InterviewFahrprüfung: «Sobald ich ins Lenkrad fassen muss, ist die Sache gelaufen»Der langjährige Verkehrsexperte Michel Baumann erklärt, warum bei der Fahrprüfung «knapp genügend» nicht genügt, welche Fehler er verzeiht – und weshalb manche Kandidaten nicht einmal merken, dass sie gerade durchgefallen sind.29.08.2026, 05.03 Uhr13 LeseminutenAn diese Situation können sich alle erinnern, die einmal den Führerschein machen mussten: die Fahrprüfung.Gaëtan Bally / KeystoneEs ist ein Test, den kaum jemand vergisst: Jedes Jahr treten in der Schweiz weit über hunderttausend Menschen zur Fahrprüfung an: Rund ein Drittel fällt durch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der langjährige Verkehrsexperte Michel Baumann erzählt von Selbstüberschätzung, Tunnelblick und Tränen – und erklärt, weshalb knapp genügend für die Prüfung nicht genügt.Frage: Michel Baumann, erinnern Sie sich an Ihre eigene Fahrprüfung?Antwort: Ja, schauen Sie, das Datum steht in meinem Ausweis: der 17. Juli 1991. An diesem Tag war ich sehr nervös, ich weiss überhaupt nicht mehr, wo wir durchgefahren sind.Frage: Wie viele Fahrstunden hatten Sie?Antwort: Knapp zwanzig. Manche Kollegen probierten es schon mit sechs oder sieben. Aber ich machte eine Lehre als Automechaniker, und der Betrieb bezahlte die Fahrausbildung. Mein Chef sagte: Es ist egal, was es kostet, wichtig ist, dass du nachher gut fährst – deinetwegen, aber auch wegen der Kundenautos. Eigentlich fühlte ich mich sicher. Aber am Morgen der Prüfung dachte ich: Jetzt gilt’s.Frage: Wie war Ihr Experte?Antwort: Sehr still. Er sagte fast nichts; vermutlich war er noch recht neu. Er verhielt sich vollkommen korrekt, aber mir kam dieses Schweigen seltsam vor. Mein Fahrlehrer und mein Vater redeten im Auto, korrigierten oder bestärkten mich. Ich hatte deshalb das Gefühl, schlechter zu fahren als sonst. Vor allem machte ich mir während des Fahrens viel zu viele Gedanken, und genau das sollte man an einer Prüfung nicht tun.Frage: Wenn Sie heute als Experte neben Ihrem 18-jährigen Ich sässen: Würden Sie den jungen Michel bestehen lassen?Antwort: Ich denke schon. Vermutlich fuhr ich besser, als ich meinte, sonst hätte es ja nicht gereicht. Als Experte sehe ich, dass viele Kandidatinnen und Kandidaten sich unterschätzen. Da war zum Beispiel jene junge Frau, bei der ich bald merkte: Die fährt super. Ich erinnere mich an sie, weil ich ihr am Ende der Prüfungsfahrt nicht wie üblich sofort sagte, dass sie bestanden hatte. Stattdessen fragte ich: «Und, was meinen Sie?» Sie antwortete: «Ich glaube, das war nicht so gut.»Frage: Ein Klischee, aber: Das war vermutlich nicht ganz zufällig eine Frau?Antwort: Es gibt auch Männer, die sich unterschätzen. Nicht oft, doch es kommt vor. Aber ja, es gibt auch ziemlich viele junge Männer, die sich relativ stark überschätzen.Frage: Wie zeigt sich das?Antwort: Bei einem Kandidaten musste ich gleich zweimal auf die Bremse stehen – und wir greifen wirklich sehr spät ein. Am Schluss fragte er völlig erstaunt: «Was, ich habe nicht bestanden?» So jemand hat nicht begriffen, was während der Fahrt passiert ist. Generell muss ich bei anfänglichen Fehlern aber offenbleiben. Ausrutscher kommen vor, und oft zeigt sich später, dass der Kandidat eigentlich weiss, wie es geht.Zur PersonPDMichel Baumann (53) nimmt seit 21 Jahren Fahrprüfungen ab und hat in dieser Zeit mehrere tausend Kandidatinnen und Kandidaten geprüft. Seit 2020 leitet er die Abteilung Fahrprüfungen am Strassenverkehrsamt Zürich-Albisgütli; er sitzt aber noch immer jede Woche als Experte auf dem Beifahrersitz.Frage: Woran erkennen Sie den Unterschied?Antwort: Ich bringe den Kandidaten nochmals in eine ähnliche Situation und schaue, ob sich ein Fehler wiederholt. Während der Prüfung achte ich ja auf das Gesamtbild, also unter anderem darauf, ob jemand einen Gefahrensinn hat.Frage: Wie prüft man Gefahrensinn?Antwort: Es gibt eine Strecke in der Nähe, wo die 50er-Zone endet und eine 80er-Zone beginnt. Doch man sieht schon von weitem, dass gleich danach eine Kurve kommt. Der Vernünftige beschleunigt nicht auf 80, weil er gleich wieder vom Gas müsste. Der weniger Vernünftige schiesst einfach auf die Kurve los.Frage: Spielen wir eine 45-minütige Fahrprüfung durch. Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der morgens um acht Uhr bei Ihnen antritt?Antwort: Ausgeruht anreisen, positiv sein und versuchen auszublenden, dass es eine Prüfung ist. Die richtige Einstellung wäre: Das ist eine Fahrt wie jede andere – und ich habe den Plausch daran.Frage: Das ist leicht gesagt. Die meisten Prüflinge sind sehr aufgeregt. Woran sehen Sie, ob jemand nur nervös ist oder tatsächlich nicht gut genug fahren kann?Antwort: Ich merke schon bei der Begrüssung, ob jemand sehr nervös ist. Früher ist man einfach eingestiegen und losgefahren. Heutzutage erklären wir Experten neben dem Auto, wie die Prüfung ablaufen wird. Denn inzwischen weiss man, wie entscheidend diese ersten Minuten sind. Ich versuche also, Vertrauen aufzubauen. Wenn es beim Losfahren dann trotzdem ruckelt und kriselt, fahre ich vielleicht zuerst in ein ruhiges Quartier. Oder ich beginne mit dem Parkieren. Manchmal steigen wir dabei sogar kurz aus und schauen gemeinsam, ob sich etwas korrigieren lässt. So kann der Kandidat oder die Kandidatin durchatmen.Frage: Eine Prüfung beginnt also mit einfachen Manövern?Antwort: Ja. Ich fange mit dem Einfachen an, dann wird es schwieriger, und gegen den Schluss gebe ich immer mehr Verantwortung ab. Ich erteile weniger Anweisungen und lasse den Kandidaten zum Beispiel nach Wegweisern fahren. Dabei sehe ich, wie selbständig er unterwegs ist. Wenn jemand in der Nähe wohnt, frage ich manchmal: «Trauen Sie sich zu, den Weg zu Ihnen nach Hause zu fahren?» Ein Kandidat fuhr dabei einmal bis zum hintersten Haus in einer Dorfstrasse. Dort stand gerade seine Mutter im Garten. Sie war natürlich völlig überrascht und rief: «Aber du bist doch an der Prüfung!» Dabei war das ja die Prüfung.Frage: Machen Sie sich während der Fahrt Notizen?Antwort: Ich habe ein Tablet dabei, benutze es aber nicht. Ich merke mir die entscheidenden Situationen und gebe dem Kandidaten auch laufend Rückmeldungen, ob er ein Manöver besser oder weniger gut gemeistert hat. Was viele vergessen: Man muss nicht völlig fehlerfrei fahren, um die Prüfung zu bestehen.Frage: Wie viele Fehler verträgt es denn?Antwort: Das kommt auf die Art der Fehler an. Wir unterscheiden laut Reglement zwischen leichten, mittelschweren und schweren Fehlern.Frage: Was wäre ein leichter Fehler?Antwort: Etwas spät blinken oder unsicher einspuren – solange niemand behindert oder gefährdet wird. Davon verträgt es ein paar. Ein mittelschwerer Fehler wäre hingegen, vor einer Kurve zu spät zu bremsen oder beim Rechtsvortritt erst im letzten Moment zu reagieren. Passiert das wiederholt, wird es eng.Frage: Und ein schwerer Fehler bedeutet, dass man nicht besteht?Antwort: Ein einziger schwerer Fehler kann ausreichen, ja. Als schwere Fehler gelten, wenn man Fahrverbote missachtet oder den Vortritt so verletzt, dass andere gefährdet werden. Und: Sobald ich als Experte eingreifen muss, also aufs Bremspedal treten oder ins Lenkrad fassen, ist die Sache gelaufen.Frage: Brechen Sie die Fahrt dann ab?Antwort: Nein, heute versuchen wir, die Prüfung zu Ende zu fahren. Die Leute brauchen ja eine Rückmeldung für ihre weitere Ausbildung. Man kann dem Kandidaten später aufzeigen, dass der schwere Fehler am Anfang zwar zum Nichtbestehen führte, der Rest der Fahrt aber vielleicht durchaus gut gelaufen ist. Ein echter Abbruch erfolgt nur, wenn es gefährlich wird oder wenn es jemandem physisch oder psychisch schlecht geht.Frage: Fahren Sie dann selbst zurück ins Strassenverkehrsamt?Antwort: Ganz selten. Das mache ich wirklich höchst ungern.Frage: Weshalb?Antwort: Es ist eine schlechte Erfahrung für den Kandidaten. Und eine Demütigung für den Fahrlehrer.Frage: Eine Demütigung?Antwort: Ja. Der Fahrlehrer hat die Person ausgebildet und hält sie für prüfungsreif. Wenn bei der Rückkehr der Experte am Steuer sitzt, sehen das auch alle anderen Fahrlehrer, die vor dem Amt warten. Das ist keine schöne Situation.Frage: Wann kommt so etwas vor?Antwort: Ich hatte das einmal bei einer Prüfung mit einem geschalteten Auto. In einem Kreisel ging plötzlich gar nichts mehr. Das Auto bockte wie ein störrischer Esel, der Kandidat war mit den Nerven am Ende und sagte nur noch: «Ich kann nicht mehr, es geht einfach nicht mehr.» Er war extrem froh, dass ich das Steuer übernahm. Als ich dann zurück auf den Parkplatz fuhr, kam der Fahrlehrer wütend auf mich zugeschossen. Ich musste ihn erst einmal beruhigen und klarstellen, dass es der Wunsch seines Schülers war, nicht meiner. Aber wie gesagt: Das passiert selten, vielleicht einmal im Jahr.Frage: Haben Sie manchmal Angst auf dem Beifahrersitz?Antwort: Nein, aber Respekt. Ich habe auch schon brenzlige Situationen erlebt, etwa, als ich die Handbremse auf nassem Boden ziehen musste, weil ein Kandidat nicht auf meine Warnung reagierte. Die Räder blockierten und das Auto rutschte quer über den Asphalt in einen Kreisel. Zum Glück konnte der andere Fahrer gerade noch bremsen. Zweimal fuhr uns auch jemand während einer Prüfung hinten rein, aber das war unverschuldet. Und Pannen kommen natürlich auch vor.Frage: Fällt der Kandidat durch, wenn man in solchen Fällen nicht mehr weiterfahren kann?Antwort: Nein. Wenn mindestens drei Viertel der Fahrzeit absolviert sind und die Leistung gut war, kann ich die Prüfung trotzdem als bestanden werten. Wenn wir aber nicht lang genug unterwegs waren, organisieren wir möglichst bald einen neuen Prüfungstermin.Mit vielen, teuren Fahrstunden arbeitet man auf die Fahrprüfung hin.Gaëtan Bally / KeystoneFrage: Rund ein Drittel der Kandidaten besteht die Fahrprüfung nicht. Woran scheitern sie?Antwort: Oft ist der Ausbildungsstand einfach noch nicht gut genug. Oder jemand ist zwar ausreichend vorbereitet, hat aber in seinem Können keine Reserve. An der Prüfung ist die Leistung wegen der Nervosität fast zwangsläufig etwas schlechter als sonst. Man muss deshalb bereits besser fahren können als genügend; es braucht ein Polster. Ein weiteres Problem, das wir häufig sehen, ist der Tunnelblick. Die Kandidaten wollen es besonders gut machen, fokussieren sich krampfhaft auf die Strasse vor ihnen und nehmen die Umgebung nicht mehr wahr.Frage: Seit 2019 kann man die Prüfung auf einem Automaten machen und später trotzdem geschaltet fahren. Tritt überhaupt noch jemand auf einem Schaltwagen an?Antwort: Kaum. Denn wenn man das Kuppeln, Schalten oder auch das Anfahren am Berg nicht lernen muss, spart man Lektionen. Dafür prüfen wir inzwischen, ob jemand mit Assistenzsystemen wie Tempomat oder Abstandshalter umgehen kann.Frage: Grundsätzlich gefragt: Kann jeder Mensch Autofahren lernen?Antwort: Es sind sicher nicht alle gleich talentiert. Aber ich glaube, mit viel Training kann es jeder schaffen – vorausgesetzt, es liegen keine gesundheitlichen Probleme mit der Wahrnehmung oder Ähnlichem vor. Es ist eine Fleissarbeit. Und eine Frage der Einstellung: Will ich wirklich gut fahren lernen? Oder will ich einfach möglichst rasch den Ausweis?Frage: Und, was wollen die meisten?Antwort: Natürlich gibt es eine grosse Bandbreite. Aber generell stellen wir schon eine Veränderung fest. Viele Junge sind beim Autofahren nicht mehr so ehrgeizig. Sie wollen den Ausweis, aber nicht unbedingt eine gründliche Ausbildung. Es muss schnell gehen und möglichst billig sein.Frage: Ist das bei Leuten, die den Führerausweis erst später machen, anders?Antwort: Ja. Menschen, die das Autofahren in einer späteren Lebensphase nachholen, benötigen vielleicht ein paar Fahrstunden mehr, bringen dafür aber oft viel Lebenserfahrung und einen guten Gefahrensinn mit. Wenn sie bestehen, fliessen nicht selten Freudentränen.Frage: Mussten Sie auch schon jemandem sagen: Sie werden das nicht schaffen?Antwort: Ein einziges Mal habe ich das erlebt, allerdings bei einer Carprüfung. Der Mann wollte später als Carchauffeur arbeiten. Er hatte eine lange und teure Ausbildung hinter sich, denn wer den Carausweis macht, ohne vorher Lastwagen gefahren zu sein, muss mindestens 52 Lektionen absolvieren. Beim ersten Prüfungsversuch hatte es dem Mann nicht gereicht, beim zweiten ebenfalls nicht.Frage: Wie lief der dritte?Antwort: Leider fuhr er noch schlechter als beim zweiten Mal. Am Schluss musste ich ihm sagen: «Sie sind für dieses Fahrzeug schlicht nicht geeignet, Sie müssen aufhören.» Das war extrem hart, er hatte seine Zukunft darin gesehen und fast 20 000 Franken in die Ausbildung investiert. Später allerdings meinte er einmal zu mir: «Der Einzige, auf den ich nicht wütend bin, sind Sie. Sie haben mir schon beim ersten Gespräch gesagt, dass die Carprüfung eine andere Liga ist.» Heute arbeitet er bei einem Sicherheitsdienst, wir begegnen uns hin und wieder und plaudern immer freundlich.Frage: Welche Rolle spielen Sympathie und Antipathie bei einer Prüfung?Antwort: Von meiner Seite her keine. Und umgekehrt werden die Kandidatinnen und Kandidaten meist lockerer und offener, sobald ich mit ihnen spreche. Deshalb erinnere ich mich so deutlich an einen Fall, bei dem es eben nicht so war. Ich ging zum Auto, der junge Mann sah mich an, und ich konnte richtig beobachten, wie ihm der Laden runterging. Ich versuchte, mit ihm ins Gespräch zu kommen, doch es blieb harzig. Er fuhr aber gut und bestand. Danach fragte ich ihn: «Was war das Problem? Irgendetwas war doch.»Frage: Was antwortete er?Antwort: «Sie haben mich bei der Rollerprüfung durchfallen lassen.» Er hatte dieses negative Erlebnis mit mir im Kopf und dachte wahrscheinlich: Oh nein, jetzt kommt der wieder.Frage: Interessanterweise hört man fast nie: Ich bin bei der Fahrprüfung durchgefallen. Sondern meistens: Der Experte hat mich durchfallen lassen. Gibt es strengere und weniger strenge Experten?Antwort: Nein, das glaube ich nicht. Wir arbeiten nach einem klaren Reglement, dazu fahren regelmässig Supervisoren auf dem Rücksitz mit und überprüfen die Bewertungen. So stellen wir sicher, dass alle Experten denselben Massstab anwenden.Frage: Unter Fahrschülern und Fahrlehrern kursieren trotzdem Gerüchte über besonders gnädige und besonders unerbittliche Experten.Antwort: Das stimmt, aber ich finde das unfair. Nicht nur gegenüber den Experten, sondern auch gegenüber den Kandidatinnen und Kandidaten. Denn was passiert, wenn ein Fahrlehrer vor der Prüfung sagt: «Oje, ausgerechnet der»? Damit macht er seinem Schüler im Kopf bereits etwas kaputt.Frage: Was raten Sie stattdessen?Antwort: Ich rate den Fahrlehrerinnen und Fahrlehrern: Egal, welcher Experte auf das Auto zuläuft – sagt euren Schülern einfach jedes Mal: «Hey super, dein Glückstag, jetzt hast du den Besten erwischt.» Die Kandidaten blühen auf und gehen mit einer anderen Einstellung in die Prüfung. Wer gut fährt, besteht bei jedem von uns. Und wenn es nicht reicht, reicht es nicht – egal, wer auf dem Beifahrersitz sitzt.Frage: Wie erklären Sie jemandem, dass er nicht bestanden hat?Antwort: Am Ende der Fahrt steigen wir gemeinsam aus, holen den Fahrlehrer oder die Fahrlehrerin dazu und führen das Gespräch zu dritt. Ich erkläre sachlich, was gut war und woran es gescheitert ist. Eine Minute mehr oder weniger macht für mich keinen Unterschied, hilft dem Kandidaten aber enorm, den Entscheid nachzuvollziehen.Frage: Wie reagieren die Gescheiterten?Antwort: Die meisten nehmen es gefasst. Aber wir erleben die ganze Bandbreite, es wird hin und wieder geweint und manchmal auch gebrüllt. Kürzlich war ein junger Mann so ausser sich, dass er sich auf den Rasen legte und tobte wie ein kleines Kind.Frage: Belasten Sie solche Reaktionen?Antwort: In den ersten Berufsjahren schon, inzwischen ist es Routine. Emotional schwieriger sind manchmal Kontrollfahrten mit älteren Menschen.Frage: Weshalb?Antwort: Viele ältere Leute befassen sich lange Zeit nicht damit, dass es mit dem Autofahren einmal vorbei sein könnte. Sie leben vielleicht auf dem Land und merken selbst gar nicht, dass sie nicht mehr gut genug fahren. Sie haben auch keinen Plan B. Freiwillig kommt deshalb kaum jemand zu uns – meistens melden Hausärzte oder Behörden nach einer Abklärung Bedenken an.Frage: Was passiert dann?Antwort: Es wird eine Kontrollfahrt angeordnet. Sie läuft anders ab als eine Fahrprüfung. Wir wollen einfach sehen, ob die Person das Auto noch beherrscht und sicher im Verkehr unterwegs ist. Dafür nehmen wir uns 90 Minuten Zeit, meistens fährt auch ein Arzt oder eine Ärztin mit.Frage: Und wenn es tatsächlich