm eines Kumpels, sein Gesicht habe ich mit einem grünen Button verdeckt. Ich zeige mit dem Laserpointer drauf: «Ich weiss, das wollt ihr alle sein. Und ihr könntet das sein!»Die sechs Minuten sind fast um, der Moderator steht schon auf. Ich eile durch die Liste der Green Flags: extrovertiert sein, Freiraum geben, geil kochen, Ironie verstehen. Ganz am Schluss blende ich ihr Instagram-Profil ein: «Slided in ihre DMs, lasst uns in der Pause miteinander quatschen und danach alle Lucie daten!», rufe ich. Alle lachen, meine Wangen glühen.Unter Applaus steigt Lucie auf die Bühne. «Das war eine sehr liebe Darstellung. Ich habe übrigens auch viele schlechte Seiten», scherzt sie. «Die lernt ihr gleich in der Pause kennen.» Schöner Abgang, denke ich. Zu mir raunt sie: «Das war so süss. Mir sind fast die Tränen gekommen.»Zum FremdschämenIn der Pause, im Hinterhof, hat sie das erste Gespräch mit einem blassen Typen mit Zigarette. «Du gehst gerne auf Festivals, habe ich gesehen?», sagt er. Solider Start eigentlich. Er wirkt unsicher, und ich merke, wie Lucie sich Mühe gibt, ihm eine Chance zu geben.Ich schlendere zurück nach drinnen und frage den Moderator im engen T-Shirt: «Sind hier eigentlich schon Paare entstanden?» Er schüttelt den Kopf. «Nicht, dass ich wüsste. Aber manche daten sich danach und schreiben später ein Danke.»Die nächsten Pitches ziehen sich wie Kaugummi. Die Pitchenden beschreiben ihre Freundinnen als «vollbusig», «Nasenspray-Addict» oder «sparsame Schwäbin». Ich zucke bei der Wortwahl zusammen. Vieles ist cringe und zum Fremdschämen. Lässt sich das bei so einem Format überhaupt vermeiden?Die Party läutet der Moderator so ein: «Flirtet! Denkt dran, dafür habt ihr zwanzig Euro bezahlt!» Alle taxieren sich in dem kleinen Raum. Ich hole Bier für Lucie und mich. Die Musik ist viel zu leise, als dass sie die Unsicherheit der Gespräche übertönen könnte.Da läuft gar nichtsBald hat Lucie alle Männer durch. Ich sehe an ihrem Blick: Da läuft gar nichts. Nur die zwei Sonnyboys vom Anfang fehlen noch. Sie sind dauerhaft umringt von Frauen. Ich entwickle einen ungesunden Ehrgeiz, etwas für meine Freundin zu reissen. Das vierte Helle schmeckt.Als Moritz nach seiner Jacke greift, der Granola-Boy, gehe ich auf ihn zu. «Ich finde, du solltest Lucie nach einem Date fragen», sage ich geradeheraus und drücke ihm ihre Nummer in die Hand. Er lacht. Es ist eine von vielen, die er heute bekommen hat. «Ja, ich spiele auch gerne Schach. Vielleicht wäre das was», meint er. Mit vermutlich unangenehmer Penetranz halte ich ihn vom Gehen ab.Eine halbe Stunde später sitzt er mit seinem Kumpel Luca und Lucie auf dem braunen Sofa. Alle anderen sind weg. Hinter uns werden bereits die Stühle gestapelt.«Warum bist du eigentlich im Homeless Style unterwegs und Lucie so schick?», fragt Moritz. Ich grinse. Lucie kontert mit einer Gegenfrage, wer von den beiden eitler sei. Ich merke, wie sie immer lockerer wird und mit beiden flirtet. Als «Angels» von Robbie Williams läuft, werden wir aus dem Laden gefegt. Ich bin mir nicht sicher, auf welchen der beiden Typen sie steht, und will beide Nummern für sie klären.«Wisst ihr was? Das war voll schön. Ich mache mal eine Whatsapp-Gruppe, dann können wir uns wiedersehen», sage ich und hole mein Handy raus, ohne eine Antwort abzuwarten. Sie tippen ihre Nummern ein. Ich wirke trottelig, aber egal. Um mein Ego geht es heute nicht. Als wir uns beim Altonaer Bahnhof verabschieden, zögern die beiden kurz, ob sie noch mit uns in eine Bar kommen, wollen dann aber lieber heim.Ein letztes Bier zu zweitLucie und ich ziehen noch weiter in eine Bar auf dem Kiez, in einer der ruhigeren Seitenstrassen der Reeperbahn. «Weisst du, was witzig wäre? Wenn ich hier jetzt jemanden kennenlerne», sagt sie lachend. Aber die Bar ist fast leer. Also ein letztes Bier zu zweit.«Ob wir uns jetzt daten würden, hat mich der Typ mit der Zigarette total forsch gefragt, und ich habe geantwortet: Ich glaube, wir sind kein Match.» – «Nein!» Wir lachen viel. «Es waren zu wenig Männer da», sage ich seufzend. «Und die Frauen waren alle cool», sagt Lucie. Wir teilen angetrunken eine Packung Mentos mit Fruchtgeschmack.«Manche Männer hatten so eine Kälte im Blick», sagt Lucie nach einer Weile. «Ich frage mich manchmal, ob die wirkliches Interesse an Frauen haben oder einfach nur dringend eine Freundin suchen.»Es fühlt sich nicht wie eine gescheiterte Nacht an, wie wir so schweigend beieinandersitzen. Vielleicht, weil das eigentliche Versprechen des Abends erfüllt ist: dass man nicht alleine auf der Suche ist. Dass eine Freundin, die einen liebt, einfach mitkommt. Und dass Lucie und ich immer noch vieles teilen – auch wenn unser Alltag nicht mehr derselbe ist.Wir trinken aus. Ich umarme sie. Zu Hause angekommen, schreibt sie um drei Uhr morgens:«Danke für deine lieben Worte heute.»Ob wir jemals etwas in die Gruppe schreiben?Drei Tage später schreibt Luca. Er fragt, ob wir uns auf einen Cocktail treffen wollen. Wir wollen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel