«Das alte System fährt gegen die Wand»: Darum kämpfen die Schweinezüchter in Deutschland ums ÜberlebenDer Konsum geht zurück, die Zahl der Betriebe sinkt, in letzter Zeit hat sich die Krise dramatisch verschärft. Ein Grund sind Vorgaben der Regierung aus Berlin.Cornelius Welp, Frankfurt29.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenSchweine auf einem Hof in Norddeutschland.Christian Charisius / ReutersDie Schweine buddeln mit ihren Rüsseln im Schlamm, sie wühlen, scharren, schnüffeln und schubsen sich an. Manche laufen grunzend durcheinander, andere lagern schwer auf dem schmutzigen Stroh. Die Tiere leben in einem offenen Stall ohne Aussenwände, mit Tageslicht und Frischluft, ihr strenger Geruch hängt dennoch über dem Gelände. Der Bauer Jan Winter schaut die Schweine stolz, fast liebevoll an. «Sie können hier nah an ihren natürlichen Bedürfnissen leben», sagt er. Das sei wichtig für ihre weitere Verwertung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wie die läuft, lässt sich wenige Schritte vom Stall entfernt besichtigen. In einem gekachelten Raum hängen zwei ausgeweidete Hälften an Haken von der Decke, jeden Montag schlachten Winters Arbeiter in einem Nebenzimmer 20, manchmal auch 25 Tiere. Zwei Männer mit weissen Schürzen hantieren an einer Maschine, hinter den Metalltüren der Kühlräume lagern Wurst und Steaks, sauber abgepackt in Kartons.Winter hält rund 450 Schweine auf dem Lindenhof in Butzbach, gut 30 Kilometer nördlich von Frankfurt. Neun Generationen seiner Familie haben hier als Bauern gelebt. «Sie haben ein solides Fundament hinterlassen, aber auch eine Verantwortung für die Zukunft», sagt der Bauer.Um die zu sichern, baute er den Hof von 2017 an komplett um: Winter beendete die konventionelle Haltung der Schweine, errichtete den neuen Stall und nahm auch die Vermarktung des Fleischs in die eigenen Hände. «Es war ein Kraftakt», sagt Winter. Bis jetzt habe er sich gelohnt. Die Nachfrage der Konsumenten nach nachweisbar regional produziertem Fleisch sei hoch, und sie seien auch bereit, dafür mehr zu bezahlen als im Supermarkt. Das Geschäft laufe stabil.40 Prozent der Betriebe haben aufgegebenDas können nur wenige deutsche Züchter und Mäster von sich behaupten. Die Branche steckt in einer schweren Krise, in den vergangenen zehn Jahren haben 40 Prozent der Betriebe aufgegeben. Dass die Nachfrage nach Fleisch gesunken ist, ist nur ein Grund dafür. Beschleunigt wird die Entwicklung noch durch ein Muster, das sich auch in anderen Wirtschaftszweigen erkennen lässt.In bester Absicht hat die Regierung in Berlin heimischen Produzenten strenge Standards auferlegt. Die Bauern können diese nur mit hohem finanziellem Aufwand erfüllen – wenn überhaupt. Wettbewerber aus dem Ausland können die strengen deutschen Vorgaben jedoch einfach ignorieren und die heimische Konkurrenz deshalb mit deutlich günstigeren Angeboten zumindest teilweise verdrängen.Mit einem Anteil von 52 Prozent ist Schwein mit grossem Abstand die am häufigsten verspeiste Fleischsorte in Deutschland. Der Appetit auf Schwenksteak, Schaschlik und Schnitzel ist jedoch deutlich gesunken. Seit 2010 hat sich der durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Konsum von Schweinefleisch um mehr als 10 Kilo auf rund 28 Kilo reduziert, die insgesamt in Deutschland verzehrte Menge fiel im gleichen Zeitraum von 3,1 auf 2,4 Millionen Tonnen. In letzter Zeit hat sich der Verbrauch auf diesem niedrigen Niveau stabilisiert.Wenn Kantinen oder Kindergärten Schweinefleisch vom Speiseplan nehmen, sehen vor allem Politiker der AfD darin ein Zeichen kultureller Unterwerfung. Für den Rückgang des Verzehrs spielt die grössere Zahl von Muslimen in Deutschland aber nur eine Nebenrolle. Deutlich schwerer wiegt der Trend zu einer gesünderen Ernährung, die Tiere schont und dem Klima nützt.Fast die Hälfte verzichtet zeitweise auf FleischIm jährlich vom Landwirtschaftsministerium veröffentlichten Ernährungsreport erklärte 2025 fast die Hälfte der tausend Befragten, komplett oder teilweise auf Fleisch zu verzichten. Der Anteil der täglichen Fleischesser ist zwischen 2015 und 2025 von 34 auf 23 Prozent gefallen. Kotelett und Kasseler gelten heute als fettige Krankmacher, das Auftreten der für Menschen ungefährlichen Afrikanischen Schweinepest hat ihr Image weiter versaut. Als Ersatz landet nun vermehrt magereres Geflügelfleisch auf deutschen Tellern.Seit 2016 ist die Zahl der Schweinehalter in Deutschland von rund 24 500 auf 14 700 gesunken. Kürzlich hat es auch einige Schwergewichte der Branche erwischt. Im April rutschte das Unternehmen Porky aus Sachsen-Anhalt in die Pleite, Ende Juli meldete mit Geestferkel aus Niedersachsen einer der wichtigsten deutschen Zuchtbetriebe Insolvenz an. Ein Kilo Schweinefleisch kostete zu dem Zeitpunkt nur 1 Euro 40, ein Ferkel 30 Euro. «Unter diesen Bedingungen kann kein Unternehmen dauerhaft bestehen», sagte der Geestferkel-Geschäftsführer Jörn Ahlers.Die Folgen des Preisverfalls sind vor allem rund um die niedersächsischen Städte Cloppenburg und Vechta zu spüren. Nirgendwo sonst in Deutschland züchten und mästen grosse und kleinere Landwirte so viele Schweine wie hier. Bernd Germann ist einer von ihnen. Die Frage, wie es seinen 750 Säuen geht, beantwortet er mit einem klaren «sehr gut». Es dürfe auch gar nicht anders sein. Denn als Züchter könne er nur mit gesunden und zufriedenen Schweinen arbeiten.Eine neue Vorschrift kostet MillionenUm das zu garantieren, hat Germann in den vergangenen Jahren einiges getan: Die Haltung von drei Vierteln seiner Tiere hat er auf die Tierwohlstufe 2 umgestellt, der Rest soll in näherer Zukunft folgen. Für die Schweine heisst das: gut 10 Prozent mehr Auslauf als das gesetzlich vorgesehene Minimum, besseres Futter, Spielzeug und Trennwände, mit denen sie sich wohler fühlen. Der Umbau hat Geld gekostet, soll sich aber mittelfristig lohnen. Denn für die höhere Tierwohlstufe kassiert Germann einen Aufschlag von 7 Euro 50 pro Schwein. Die Prämie reicht der Einzelhandel durch etwas höhere Preise an die Konsumenten weiter.Doch derzeit reicht das nicht, um die Tiere ohne Verlust zu verkaufen. «Preise um 1 Euro 40 können wir nicht ausgleichen», sagt Germann. Heftige Schwankungen habe es in den vergangenen vierzig Jahren immer gegeben. Besonders stark seien die Preise während der Corona-Pandemie gefallen, in der Volksfeste und Grillpartys komplett ausfielen. In den Jahren danach folgte ein Allzeithoch, das die vorhergehende Baisse ausgleichen konnte. Wenn nichts Unerwartetes passiere, werde das auch dieses Mal möglich sein. «Wir sind ein solider, bodenständiger Familienbetrieb», sagt Germann.Obwohl Germanns Tochter sich seit zwei Jahren im Betrieb engagiert und diesen übernehmen will, ist dessen Zukunft unsicher. Vielen in der Region gehe es ähnlich. Der Grund dafür sind Vorschriften zur Abferkelung: Bis jetzt gebären Säue ihren Nachwuchs stehend im sogenannten Kastenstand. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit verhindert, dass die schweren Tiere ihre Ferkel erdrücken, ist für die Muttertiere körperlich aber sehr belastend. Ab 2036 sollen sie deshalb deutlich mehr Platz haben.Der Umbau, so schätzt Germann, werde zwischen 3 und 4 Millionen Euro kosten, ein finanzieller Ausgleich für diesen Aufwand sei bis heute nicht absehbar. Es müsse entweder wie beim Tierwohl einen Zuschlag geben oder Nachteile für nach laxeren Standards erzeugtes Importfleisch. Sonst könnten deutsche Züchter nicht mehr mit der günstigen Ware aus dem Ausland konkurrieren. «Dann reden wir zwar viel über Versorgungssicherheit und regionale Produkte, aber es wird kaum noch welche geben», sagt Germann.Im Jahr 2025 haben Schlachter in Deutschland knapp 45 Millionen Schweine getötet und damit 4,3 Millionen Tonnen Fleisch produziert. Die Menge übersteigt den Bedarf im Land bei weitem, dennoch importiert es jährlich rund eine Million Tonnen aus dem europäischen Ausland. Parallel dazu führt Deutschland knapp 2,4 Millionen Tonnen aus, die grössten Abnehmer sind Italien, die Niederlande und Polen. Bis zum Auftreten der Schweinepest 2020 ging ein erheblicher Teil der Exporte nach China. Obwohl die Krankheit für Menschen ungefährlich ist, hat das asiatische Land die Importe gestoppt. Da es die eigene Produktion deutlich intensiviert hat, dürfte sich der Markt auch in Zukunft nur teilweise erholen.Die Fleischschwemme kommt aus SpanienEnde 2025 haben auch die Behörden in Spanien Fälle der Pest registriert. Das hat erhebliche Folgen, auch für den deutschen Markt, denn Spanien ist der mit Abstand grösste Produzent in Europa: Industriell organisierte Konzerne dominieren die Haltung, die Standards liegen oft unter dem in Deutschland gültigen Minimum. Da Spanien das Fleisch wegen der Pest in viele Länder nicht mehr ausführen darf, drängt es auf den europäischen Markt und drückt dort die Preise. In Deutschland landet das günstige Fleisch vor allem in der Gastronomie, die die Herkunft anders als im Einzelhandel nicht kennzeichnet und wirtschaftlich oft ums Überleben kämpfen muss.Ein Schwein aus spanischer Produktion sei 10 Euro günstiger als eines aus Deutschland, bei der tierfreundlicheren Haltungsstufe 2 kämen nochmals 12 Euro obendrauf. «Diese Mehrkosten können wir in der Vermarktung kaum aufholen», sagt Thorsten Staack, der Geschäftsführer der Interessengemeinschaft deutscher Schweinehalter. Neben den strengeren Vorgaben beim Tierschutz hätten die deutschen Schweinehalter auch mit hohen Kosten für Energie und Personal sowie komplexen Vorgaben für Luft und Abwasser zu kämpfen.Die seien auch ein Hindernis auf dem Weg zu einer tierfreundlichen Haltung. «Die Bauern können nicht einfach eine Mauer öffnen oder eine Terrasse anbauen, sie brauchen für alles Genehmigungen», sagt Staack. «Viele Betriebe wollen in Tierwohl investieren, aber es fehlt an Planungssicherheit.» Ein Förderprogramm zum Umbau der Ställe hat der deutsche Landwirtschaftsminister Alois Rainer Anfang des Jahres eingestellt. Bei einem «Schweinegipfel» Mitte August suchte der CSU-Politiker mit Vertretern der Branche nach Wegen aus der «Multikrise». Ein konkretes Ergebnis gab es nicht.«Das System fährt gegen die Wand»Züchter und Mäster fordern unter anderem, die Vorgaben für die Haltung nicht weiter zu verschärfen. Melanie Dopfer hofft, dass sie damit keinen Erfolg haben. «Die Situation der allermeisten Schweine ist desolat», sagt die Expertin des Deutschen Tierschutzbundes. Über Jahrzehnte sei die Haltung ausschliesslich darauf ausgerichtet gewesen, Masse und Profit zulasten der Tiere zu optimieren. «Es ist immer um eine maximale Zahl von Ferkeln und um maximale Gewichtszunahme gegangen, und das auf minimalem Platz», sagt die Tierärztin. Der Kastenstand sei ein Symptom des Prinzips – dass Ferkeln immer noch ohne Betäubung die Schwänze amputiert werden dürfen, ein weiteres.Das gegenwärtige Tief ist für Dopfer deshalb mehr als eine der üblichen Schwankungen. «Das alte System fährt gerade gegen die Wand», meint sie. Genugtuung empfinde sie deshalb nicht, sie habe Verständnis für die verzweifelte Lage vieler Betriebe, sagt die Tierschützerin. Aus ihrer Sicht fehle es vor allem an Rechtssicherheit, statt sinnvoller Förderung herrsche ein kaum zu entwirrendes Chaos. Sich deshalb an den niedrigsten Standards in Europa zu orientieren, sei jedoch ein Fehler. «Die Haltung wird sich in Zukunft an den Bedürfnissen der Tiere orientieren, daran führt kein Weg vorbei», sagt Dopfer. Deshalb sei es sinnvoll, ihn möglichst früh zu beschreiten.Der Butzbacher Landwirt Winter weiss, wie mühsam das ist. «Es fehlt nicht am Willen, es fehlt an der Vermarktung», sagt er. Deshalb hat er diese selbst in die Hand genommen. In einem Raum des Butzbacher Hofs stehen Verpackungsmaschinen, an der Zufahrt betreibt die Familie gemeinsam mit zwei anderen Höfen einen Laden. In einem weiteren Geschäft in der Nachbarstadt Bad Nauheim können sich Konsumenten 24 Stunden selbst bedienen. Das Geschäft laufe stabil, die Bereitschaft, für Qualität zu zahlen, sei vorhanden, sagt Winter.Auf dem Gelände produziert der Bauer Strom mit einer eigenen Biogasanlage, er baut selbst Mais und weiteres Futtergetreide an, legt eigenes Stroh in die Ställe. «Wir haben es geschafft, uns weitgehend unabhängig von den Schwankungen des Marktes zu machen», sagt Winter. In Zeiten wie diesen kann es kaum etwas Besseres geben.Passend zum Artikel
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