Roger Federer und Rafael Nadal hat der Serbe überflügelt, mit der neuen Generation hält er noch mit. Ein fünfter Titel in New York wäre ein perfekter Schlusspunkt. Wenn Djokovic es denn auch so sieht.30.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenZum 20. Mal spielt Novak Djokovic am Turnier in Flushing Meadows. Wird es sein letzter Auftritt?Eduardo Munoz / Reuters«Es ist wahre Weisheit, zu wissen, wie man loslässt.» Mit diesem Satz beginnt Novak Djokovic den neuen Dok-Film «Der Wolf im Winter», der ihm gewidmet ist. Im Spitzensport lebt jedoch kaum jemand nach dieser Weisheit, auch im Tennis nicht. Rafael Nadal quälte seinen lädierten Körper noch mit 38 bis zum Äussersten. Serena Williams gab kürzlich mit 44 ihr Comeback.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und Novak Djokovic selbst, inzwischen 39? Sein Satz wirkt fast ironisch. Der Dok-Film erschien wenige Tage nach seinem ersten Match am ATP-Masters in Cincinnati. Er musste sich übergeben und schied aus. Danach sprach er von einem gesundheitlichen Problem, das ihn seit Jahren plage. Vor allem bei Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit. Ob er nächstes Jahr wieder in Cincinnati spielen werde, wurde er gefragt. Er halte es eher für unwahrscheinlich, sagte Djokovic.Naht das Karriereende? Die grosse Frage kreist seit Jahren um ihn. «Ich habe kein Ablaufdatum im Kopf», sagt Djokovic früh im Dok-Film. Je mehr andere ihn in Tennisrente schreiben und reden, desto mehr will er es allen beweisen. Und sich selbst.Die stärkenden Zweifel des DominatorsAus dieser Sturheit, in Serbien «Inat» genannt, schöpft Djokovic Kraft. Ein Rücktritt ergebe für ihn keinen Sinn, solange er noch auf höchstem Niveau mit den Besten konkurriere. Im Februar erreichte Djokovic am Australian Open den Final gegen Carlos Alcaraz. In Wimbledon kam er in den Halbfinal gegen Jannik Sinner. Im vergangenen Jahr stand er bei allen Majors im Halbfinal. Zurzeit liegt er auf Platz fünf der Weltrangliste.Er traut sich den 25. Major-Titel nach wie vor zu, sieht sich an manchen Tagen sogar selbst als den Besten der Welt. Nach der Niederlage gegen Alcaraz in Melbourne sagte er: «Ich glaube immer daran, dass ich es schaffen kann. Sonst würde ich nicht antreten.» Und weitere Halbfinals und Finals nähren seine Zuversicht.Sein eigener Massstab ist es, Unmögliches zu vollbringen. Und er wird daran gemessen. Er könne nicht sagen, dass er zufrieden sei mit dem, was er habe oder wer er sei, sagt er im Dok-Film. Der Ehrgeiz zerfrisst ihn: «Oft habe ich das Gefühl, mich selbst einzusperren.» Seine Frau Jelena Djokovic sagt es noch drastischer: «Er trägt die Last mit sich herum, nie genug zu sein.» Egal, was er tue.Doch es ist eben auch eine Tatsache, dass die ganz grossen Jahre des Dominators vorbei sind. 2023 war das letzte solche, mit drei von vier Major-Titeln, in Melbourne, Paris und New York. Danach kam die Wachablösung durch Carlos Alcaraz und Jannik Sinner. Und sie liessen Djokovics Selbstzweifel wachsen. Er höre diese innere Stimme, sagt Djokovic. Sie rede ihm ein, er sei nicht mehr auf dem Niveau, einen Major-Titel gewinnen zu können.Viele Experten und Fans stimmten ein: Djokovic habe den Biss verloren. 2024 blieb er zum ersten Mal seit 2017 ohne einen einzigen Major-Titel. Verletzungen bremsten ihn. Ausserhalb der Majors falle es ihm bei Turnieren schwer, sich zu motivieren, sagte Djokovic in Roland-Garros. Am US Open scheiterte er in dem Jahr bereits in der dritten Runde.Seinen Turnierkalender hatte er in den letzten Jahren bereits sukzessive verdünnt, um sich auf die Majors zu fokussieren. Manche nennen es Belastungssteuerung, andere legten es ihm so aus, dass er seine Obsession verloren habe. Er hätte 2023 auf dem Höhepunkt aufhören sollen, mäkelten sie.Doch Djokovic belehrte seine Kritiker eines Besseren: An den Olympischen Spielen 2024 in Paris holte er die Goldmedaille für Serbien – nachdem er es bereits an vier Spielen versucht hatte. «Der grösste Erfolg und Höhepunkt meiner Karriere», sagte er. Auf der grossen Bühne ist Djokovic zur Stelle. Umso mehr, wenn niemand an ihn glaubt.Der Antiheld, der Jäger – Djokovic braucht WiderständeWiderstände und Buhrufe stärken seinen Willen. «Damit Novak seine Arbeit machen konnte, brauchte er Angst oder Wut. Bei Liebe oder Anerkennung verlor er seine Reisszähne», sagt die Tennislegende Andre Agassi, der Djokovic einst für zehn Monate trainierte, im Dok-Film.Djokovic kannte es nicht anders. Er war stets der Antiheld. Als er sich mit 19 so richtig auf die Tennisbühne drängte, war der Platz in den Herzen der Fans bereits an Rafael Nadal und Roger Federer vergeben. Djokovic war ein Eindringling. Er jagte die beiden, zerstörte die schöne Erzählung des Zweikampfes des spanischen Stiers gegen die Schweizer Eleganz. Und dann schnappte er ihnen Rekord um Rekord weg.428 Wochen führte er die Weltrangliste an. Er ist der einzige Mann, der jedes der vier Majors mindestens dreimal und jedes der neun Masters-1000-Turniere mindestens zweimal gewonnen hat. Holt er seinen 25. Major-Titel, würde er Margaret Court überholen und alleiniger Rekordhalter der Männer und Frauen im Einzel werden. «Es könnte kaum eindeutiger sein. Er ist der Beste aller Zeiten», sagt Andre Agassi.Und doch bleibt er der Jäger. Nun von Sinner und Alcaraz. Und von seinen Rekorden – letztere Darstellung gefällt ihm besser. «Ich habe nicht das Gefühl, irgendjemanden zu jagen. Ich schreibe meine eigene Geschichte», sagte Djokovic im Januar am Australian Open. Er bekam zwei neue Rivalen und damit eine neue Herausforderung. Djokovic ist nicht mehr der, der ungebeten kam, sondern der, der trotz Aufforderung nicht gehen will.Selbst Djokovic kann die Zeit nicht besiegenUnd Djokovics Körper kann auch nach nunmehr 23 Jahren auf der Tour meist mit seinem Willen mithalten. Im Juli lieferte er sich mit dem 13 Jahre jüngeren Félix Auger-Aliassime den längsten Wimbledon-Viertelfinal der Geschichte. Er dauerte 5 Stunden und 15 Minuten – und der 39-Jährige siegte.Sein Training zielt seit jungen Jahren auf Langlebigkeit im Sport ab: Dehnen, Mobilisieren, Aufwärmen, Yoga. Er verschob damit seine physischen Grenzen. Doch selbst bei Djokovic machen sich diese in den letzten Jahren schleichend bemerkbar. In diesem Jahr war es eine Schulterverletzung, zuvor das Handgelenk, ein Riss des Innenmeniskus und eine Verletzung am Oberschenkel. Dazu kommen die Probleme, die sich in Cincinnati zeigten.Andre Agassi sagte im Dok-Film, er hoffe, dass Djokovic den Absprung nicht verpasse. Nicht wegen fehlender Erfolge, sondern zum Wohl von dessen Familie. Djokovic selbst spricht von Schuldgefühlen, wenn seine zwei Kinder weinen, wenn er wieder gehen muss. Er habe gemischte Gefühle zu einem Rücktritt, sagt seine Frau. Sie wolle ihm die Entscheidung aber nicht abnehmen.Erleichtert ein Sieg am US Open das Loslassen für Djokovic? Oder würde ein solcher seinen Ehrgeiz nur weiter entfachen? Seine Chancen stehen nicht schlecht. Jannik Sinner musste verletzt Forfait geben. Und Carlos Alcaraz bestreitet wegen einer Verletzung sein erstes Turnier seit Mitte April. Der grösste Konkurrent dürfte Alexander Zverev sein, der als Sieger in Roland-Garros und Wimbledon-Finalist topgesetzt ins Turnier startet. Auf den Deutschen könnte Djokovic frühestens im Final treffen, auf Alcaraz im Halbfinal.In «Der Wolf im Winter» nennt der Sportjournalist Howard Bryant drei Momente, die Topathleten in den Ruhestand führen: wenn sie auf dem Höhepunkt sind, wenn Gegner sie schlagen, die früher chancenlos gewesen wären, und wenn ihr Körper sie dazu zwingt. Djokovic hatte in den letzten Jahren durchaus solche Momente. Einige ignorierte er, bei anderen bewies er allen das Gegenteil – «Inat».Die Weisheit des Loslassens hat auch Novak Djokovic noch nicht erlangt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel