InterviewFabrice GuérinPottwale sind klug, verschmust und alles andere als Monster. Davon ist François Sarano überzeugt. Der französische Ozeanograf weiss alles über diese Riesen – und doch nichts.30.08.2026, 05.30 Uhr15 LeseminutenEin Mann und das Meer: François Sarano.Félix LedruEigentlich müsste François Sarano längst Kiemen haben. Oder zumindest Schwimmhäute: Der französische Ozeanograf hat sein halbes Leben unter Wasser verbracht. Er ist mit Weissen Haien und Salzwasserkrokodilen getaucht, er ist durch Unterwasserhöhlen und Kelpwälder geschwommen, vorbei an Wracks und submarinen Vulkanen. Dabei wurde er von riesigen Meeresbewohnern angestupst und von winzigen angegriffen. Und fragt man den ehemaligen wissenschaftlichen Berater von Jacques-Yves Cousteau nach seinen grössten Abenteuern, hört er gar nicht mehr auf zu erzählen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und Action: François Sarano und seine Moby Dicks.François SaranoVerabredet sind wir an diesem Augustmorgen, um über Pottwale zu sprechen – Moby Dicks. Der 72-Jährige, zugeschaltet aus seinem Haus im südfranzösischen Valence, erforscht sie seit dreizehn Jahren und wird es vermutlich bis an sein Lebensende tun. So begeistert ist er von den sanften Riesen und so «fantastique» seien seine Beobachtungen, so «incroyable». Den ersten Teil kann man in seinem Buch «Wie man mit Walen tanzt» nachlesen. Darin verwebt Sarano die Forschung mit eigenen Erlebnissen, die immer weitergehen. Tag für Tag taucht er mit den Meeresriesen, um mehr über sie herauszufinden und für ihren Schutz zu kämpfen.Frage: Herr Sarano, wann sind Sie letztmals mit Pottwalen getaucht?Antwort: François Sarano: Vor ein paar Tagen an der französischen Küste. Wir haben das Glück, vor den Inseln von Hyères eine Population von grossen Bullen studieren zu können. Weil das Mittelmeer relativ klein ist, bewegen sie sich auch in Küstennähe, nur wenige Kilometer vom Festland entfernt. Und so machen wir unvorstellbare Entdeckungen.Seite an Seite: Wenn Feinde wie Orcas (unten) angreifen, halten Pottwale zusammen.Marion SaranoFrage: Zum Beispiel?Antwort: Wir beobachten, dass männliche Pottwale im Rudel jagen wie Löwen oder Wölfe. Einige scheinen die Riesenkalmare aufzuscheuchen, während andere im Hinterhalt auf sie lauern. Dabei galten die Männchen bisher als solitäre Jäger.Frage: Wie haben Sie das beobachtet? Pottwale jagen in bis zu 2000 Metern Tiefe.Antwort: Wir nehmen ihre akustischen Signale auf. Es ist Ihnen sicher bekannt, dass die Meeressäuger keinen Geruchssinn haben und sich in der finsteren Tiefsee mit einer Art Echolot orientieren müssen: Sie suchen ihre Umgebung ab, indem sie Klicks aussenden und auf das Echo von Riesenkalmaren warten.Frage: Klicks?Antwort: Das sind mechanische Laute, mit denen Wale kommunizieren und quasi unter Wasser sehen. Sie sind, das weiss man seit langem, kilometerweit zu hören und dienen ihnen als akustische Taschenlampen. Spüren Pottwale das Echo eines Riesenkalmars, beschleunigen sie ihre Klicks zu einem raschen, dichten Knattern, einem sogenannten ­Creak. Mit diesem vibrierenden Strahl tasten sie ihn ab, um herauszufinden, wie gross er ist und wie schnell. Und jetzt stellen wir fest, dass zwar alle Bullen zusammen ab- und später fast zur selben Zeit wieder auftauchen, unter Wasser aber nur einzelne von ihnen Töne aussenden. Es ist, als würden mehrere Männer nachts im Wald Pilze suchen, aber nur einer seine Taschenlampe benutzen.Frage: Und die anderen?Antwort: Sie jagen vielleicht stumm oder lauern in der Dunkelheit auf Beute. Noch wissen wir es nicht, zumal wir in diesen Tiefen nicht tauchen können. Sicher ist, dass die Bullen gemeinsam ab- und später fast gleichzeitig wieder auftauchen und folglich zusammen jagen. Das setzt Koordination voraus, gegenseitiges Vertrauen und einen unglaublichen Zusammenhalt.Frage: Aber sind Wale nicht schon länger dafür bekannt, gemeinsam zu jagen und beispielsweise Fische in Netze aus Luftblasen zu treiben?Antwort: Ja, Buckelwale. Sie sind zwar auch Meeressäuger, aber ganz anders als Pottwale: Sie jagen nur in 50 bis 100 Metern Tiefe. Die Kühe leben nur etwa sechs Monate mit ihren Kälbern, während Pottwalkühe soziale Gemeinschaften fürs Leben bilden. Bis auf die Bullen, die bisher als Einzelgänger galten. Doch jetzt deutet alles darauf hin, dass auch sie einen sozialen Zusammenhalt haben. Das ist phantastisch.Im Rausch der TiefeImagoFrançois Sarano – MeeresbiologeBekannt wurde der französische Ozeanograf als wissenschaftlicher Berater von Jacques-Yves Cousteau. Nach 13 Jahren auf dem Forschungsschiff «Calypso» wirkte er als Mitautor und Taucher am Erfolgsfilm «Océans» mit. Seit 2002 setzen sich Sarano und seine Frau Véronique mit ihrer Organisation Longitude 181 für den Meeres- und Artenschutz ein. Sie untersuchen unter anderem das Sozialverhalten und die Familienstrukturen einer Pottwalpopulation vor Mauritius. Im Mittelmeer kämpfen sie mit der Initiative «Whale Way» für Tempolimits auf See, um Wale vor Schiffskollisionen zu schützen.Frage: Pottwalbullen werden bis zu 20 Meter lang und 50 Tonnen schwer. Wie ist es, ins Auge von solchen Riesen zu blicken?Antwort: Es ist das schönste aller Geschenke. Bedingungslos und unbezahlbar, da es von einem wilden Tier kommt, das vollkommen frei ist. Wir können nicht erzwingen, dass Wale unsere Nähe suchen oder uns gar berühren. Tun sie es, schenken sie uns Gnade, Momente, in denen ich mir sage: Wenn jetzt Zeit ist, zu gehen, dann ist das in Ordnung.Frage: In der Wissenschaft ist es verpönt, mit Walen zu tauchen und damit ihr natürliches Verhalten zu beeinflussen. Sie tun es trotzdem. Warum?Antwort: Ist es nicht paradox, Meerestiere zu erforschen, ohne je ins Wasser zu gehen? Selbst der berühmte Walforscher Hal Whitehead, der sie seit zwanzig Jahren vom Schiff aus studiert, gibt zu, dass ihm ein bedeutender Teil ihres Verhaltens entgeht. Hinzu kommt, dass man Pottwale an der Oberfläche meist nur identifizieren kann, wenn sie ihre Schwanzflosse zeigen, was nur kurz oder selten der Fall ist. Soziale Interaktionen wie das gemeinsame Spielen oder das Säugen der Kälber lassen sich ausschliesslich unter Wasser beobachten. Darum verfolge ich einen ethnologischen Ansatz: Wer eine fremde Gesellschaft wie die der Pottwale verstehen will, muss in ihr Leben eintauchen und an ihrem Alltag teilnehmen.Wissenschaftlich umstritten: Braucht es diese Nähe zwischen Mensch und Wal?Marion SaranoFrage: Einer ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen.Antwort: Ja, Eliot. Er hat mich quasi gefunden, vor dreizehn Jahren auf Mauritius, als ich noch Weisse Haie erforschte und mich nicht für Pottwale interessierte. Doch als ich durch das Blau des Indischen Ozeans tauchte, war da auf einmal dieser Jungbulle, etwa acht Meter lang und fünf Tonnen schwer. Er schwamm direkt auf mich zu und kam immer näher mit seinem riesigen, topfförmigen Kopf. Oh, oh, dachte ich, aber dann stupste er mich ganz sanft an, einmal, mehrmals. Das hat mein Leben verändert.Frage: Inwiefern?Antwort: Damals hatte ich keine Ahnung, was für Persönlichkeiten sie sind. Bis Eliot mir ihre Unverwechselbarkeit vor Augen führte: Er war immer extrem neugierig, verspielt und kommunikativ, während sein Halbbruder «Tache Blanche» (Weisser Fleck) nie Interesse an uns gezeigt hat. Dabei sind die beiden gleich alt, sie waren immer zusammen und haben immer miteinander gespielt. So ist mir bewusst geworden, dass wir unsere Forschung auf Persönlichkeiten fokussieren müssen.Frage: Inzwischen haben Sie vor Mauritius mehr als 50 Pottwale identifiziert und biografisch beschrieben. Wie reiht sich Eliot da ein?Antwort: Er ist in einem Clan aufgewachsen, zu dem ursprünglich ein halbes Dutzend Kühe gezählt hat: eine Leitkuh, wir tauften sie «Irène Gueule Tordue», Irène Schiefmaul, und fünf weitere Kühe, die ihre Kälber zusammen aufzogen und bis in den Tod beschützten. Später haben sich die Clans dann aufgespalten. Heute muss ich sagen, die Hauptfigur war nicht Irène, sondern Germine.Frage: Warum?Antwort: Sie passte als Babysitterin auf alle Kälber auf, während die Mütter in der Tiefsee jagten. Normalerweise haben Kälber nur eine Amme, die sie neben der Mutter säugt und gemeinsam mit ihr aufzieht. Germine hingegen war noch zu jung, um eigene Milch zu produzieren. Trotzdem liess sie alle Kälber bei sich nuckeln und passte mit bedingungsloser Fürsorge auf sie auf.Verschmust: Pottwalkühe sind oft Seite an Seite, Bauch an Bauch.Marion SaranoFrage: Und als die Clans sich trennten?Antwort: Germine blieb bei Irène, die anderen mussten sich neu organisieren. Eine Weile haben die Jungbullen Eliot und Weisser Fleck auf die Kälber aufgepasst. Ich vermute, dass Eliot seine Gruppe darum erst mit dreizehn verliess, also drei Jahre später als ein Jungbulle aus dem anderen Clan. Werden sie geschlechtsreif, brechen sie in die subantarktischen Gewässer auf, in die Nahrungsgebiete der grossen Bullen.Frage: Eliot, Weisser Fleck, Irène Schiefmaul – werden Sie für diese Namen immer noch so kritisiert?Antwort: Früher wurde uns oft unwissenschaftliche Sentimentalität vorgeworfen. Üblich waren numerische Bezeichnungen, die das Datum der ersten Begegnung und das Geschlecht enthielten. Irène Schiefmaul hätte demnach 20110314F1 heissen müssen. Doch Nummern leiden nicht, und sie haben kein Bewusstsein. Sie verwandeln Lebewesen in Sachen und nutzbare Ressourcen. Erkennen wir an, dass ein Tier eine eigene Persönlichkeit und Biografie besitzt, ist es nicht mehr austauschbar.Frage: Die Schimpansenforscherin Jane Goodall kämpfte in den sechziger Jahren mit ähnlichen Vorwürfen.Antwort: Während Namen bei menschenähnlichen Primaten irgendwann akzeptiert waren, galten sie bei Meerestieren lange als tabu. Dabei können Pottwale, wie andere grosse Walarten, Elefanten oder Menschen, bis zu hundert Jahre alt werden. In dieser Zeitspanne machen sie unzählige Erfahrungen, die ihre Persönlichkeit und Familienstrukturen prägen.Frage: Wie sieht ein typischer Tag im Leben einer Walfamilie aus?Antwort: Es gibt nicht die eine Walfamilie. Jeder Clan hat seine eigene Geschichte. Der Clan von Irène unterscheidet sich von allen anderen – genauso, wie sich Ihre Familie von meiner unterscheidet. Grundsätzlich kann man sagen, dass Pottwale morgens lange schlafen. Wenn sie gegen halb elf aufwachen, fangen die Kleinen an, herumzutollen, und die Grossen versammeln sich zur Jagd. Einmal abgetaucht, verbringen sie etwa fünfzig Minuten in bis zu tausend Metern Tiefe. Dann kommen sie wieder an die Meeresoberfläche, atmen etwa zehn Minuten und tauchen wieder ab, mindestens fünfzehnmal pro Tag, weil sie rund 450 Kilo Tintenfisch fressen müssen. Und wenn sie irgendwann verschwinden, nichts mehr zu hören ist und nichts mehr zu sehen, schlafen sie wieder.Frage: Sie beschreiben den «Schlafsaal der Wale» als fast heiligen Anblick, vergleichen ihn gar mit Carnac, einer berühmten prähistorischen Kultstätte in der Bretagne.Antwort: Wenn Pottwale schlafen, wird das Meer spiegelglatt, es gibt keine Blasen an der Oberfläche, und im Hydrofon verstummen ihre sonst ununterbrochenen Klicks. Taucht man in diese Stille hinab, bietet sich ein unvorstellbarer Anblick: Die Wale treiben völlig bewegungslos etwa zwanzig Meter unter der Wasseroberfläche. Sie schlafen nicht liegend, sondern kerzengerade im Wasser – wie schwebende Menhire, aufgerichtete Steine aus der Jungsteinzeit.Magischer Anblick: Wenn Pottwale schlafen, sehen sie aus wie schwebende Menhire.Marion SaranoFrage: Ohne zu atmen?Antwort: Sie tauchen etwa alle fünfzehn Minuten vertikal auf, nehmen einen Atemzug und lassen sich wieder sinken. Oft bleiben sie bis zu einem bestimmten Grad wachsam, das heisst, eine Hirnhälfte bleibt wach, während die andere schläft. Ein Auge bleibt geschlossen, während das andere wacht.Frage: Überrascht hat mich bei der Lektüre Ihres Buches auch, wie verschmust Pottwale sind.Antwort: Bei den Weibchen ist das soziosexuelle Verhalten tatsächlich stark ausgeprägt: Sie lassen sich Seite an Seite treiben, Bauch an Bauch. Dabei streicheln sie einander und reiben sich mit den Flossen sogar an den Geschlechtsteilen. Letzteres tun interessanterweise immer nur dieselben zwei Weibchen und bleiben sich treu.Frage: Sind Pottwale bisexuell?Antwort: Ich bin mir nicht sicher, ob sie diese Zärtlichkeiten als sexuell befriedigend empfinden oder einfach nur als freundschaftlich. Zweifellos verschaffen sie einander Wohlbefinden und vertiefen damit ihre Beziehungen.Frage: Welches war der intimste Moment, den Sie je mit einem Pottwal geteilt haben?Antwort: Die dritte Begegnung mit Eliot. Als er sich mir nicht mit den knarrenden Erkundungsgeräuschen näherte, sondern Codas aussendete – jene rhythmischen Klickfolgen, die bei den Walen sonst mit Körperkontakt und gegenseitigen Streicheleinheiten einhergehen. Wir schwammen miteinander, drehten Pirouetten und spielten ganze zehn Minuten lang! Das ist, als würde in der Savanne ein Elefant auf Sie zukommen und Sie zehn Minuten mit dem Rüssel streicheln. Zählen Sie einmal zehn Minuten!Frage: Was, glauben Sie, sieht Eliot in Ihnen?Antwort: Sicher nicht dasselbe wie ich in ihm. Ganz gleichgültig bin ich ihm vermutlich nicht. Sonst hätte er nicht über mehrere Jahre immer wieder meine Nähe gesucht. Er schätzt meine Gegenwart, hat aber keine Erwartungen.Frage: Hatte er keine Erwartungen, als er Sie mit einem Angelhaken im Kiefer aufsuchte?Antwort: Er hat vorher sicher auf viele Arten versucht, den Haken zu entfernen. Als das nicht klappte, erinnerte er sich an die positiven Erlebnisse, die er mit uns hatte, und suchte in der Hoffnung auf Hilfe unsere Nähe. Also schwamm er mit aufgerissenem Maul auf unsere Taucher zu, die zuerst ins Boot flüchteten. Aber Eliot gab nicht auf, tauchte immer wieder neben dem Boot auf. Zurück im Wasser entdeckten meine Kollegen den Haken, der tief in seinem Unterkiefer steckte. Sie mussten ihn zu zweit herausreissen. Das war sicher schmerzhaft, aber Eliot hielt geduldig hin. Mit dieser doppelten Wette hat er gezeigt, zu welchen kognitiven Leistungen Wale fähig sind.Frage: Doppelte Wette?Antwort: Zuerst hat er quasi gewettet, dass wir Menschen ihm helfen können, und beharrte noch darauf. Dann setzte er darauf, die unmittelbaren Schmerzen auszuhalten, um in der Zukunft frei davon zu sein. Dasselbe wurde übrigens auch schon bei Haien oder Rochen beobachtet.Frage: Herman Melville beschrieb Moby Dick in seinem Roman als das personifizierte Böse aus den Tiefen. Was würden Sie ihm sagen?Antwort: «Komm mit mir tauchen, Herman.»Frage: Ist das alles?Antwort: Wollte ich Sie besser kennenlernen, würde ich auch mehr Zeit mit Ihnen verbringen. «Komm, Herman!», würde ich sagen. «Hör auf, Pottwale nur vom Schiff aus zu betrachten. Dann entdeckst du Geschöpfe, die alles andere sind als Monster.»Frage: Der 1851 erschienene Roman «Moby Dick» wird auch als Spiegel der Industrialisierung gelesen, mit der das fossile Zeitalter anbrach: Ab dem 18. Jahrhundert wurden Hunderttausende Pottwale getötet, um aus ihrem Tran Brennstoff, Schmiermittel für Maschinen oder Kerzen herzustellen.Antwort: Der Roman ist faszinierend, aber völlig unrealistisch. Er ist als Kampf der Titanen aufgezogen, Walfänger gegen Wal, Mensch gegen Monster. Dabei rammte Mocha Dick, die historische Vorlage für Moby Dick, das Schiff der Walfänger, um sich zu verteidigen. Nicht aus menschlichen Gefühlen wie Rache oder Hass, die Melville auf ihn projiziert hat. Genau dieser Anthropomorphismus ist ein grosser Fehler. Pottwale wollen sich niemals rächen. Menschen sind ihnen völlig egal.Frage: Warum rammen sie Boote?Antwort: Das tun nur Schwertwale, sogenannte Orcas, und vor allem ein einziger Clan vor der Küste Spaniens. Ich bin zwar nicht auf Orcas spezialisiert, kann mir aber gut vorstellen, dass eines ihrer Jungen von einem Schiff getötet worden ist und die Tiere darin eine Gefahr sehen. Möglich ist bei diesen hochintelligenten und verspielten Wesen auch, dass das Rammen der Ruderblätter inzwischen ein Spiel für sie ist. Sicher wollen sie das Boot angreifen und nicht die Menschen an Bord.Frage: Pottwale wurden bis Ende der 1980er Jahre gejagt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?Antwort: Ich war damals wissenschaftlicher Berater im Team von Jacques-Yves Cousteau. Natürlich haben wir immer wieder versucht, Pottwalen näherzukommen. Das war jedoch unmöglich, ihre Angst vor Booten war viel zu gross. Einmal sprangen wir sogar von einem Schiffshelikopter zu ihnen ins Wasser, so verrückt waren wir. Aber wir hatten keine Chance, immer flohen sie vor uns.Frage: Vielleicht nicht ganz zu Unrecht: Jacques-Yves Cousteau wird heute nicht nur als Legende gefeiert, sondern auch für seinen Umgang mit Meerestieren kritisiert. Besonders verstörend sind die Szenen aus dem Film «Le Monde du silence», in dem die Crew versehentlich ein Pottwalbaby rammte und dann die Haie massakrierte, die durch das Blut angelockt worden waren.Antwort: Das war in den fünfziger Jahren, als Haie als menschenfressende Zerstörungsmaschinen galten. Fische wurden generell für Dinge gehalten. Sowohl die Wissenschaft als auch die Bevölkerung schrieben ihnen