Wieder ausharren in der Kälte im kommenden Winter? Manche Bewohner Kiews suchen nach einer Bleibe auf dem LandDer Ukraine fehlen Abwehrraketen, was Russland ausnutzt, um wieder die Infrastruktur in der Hauptstadt anzugreifen. Kürzlich fiel deshalb das warme Wasser in einigen Stadtteilen aus. Das schürt bei den Bewohnern Angst vor dem kommenden Winter.Guillaume Ptak, Kiew30.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenPeople take shelter in a metro station during a night Russian attack, in Kyiv, Ukraine, early Thursday, Aug. 20, 2026.Danylo Antoniuk / AP«Ballistische Rakete auf Kiew», «reagieren Sie». Gegen 1 Uhr morgens reisst der Ton einer Telegram-Benachrichtigung die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt aus dem Schlaf. Die einen heben ihre Katze hoch, greifen nach dem Hund, andere wecken ihre Kinder. Sie schlüpfen in Hose und Jacke. Bei vielen liegt eine gepackte Tasche schon bereit: Portemonnaie, Reisepass, Autoschlüssel sowie einige Gegenstände und Dokumente, die sie auf keinen Fall in Flammen oder unter Trümmern verlieren wollen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie steigen ins Erdgeschoss hinab, die Augenlider noch schwer vom Schlaf, und grüssen die Nachbarn. Es hat sich eine Art Routine unter den Bewohnern eingespielt. Viele von ihnen sind im vergangenen Winter enger zusammengerückt: Im Januar fielen wegen russischer Angriffe auf das Energienetz in Tausenden Kiewer Wohnungen die Heizungen aus, während die Temperaturen auf fast minus 20 Grad sanken. Nun schürt jeder neue Schlag gegen die Infrastruktur der Hauptstadt die Angst, bald erneut wochenlang in bitterer Kälte ohne Strom ausharren zu müssen. Erst vergangene Woche führte Russland einen massiven Angriff durch, danach fiel das Warmwasser in einigen Stadtteilen aus.Im Flur setzt sich eine ältere Frau auf einen Stuhl. Eine Mutter zeigt ihrer Tochter, die auf ihrem Schoss sitzt, ein Video auf dem Smartphone. «Wie viele Ziele?» – «Mindestens vier.» Und plötzlich, mitten im Gespräch, hören sie den Knall einer ballistischen Rakete, die nach nur wenigen Minuten Flugzeit in der Hauptstadt einschlägt. Dann eine zweite, dritte, vierte. Die Druckwelle einer, die in der Nähe eingeschlagen ist, lässt Türen klappern, die Alarmanlagen von Autos läuten. Im Flur lösen die Detonationen eine paradoxe Erleichterung aus: Hört man die Explosion, ist sie woanders eingeschlagen.Kaum mehr AbwehrraketenSolche Szenen wiederholen sich inzwischen ständig: Im Juli griff Moskau im Schnitt alle drei Tage Kiew an. Der Hauptstadt fehlen Abfangraketen für die Patriot-Systeme, die Russlands ballistische Raketen abwehren. Laut dem Präsidenten Wolodimir Selenski traf Ende August zwar eine kleine Lieferung neuer Patriot-Raketen in der Ukraine ein, doch deren Zahl reicht nicht aus. In der Stadt herrscht eine unterschwellige Anspannung.Bei den besonders schweren Angriffen, wenn ballistische Raketen, Marschflugkörper und Shahed-Drohnen gleichzeitig anfliegen, suchen Zehntausende Ukrainer mit Schlafsack und Isomatte unter dem Arm Schutz im Untergrund: In der Nacht vom 29. auf den 30. Juli flüchteten über 56 000 Menschen in die U-Bahn-Stationen. Die Salven auf Kiew und das Umland treffen Wohngebäude, Logistikzentren und immer häufiger die Energieinfrastruktur.Die ukrainischen Behörden rechnen damit, dass Russland mit Beginn der kalten Jahreszeit wieder systematisch das Stromnetz und die Heizanlagen des Landes angreift. Im März erklärte Energieminister Denis Schmihal, dass seit dem Start der Heizperiode mehr als 9 Gigawatt an Erzeugungskapazität beschädigt worden seien. Seit 2022, fügte er hinzu, habe Russland mehr als 700 Raketen und 20 000 Drohnen gegen diese Infrastruktur eingesetzt.Dennoch harrten die Einwohner in Kiew aus: Eine Umfrage des Instituts Gradus im Januar, auf dem Höhepunkt der Krise, zeigte, dass 87 Prozent der befragten Stadtbewohner trotz den Angriffen auf das Energiesystem nicht weggezogen waren. Um die Hauptstadt zu verlassen, hätten sie nicht nur eine andere Unterkunft gebraucht, sondern sich von Angehörigen trennen und die Möglichkeit haben müssen, anderswo Geld zu verdienen.Solaranlage, Holzofen und ein eigener BrunnenSwitlana, eine Psychotherapeutin aus Kiew, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, hat sich für den kommenden Winter aber Gedanken gemacht. Sie weiss bereits, wohin sie ausweichen könnte: Freunde besitzen ein Haus in Irpin am Stadtrand, das sie mit Solaranlagen ausgestattet haben. «Wenn bei mir die Heizung ausfällt, ziehe ich einfach für eine Weile zu ihnen», sagt sie.In einem Interview Anfang August mit dem Radio Hromadske schilderte die Immobilienexpertin Lidia Ribatschok, dass die Energieautarkie für viele, die ein Haus rund um Kiew zur Miete suchen, zur obersten Priorität geworden sei. Manche Kunden verlangten sogar einen Holzofen und einen eigenen Brunnen, um bei längeren Ausfällen heizen und kochen zu können.Anders als viele andere Einwohner Kiews kann Switlana im Home-Office arbeiten. «Natürlich möchte ich nicht weg: Meine Familie ist hier, mein Leben ist hier, und ich habe Pläne in Kiew. Aber vielleicht muss ich es tun, wenn die Lage wirklich schlimm wird», sagt sie. Sollte sich die Krise verschärfen, hat sie sogar weitere Optionen: Freunde könnten sie in Bulgarien oder der Türkei aufnehmen. Bereits zu Beginn der russischen Invasion im Jahr 2022 hatte sie vorübergehend in Polen Zuflucht gefunden. Vorerst wartet sie ab: «Gegen Spätherbst werden wir wohl klarer sehen», sagt sie. «Man muss die Hoffnung bewahren und sich anpassen.»Die Ukraine versucht, Gegenmassnahmen zu treffen. «Wir reparieren und bauen so schnell wie möglich wieder auf und setzen verstärkt auf dezentrale Anlagen, die für Russland schwerer zu treffen sind», erklärt ein Sprecher von DTEK, dem grössten privaten Energiekonzern des Landes. «Doch ohne eine wirksame Flugabwehr kann unsere gesamte Arbeit innerhalb weniger Sekunden zunichtegemacht werden. Es ist absolut überlebenswichtig, dass unsere Verbündeten uns in den kommenden Monaten mehr Abfangraketen zur Verteidigung bereitstellen.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel