Ein Wiener an der SBB-Spitze? Die Bundesbahnen könnten im Jubiläumsjahr ein Novum erlebenAlexander Muhm, derzeit Leiter von SBB Cargo, gilt unter Bahnexperten als fähigster Kandidat für die Nachfolge des CEO Vincent Ducrot. Sein Manko: Er stammt aus Österreich.29.08.2026, 21.56 Uhr5 LeseminutenDer Cargo-Chef Alexander Muhm in Olten: Der gebürtige Wiener bezeichnet sich als «stolzen Solothurner».Bruno Kissling / CH MediaIm kommenden Jahr feiern die Schweizerischen Bundesbahnen ihr 125-jähriges Bestehen. Seit der Gründung des Staatskonzerns 1902 hat das Unternehmen viele Höhen und Tiefen erlebt: Entgleisungen, tödliche Unglücke, Stromausfälle und finanzielle Krisen. Eines war aber stets gleich: Immer trugen Schweizer die Verantwortung. Einen Chef aus dem Ausland gab es in der SBB-Geschichte noch nie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Jubiläumsjahr könnte sich dies ändern. Der CEO Vincent Ducrot wird im kommenden Herbst pensioniert. Als möglicher Nachfolger für den Freiburger wird in der Branche ein gebürtiger Wiener gehandelt: Alexander Muhm, derzeit Leiter Güterverkehr bei den SBB.Der 48-Jährige ist studierter Architekt und arbeitet seit siebzehn Jahren für die SBB. Zuerst war er in der Immobiliensparte tätig, wo er unter anderem die Entwicklung der Bahnhöfe verantwortete, bevor er 2019 die gesamte Division übernahm. Vor drei Jahren folgte der Wechsel zum Güterverkehr. Diese Woche konnte er für die Sparte zum ersten Mal seit Jahren wieder schwarze Zahlen präsentieren.Das verbesserte Cargo-Ergebnis war zwar auch Fördergeldern des Bundes zu verdanken. Branchenexperten sind sich jedoch einig, dass Muhm vieles richtig macht. «Er hat den wichtigen Immobilienbereich erfolgreich geleitet und meistert nun auch die schwierige Aufgabe bei SBB Cargo sehr gut», sagt Peter Füglistaler, bis 2024 Direktor des Bundesamtes für Verkehr (BAV). Muhm sei offen, kommunikativ und scheue keine kritische Diskussion. «Meines Erachtens verfügt er über das nötige Format für den CEO-Posten.»Die Herkunft als vermeintliches MankoLob erhält der SBB-Kadermann auch aus der Privatwirtschaft: «Muhm ist extrem engagiert, hört zu und nimmt die Anliegen von Kunden und Partnern ernst», sagt Nils Planzer, CEO und Verwaltungsrat des gleichnamigen Transportunternehmens, das eng mit den SBB zusammenarbeitet. Gleichzeitig habe Muhm den Mut zu harten Einschnitten gehabt: Das Angebot im Güterverkehr wurde reduziert, unrentable Standorte wurden geschlossen, die Preise angepasst.Innerhalb der SBB kommt Muhm mit seiner offenen Art ebenfalls bei vielen gut an. Verkrampfte Gespräche und peinliches Schweigen gibt es bei ihm nicht. Er spricht frei Schnauze wie wenige Manager auf seiner Stufe – allerdings mit Wiener Dialekt. Deshalb kommt in Gesprächen mit Brancheninsidern auch immer wieder sein vermeintliches Manko zur Sprache: Er ist Österreicher.Öffentlich will es niemand sagen, doch hinter vorgehaltener Hand meint eine einflussreiche Stimme der Schweizer Bahnindustrie: ein Ausländer an der Spitze der SBB, die zu 100 Prozent dem Bund gehören? Das gehe nicht. Dabei spielt es keine Rolle, dass Muhm seit einigen Jahren den Schweizer Pass besitzt und sich auch schon öffentlich als «stolzen Solothurner» bezeichnet hat.André Wyss, neuer SBB-Präsident.NZZEin interner KonkurrenzkampfDie Frage nach seiner Herkunft finden jedoch nicht alle relevant. «Bei einem SBB-CEO muss der Leistungsausweis stimmen. Die Herkunft ist egal», sagt der Transportunternehmer Planzer. Der neue SBB-Verwaltungsratspräsident André Wyss, Hauptverantwortlicher für die CEO-Nachfolge, äussert sich ähnlich. Im Gespräch mit der «NZZ am Sonntag» sagt er gar, dass für ihn der Schweizer Pass nicht zwingend sei.Weiter will sich Wyss nicht in die Karten blicken lassen. Es gibt aber weitere Kandidaten für den prestigeträchtigen Posten, auch von ausserhalb