nicht mehr geht?Antwort: Das ist für viele sehr einschneidend, denn die Kontrollfahrt kann nicht wiederholt werden. Und: Ab dem Zeitpunkt des Entscheids dürfen diese Leute nicht mehr fahren, nicht einmal mehr vom Strassenverkehrsamt nach Hause. Ich hatte einmal eine ältere Frau, die danach auf dem Parkplatz in ihr Auto stieg und den Motor einschaltete. Ich ging zu ihr und sagte: «Es tut mir leid, Sie dürfen nicht wegfahren.» Sie antwortete: «Nein, nein, ich heize nur.»Stimmt der Seitenblick? Es gibt viele Fehler, die man während der Fahrprüfung machen kann – leichtere, aber auch schwerwiegendere.Gaëtan Bally / KeystoneFrage: Sie sass einfach im laufenden Auto?Antwort: Ja. Sie war völlig verzweifelt und wusste nicht, wie sie und ihr Auto nun heimkommen sollten. Wir holten sie herein, brachten ihr einen Kaffee und telefonierten herum, bis die Heimfahrt und der Transport des Wagens organisiert waren.Frage: So eine Situation geht Ihnen nahe.Antwort: Absolut. Am liebsten würde man die Person selbst nach Hause fahren, aber das ist natürlich nicht möglich. In solchen Augenblicken ist man vor allem als Mensch gefordert.Frage: Kennen Sie auch den umgekehrten Fall – dass jemand unerwartet wieder fahren darf?Antwort: Ich prüfte einmal einen knapp 50-jährigen Mann, der einen Hirnschlag erlitten hatte und danach verzerrt sah. Wegen dieser Sehstörung dachte man zuerst, eine Kontrollfahrt würde gar keinen Sinn ergeben. Wir sagten uns aber: Probieren wir einmal, ob es vielleicht doch geht. Der Mann erklärte nämlich, er habe gelernt, mit einem Auge anders zu schauen und die Störung so auszugleichen.Frage: Und?Antwort: Es funktionierte überraschend gut. Wir fuhren über Bahnübergänge und durch verschiedene komplexe Situationen. Er sah tatsächlich alles.Frage: Welchen Entscheid trafen Sie?Antwort: Wir liessen ihn fahren, mit der Auflage, nach einem Jahr nochmals zur Kontrolle zu kommen. Als wir ihm das sagten, brach er vor Freude fast zusammen. Er bekam damit enorm viel Freiheit zurück.Frage: In der Schweiz besitzen 6,4 Millionen Menschen den Fahrausweis, und nicht alle verhalten sich im Strassenverkehr so vorbildlich wie bei der Prüfung. Welche Fehler fallen Ihnen besonders häufig auf?Antwort: Es wird nicht geblinkt. Es wird nicht richtig eingespurt. Die Fahrweise ist egoistisch oder aggressiv. Und viele Autolenker haben keine Ahnung von den Verkehrsregeln, sie fluchen und verwerfen die Hände, dabei haben sie gar keinen Vortritt. Ausserdem habe ich das Gefühl, dass man sich heute oft zu stark auf das Fahrassistenzsystem verlässt und zu wenig mitdenkt. Sie sehen, es kommen jede Menge Fehler vor.Frage: Und wie muss man sich Michel Baumann im Privatleben als Beifahrer vorstellen?Antwort: Völlig entspannt.Frage: Wirklich?Antwort: Absolut. Schon mein Ausbilder hat mir beigebracht: Privat bleibt der Experte zu Hause. Allerdings merke ich, dass manche Bekannte sich verkrampfen, sobald ich einsteige. Einmal nahm mich eine Arbeitskollegin meiner Frau mit. Sie war nervös und sagte: «Ui nein, mit dem Experten!» Sie fuhr aber sehr gut, und das sagte ich ihr auch. Später erzählte sie ihrem Mann ganz stolz, der Experte habe im Fall gesagt, sie fahre richtig gut. Und der antwortete: «Das ist doch ein Heuchler!»Passend zum Artikel
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