Die baltischen Staaten sind Russland nicht nur geografisch nahe. Doch der Nachbar im Osten droht wieder gefährlich zu werden. Begegnungen in Estland.
W enn es Nacht wird, dann kann Triin Saks die Lichter sehen. Jeden Abend, seit Monaten. Am Horizont reihen sich die hellen Punkte auf, wie an einer Kette, die über dem Meer baumelt. Ihr Anblick hat fast etwas Romantisches. Es sind die Lichter von riesigen Containerschiffen. Manchmal sind es nur fünf bis zehn, an vielen Tagen sind es mehr. Sie gehören zu Russlands sogenannter Schattenflotte, warten auf ihre Einfahrt in den nächsten russischen Hafen.
Triin Saks lebt in Käsmu im Norden Estlands, rund 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. „Kapitänsdorf“ wird der Ort auch genannt, er ist bekannt für seine jahrhundertelange Seefahrergeschichte. Saks und ihr Mann betreiben dort eine Art Heimatmuseum, direkt am Dorfhafen. Das Haus ist vollgestopft mit Fundstücken: Fischernetze, jahrhundertealte Bücher, Seekarten, Tonkrüge. Das Meeresmuseum von Saks und ihrem Mann ist zugleich ihr Zuhause, ein Haus voller Erinnerungen an die Geschichte Käsmus, an den Ersten und Zweiten Weltkrieg, die sowjetische Besatzung, die Zeit der Unabhängigkeit seit Beginn der 1990er Jahre. Dabei spielt Russland immer eine zentrale Rolle.