des Unternehmens. Es fällt immer wieder der Name Renato Fasciati, seit zehn Jahren Chef der Rhätischen Bahn. SBB-intern werden neben Muhm auch dem Infrastrukturleiter Linus Looser sowie dem Finanzchef Franz Steiger Ambitionen nachgesagt. Dem Vernehmen nach lernen die Aspiranten bereits fleissig Französisch.Der ehemalige BAV-Chef Füglistaler fände Steiger keine gute Lösung. «Bei ihm überwiegt der Ehrgeiz das Bahn-Know-how.» Füglistaler weist darauf hin, dass auch bei der Deutschen Bahn vor zehn Jahren der Finanzchef zum CEO befördert worden ist – mit wenig erfreulichem Ergebnis. Das operative Geschäft wurde vernachlässigt, die Deutsche Bahn steckt in einer Dauerkrise.Looser dagegen hält Füglistaler für einen «guten Bähnler», der vor der Division Infrastruktur bereits den Personenverkehr erfolgreich geleitet habe. Der 45-Jährige galt lange als logischer Nachfolger von Ducrot. Doch Füglistaler ist skeptisch: «Vom Profil her ähnelt er Ducrot. Er scheint sehr darauf bedacht, nicht anzuecken.»Der schweigende Herr DucrotExperten attestieren Ducrot zwar unisono einen hervorragenden Job, was den operativen Bereich betrifft. Benedikt Weibel, von 1993 bis 2006 SBB-Chef, hält fest: «Die SBB sind trotz Verkehrsrekord so pünktlich wie nie. Das verdient Respekt.» Kritik gibt es jedoch an Ducrots Zurückhaltung in Sachen Bahnausbau. «Mir fehlt eine Vision für die Zukunft», sagt Weibel.Die milliardenschweren Ausbaupläne von Verkehrsminister Albert Rösti, die touristische Grossprojekte wie den Grimseltunnel umfassen, stossen bei vielen Bahnexperten auf Unverständnis. Auch SBB-intern fürchtet man die Folgekosten. Der CEO Ducrot hält sich mit öffentlicher Kritik am Bundesrat jedoch zurück – und der Infrastrukturchef Looser hat es ihm bisher gleichgetan.Weibel findet diese Zurückhaltung falsch. Er kenne kein Land in Europa, das einem Ministerium den Auftrag gebe, das Bahnsystem zu planen. Die wirklichen Experten arbeiteten bei den SBB. «Deshalb müssen sich die SBB bei der Entwicklung von Angebotskonzepten und den dafür notwendigen Investitionen einbringen – und zwar lautstark.»Wird im Herbst 2027 pensioniert: Der SBB-CEO Vincent Ducrot.Annick Ramp / NZZEs muss kein «klassischer Bähnler» seinDucrot will von dieser Kritik nichts wissen. Diese Woche sagte er am Rande einer Medienkonferenz, dass sich 2014 mit der Annahme von Fabi – Finanzierung und Ausbau der Bahninfrastruktur – durch das Schweizer Stimmvolk die Spielregeln geändert hätten. Seither gelte: Das Parlament entscheidet, was finanziert und gebaut wird. «Daran halten wir uns – und verzichten deshalb auf öffentliche Ratschläge.» Im direkten Kontakt mit Behörden und Parlament brächten die SBB ihre Meinung jedoch sehr wohl ein. In den Medien diskutiere man jedoch nicht über einzelne Projekte.Mit dieser Haltung kann der kommunikationsfreudige Benedikt Weibel nichts anfangen. «Das Argument, der Bahnausbau sei Sache der Politik, lasse ich nicht gelten.» Gemäss SBB-Gesetz hätten die SBB ihre Infrastruktur in gutem Zustand zu erhalten und den Erfordernissen des Verkehrs und der Technik anzupassen. Sie könnten sich nicht aus der Verantwortung stehlen.Für Weibel ist die Nachfolge von Ducrot, die auf Oktober 2027 ansteht, die wichtigste Aufgabe des Verwaltungsrates. Zum Kandidatenkarussell will er sich nicht äussern. Für ihn ist jedoch klar, dass Branchen-Know-how unabdingbar ist. Einen branchenfremden CEO kann er sich nicht vorstellen. Der SBB-Präsident Wyss, als ehemaliger Chef des Baukonzerns Implenia selbst ein Quereinsteiger, zeigt sich etwas offener: Der neue CEO müsse zwar eine «Affinität zur Bahnbranche» haben, aber nicht zwingend ein «klassischer Bähnler» sein. Auch das schliesst nicht aus, dass ein Architekt aus Wien das Rennen macht.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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