jegliches Schmerzempfinden ab. Die Szenen schockierten damals auch niemanden. Im Gegenteil: Der Film begeisterte die Massen und gewann einen Oscar.Frage: Verrückt.Antwort: Nur aus heutiger Perspektive. Auf der Welt lebten 2,5 Milliarden Menschen, nicht 8. Und in den Meeren gab es weder Plastikverschmutzung noch Überfischung. Es war eine Zeit, in der man in Australien zum Spass Aborigines jagte oder in den USA schwarze Menschen aufhängte. Unser heutiges Verständnis von Wildtieren ist Lichtjahre vom damaligen entfernt.Frage: Was würden Sie heute nicht mehr machen?Antwort: Vieles. Auch meine Geschichte ist eine der Bekehrung. Wissen Sie, dass menschliche Babys bis 1980 noch ohne Narkose operiert wurden, weil man dachte, sie könnten keine Schmerzen empfinden? Im Biologiestudium haben wir Fröschen Elektroden eingesetzt, um zu sehen, wie sie reagieren. Und als Kaninchen während unserer Experimente schrien, sagte der Professor: «Aber hören Sie mal, Fahrräder quietschen auch.» Das war keine Bosheit, sondern Ignoranz.Frage: Bereuen Sie etwas, das Sie auf Cousteaus Schiff «Calypso» getan haben?Antwort: Nichts. Es ist mir eine Ehre, auf der «Calypso» gearbeitet zu haben, und ich bekenne mich voll und ganz zu Cousteau, zumal er uns die Unterwasserwelt geöffnet hat. Und als ich in den achtziger Jahren zur Crew stiess, wurden schon lange keine Tiere mehr getötet. Der grösste Unterschied ist, dass wir Tiere damals als Statisten nutzten, um uns in den Vordergrund zu stellen. Heute sehe ich das ganz anders, sonst würde ich nicht dafür kämpfen, dass wir ihre Existenz und Bedürfnisse respektieren. Stattdessen verhalten wir uns auf diesem Planeten wie Kolonisatoren, nicht wie Mitbewohner. Aber es braucht einen tiefgreifenden Wandel, damit alle zu dieser Erkenntnis kommen.Frage: Mit welchen Unterwasser-Anekdoten fesseln Sie Tischrunden?Antwort: Besonders intensiv war es, als wir zum ersten Mal mit einem Salzwasserkrokodil tauchten. Denn es galt 1987 als Menschenfresser, und jede Annäherung galt als lebensgefährlich. Trotzdem suchten wir in australischen Küstengewässern nach ihnen. Als wir eines entdeckten, tauchten wir ab und schwammen etwas ungeschickt heran, zu schnell vielleicht. Plötzlich schoss es auf Michel zu, rammte ihn, und ich sah nur noch Maske, Flossen und Kamera durch die Gegend fliegen.Frage: Hatten Sie keine Angst?Antwort: Doch. Heute frage ich mich oft, wie ich mich damals bloss trauen konnte. Es mag dumm klingen, aber wer mit Cousteau gearbeitet hat, fühlte sich unverwundbar. Also wagten wir einen zweiten Versuch, bei dem wir uns dem Krokodil ganz langsam näherten. Und siehe da, es blieb ganz ruhig. Ich konnte es sogar streicheln. Man sollte das zwar nicht tun, aber es war eine andere Zeit.Frage: Wann wurde es richtig gefährlich?Antwort: In einer Unterwasserhöhle in Borneo, die voller Skelette von Schildkröten war, die den Ausgang nicht gefunden hatten. Um sie zu erreichen, mussten wir zuerst durch eine sehr enge Passage tauchen, dann durch Kammern und labyrinthische Gänge bis zur Kathedrale. Plötzlich riss unsere Führungsleine, die uns den Weg zurück weisen sollte, und dazu gingen auch noch die Batterien der Lampen langsam aus. Kein Seil mehr, kein Licht, nur Luftflaschen auf dem Rücken. Wir hielten einander fest und tasteten uns an den Wänden vor. Schliesslich erreichten wir die engen Löcher und stiegen langsam durch das Labyrinth auf. Ich weiss nicht, was passiert wäre, wenn wir einen anderen Weg eingeschlagen hätten.Frage: Von Walen sind Sie nie angegriffen worden?Antwort: Nein, niemals, auch von Haien nicht. Dafür aber von einem Clownfisch. Bewachen sie ihre Nester, sind sie ziemlich aggressiv. Dann darf man ihnen nicht zu nahe kommen. Auch vor Drückerfischen muss man sich in acht nehmen, die haben rasiermesserscharfe Zähne. Verteidigen sie ihre Eier, können sie einem ganze Fleischstücke herausreissen.Frage: Pottwale stehen heute, wie viele Walarten, auf der Roten Liste. Werden sich die Bestände je erholen?Antwort: Meeressäuger sind sehr anfällig, weil sie nur wenige Nachkommen haben. Buckelwale wurden auch stark bejagt, bekommen aber alle zwei bis drei Jahre ein Kalb. Pottwalkühe hingegen tragen schon bis zu 16 Monate und haben im besten Fall alle vier bis sechs Jahre Nachwuchs. Gejagt werden sie heute zwar nicht mehr, dafür ersticken sie an Plastikabfall oder werden von Schiffsschrauben zerschnitten. Insbesondere im Mittelmeer sind sie durch Touristenschiffe und Jachten bedroht, die etwa von St. Tropez nach Korsika fahren. Darum kämpfe ich mit meiner Organisation Longitude 181 für ein Tempolimit in Walrevieren: Boote, die über zehn Meter lang sind, sollen in heiklen Gebieten nicht schneller als zehn Knoten fahren dürfen.Frage: Als wegweisend für den Schutz gilt das Verstehen ihrer Sprache – ein aktuelles Thema der Forschung. Was halten Sie vom Project Ceti, welches das Geheimnis mit AI zu entschlüsseln versucht?Antwort: Was sie sagen, werden wir wohl nie erfahren. Es wird niemals ein Wörterbuch für Pottwälisch geben.Frage: Ein Wörterbuch vielleicht nicht. Aber das Ceti-Team hat entdeckt, dass die Klick-Sequenzen der Wale Bausteine enthalten, die stark an ein phonetisches Alphabet oder an Vokale erinnern und in Rhythmus, Tempo oder Tonlagen ähnlich variieren wie Satzzeichen oder Betonungen in unserer Sprache.Antwort: Trotzdem glaube ich nicht, dass künstliche Intelligenz allein jemals ausreichen kann, um Pottwale zu verstehen. Darum filmen wir verschiedene Verhaltensweisen, wie sie sich zum Beispiel streicheln oder säugen, und zeichnen gleichzeitig die Töne auf, die sie dabei aussenden. Dann können wir versuchen, die Lautäusserungen in Zusammenhang mit dem Verhalten zu interpretieren. Könnte das jetzt bedeuten «Streichle mich» oder «Komm her», «Unterwirf dich» oder «Ich mag dich»? Es gibt tausend mögliche Interpretationen.Frage: Die Ceti-Forscher korrelieren Tonaufnahmen auch mit Verhaltensweisen, filmen aber lieber mit Drohnen oder Unterwasserrobotern.Antwort: Ich bleibe dabei: Wenn man jemanden wirklich kennenlernen will, ist die Begegnung notwendig, dann muss man sich Auge in Auge gegenüberstehen oder -schwimmen. Pottwale leben im Augenblick, sie häufen nichts an, denken nicht materiell. Ihre Welt und ihre Denkweise sind fundamental anders als unsere – und folglich auch ihre Sprache. Darum wird es immer absurd bleiben, ihre Wörter in unsere Sprache übersetzen zu wollen.Frage: Wann haben Sie Eliot zum letzten Mal gesehen?Antwort: Vor etwa zwei Jahren auf Mauritius, bevor er den Clan verlassen hat. Niemand weiss, wo er ist. Es bleibt sein Geheimnis, das Geheimnis des Lebens.Frage: Falls Sie doch irgendwann Pottwälisch sprechen, was sagen Sie Eliot?«Danke. Du hast mein Leben verändert.»Wie man mit Walen tanzt. Was uns Pottwale über die Ozeane und die Menschen erzählen. Folio-Verlag Wien/Bozen 2026.Passend zum Artikel