Der Ausnahmeboxer Moses Itauma fürchtet vor dem ersten WM-Kampf den Rummel mehr als den GegnerDer 21-jährige Brite hat die Anlagen, im Schwergewicht dereinst ähnlich dominant zu werden wie einst Mike Tyson.29.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenMoses Itauma (rechts) trifft mit beiden Fäusten ähnlich hart.Hamad I Mohammed / ReutersEine Rekordmarke hat Moses Itauma schon verpasst. Der 21-jährige Schwergewichtler aus der englischen Grafschaft Kent flirtete nach seinen ersten, beeindruckenden Erfolgen als Profi eine Zeitlang mit der Option, Mike Tyson als jüngsten Champion der modernen Boxhistorie abzulösen. Tyson hatte seinen ersten WM-Gürtel im Alter von 20 Jahren, 4 Monaten und 23 Tagen erobert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Inzwischen hat Itauma das Projekt allerdings aufgegeben. Die Erfahrungen, die er in bisher 14 erfolgreichen Kämpfen im Ring gesammelt hat, sind ihm zu kostbar, als dass er die Lernkurve allzu früh abkürzen wollte. Ein zweites Ziel behält er aber im Blick: Er will in der Königsklasse so dominant werden wie einst der Amerikaner Tyson – freilich ohne ähnlich skandalöse Geschichten abzuliefern, wie er betont.Hinter diesem Vorsatz könnte mehr stecken als der branchenübliche Grössenwahn. Der Sohn einer slowakischen Mutter und eines nigerianischen Vaters gilt in seiner Gewichtsklasse seit längerem als grösstes Versprechen für die Zukunft. Itauma kombiniert die Beweglichkeit eines Mittelgewichtlers mit der Ringintelligenz und der Abgeklärtheit eines Routiniers. Dazu verfügt er über einen mächtigen Punch in beiden Fäusten.Der Rechtsausleger trifft mit der Führhand annähernd so hart wie mit der Schlaghand, zumal er aussichtsreiche Situationen blitzschnell erfasst. Nicht zuletzt hat sich der 1 Meter 94 grosse Athlet bei zwölf K.-o.-Siegen als exzellenter Finisher bewiesen. Das ergibt in Summe ein aussergewöhnliches Potenzial. «Er hat das Komplettpaket», sagte etwa Nelvie Tiafack, deutscher Olympiadritter von Paris, vor einem Jahr nach gemeinsamen Sparringsrunden.Die Boxnation Grossbritannien schöpft HoffnungSo ist der rote Teppich ausgelegt, wenn Itauma am Samstagabend in London um den vakanten WM-Titel der IBF boxt. Ein Sieg über den 13 Jahre älteren Kroaten Filip Hrgovic (20 Siege, 1 Niederlage) würde ihn immerhin noch zum zweitjüngsten Champion im Schwergewicht machen, knapp vor dem 1956 inthronisierten Floyd Patterson (21 Jahre, 10 Monate und 26 Tage). Vor allem aber könnte Itauma eine neue Ära prägen, nachdem der allseits anerkannte Ukrainer Olexander Usik seine drei WM-Gürtel im Juni niedergelegt hat – und die einstigen britischen Rivalen Tyson Fury und Anthony Joshua sich voraussichtlich im November aus dem Ring werden verabschiedet haben.Boxfans zwischen Brighton und Belfast feuern den Senkrechtstarter schon deshalb an, weil er dem Vereinten Königreich im Boxen neuen Glanz verspricht. Das britische Publikum war in letzter Zeit spürbar frustriert, als der übermächtige Usik einen britischen Hoffnungsträger nach dem anderen verschliss – ausgerechnet in der prestigeträchtigsten Gewichtsklasse, dem Schwergewicht. Das hat das Selbstverständnis der grossen Boxnation getroffen.Dabei taugt Itauma nur bedingt zum Volkstribun. Seine knappen, wenn auch pointierten Einlassungen ergeben keine markanten Schlagzeilen, und mit überheblichen Ansagen hält er sich ohnehin zurück. Sie sind nach seiner Überzeugung ein Indikator für Unsicherheit.Itauma hatte noch nie einen echten Test zu bestehenDas galt auch in den letzten Tagen vor seinem bisher wichtigsten Kampf. Hrgovic hatte die Atmosphäre angeheizt, als er öffentlich machte, «den Jungen in die Highschool zurückschicken» zu wollen: «Er ist noch nicht erwachsen genug.» Itauma liess die rhetorische Attacke zuerst ins Leere laufen, um später trocken zu kontern. Physisch und mental habe er sich schon in besserer Verfassung gefühlt, sagt Itauma, «aber ich denke, es reicht, um Hrgovic zu schlagen». Letztlich sei der Kroate «nicht dort, wo ich bin». Ähnlich sehen das die Buchmacher. Bei ihnen ist der Youngster, der auch als Junior ohne Niederlage blieb, ausgemachter Favorit.Wo so viel Hype ist, ist aber auch Skepsis. Etliche Beobachter machen geltend, dass Itauma, gegenwärtig die Nummer zwölf der Computerrangliste, noch keinen echten Test zu bestehen hatte. So könnte sich sein erster WM-Kampf als zu steile Stufe erweisen. Der sehr kompakt agierende Hrgovic, in der Rangliste Siebenter, hat seinem Konkurrenten sieben Zentimeter Reichweite sowie 71 Runden als Profi voraus. Seine einzige Niederlage erfolgte 2024 im abgebrochenen Kampf gegen den amtierenden WBO-Champion Daniel Dubois in Folge einer Verletzung. Nicht ohne Grund ist mancher Mitbewerber dem Amateur-Europameister aus Zagreb bei den Profis lieber aus dem Weg gegangen.Geht es um Schnelligkeit und Präzision, ist Hrgovic alias «El Animal» jedoch im Nachteil. So könnte das Londoner Duell Itaumas letztem Kampf im März gleichen. Damals demontierte der Commonwealth-Champion mit dem Amerikaner Jermaine Franklin in Manchester einen früheren Top-10-Boxer, der noch nie k. o. gegangen war, in viereinhalb Runden.Der Auftritt war derart souverän, dass es den britischen Live-Kommentator vom Sitz riss: «Es gibt keinen anderen Schwergewichtler auf der Welt, der so ist wie Itauma», brüllte er ins Mikrofon. Das sehen sein Promoter Frank Warren sowie der amerikanische Sportartikelhersteller Nike ähnlich. Beide haben mit dem Ausnahmetalent, das mit zehn Jahren zu trainieren begann, langfristige Verträge abgeschlossen.Dass der Rummel um ihn mit einem WM-Gürtel über der Schulter noch grösser werden dürfte, scheint dem designierten Star gerade mehr Sorgen zu bereiten als jeder Widersacher. «Natürlich wird es schlimmer, wenn ich am Samstag gewinne, hundert Prozent», sagte er vor einigen Tagen. «Darauf bin ich nicht vorbereitet.» Aber in den Ring zu gehen, ohne den unbeugsamen Willen, Kampf und Gegner um jeden Preis zu dominieren, «das ergibt keinen Sinn».Passend zum Artikel
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Der 21-jährige Brite hat die Anlagen, im Schwergewicht dereinst ähnlich dominant zu werden wie einst Mike Tyson.






