„Ich wollte dich nur schützen“, sagt der alte Vater. Der längst erwachsene Filius, der inzwischen selbst einen Sohn hat, hält das für die Erbsünde aller Väter, denn: „Wir können es nicht.“ Leider wurde „original sin“ in der deutschen Synchronisation mit „Schicksal“ falsch übersetzt, denn dabei geht die Dimension der Schuld verloren. Und die spielt eine große Rolle in dem Thriller „Der Kinderflüsterer“ nach dem Roman von Alex North (ein Pseudonym für den britischen Bestsellerautor Steve Mosby).Das Buch war 2019 ein großer Erfolg und wurde dafür gelobt, neben einer blutigen Story sensibel die Höhen und Tiefen von Vater-Sohn-Beziehungen ausgelotet zu haben. Das Buch handelt auch von Verlusterfahrungen, Verantwortung und vererbten Ängsten. Viel ist davon nicht übriggeblieben in der Verfilmung nach einer Drehbuchadaption von Ben Jacoby und Chase Palmer. Immerhin gibt es neben den leicht gestelzt wirkenden Vater-Sohn-Dialogen auch Szenen, die sehr schön zeigen, dass Kinder aus dem Schatten der Eltern nur schwer herauszutreten vermögen.Er muss den entfremdeten Vater um Hilfe bittenTom Kennedy ist der Sohn des berüchtigten ehemaligen Polizisten Pete, der zwar einst einen Serienkiller, den Kinderflüsterer Frank Carter, hinter Gitter gebracht hat, dabei aber seine eigene Familie so sehr vernachlässigte, dass diese zerbrach. Dass der früh verwitwete Tom jetzt den entfremdeten Vater um Hilfe bittet, hat einen tragischen Grund, denn sein eigener Sohn Jake (Acston Luca Porto) wurde entführt, und zwar auf ähnliche Weise wie einst die Opfer des Kinderflüsterers. Es könnte ein Kopist am Werk sein oder ein ehemaliger Komplize des Psychopathen Carter. Schuldgefühle nagen an Tom, denn an besagtem Abend hatte er getrunken und versagte als Beschützer.Pete, selbst traumatisiert, möchte nicht wieder in diesen Mahlstrom hineingezogen werden, aber natürlich lässt er weder Sohn noch Enkel im Stich. An der Seite von Detective Amanda Beck (Michelle Monaghan) nimmt er an den Ermittlungen teil. Wo immer nun der auch auf eigene Faust nach Jake suchende Tom hinkommt, ist Pete schon da und dem Sohn stets um mehrere Schritte voraus. Wie Tom, der sich als erfolgreicher Krimiautor etabliert hat – seine Form der Vaterbewältigung –, hier wieder zum überforderten, hilfsbedürftigen Kind zusammenschrumpft, das ist phantastisch gespielt von Adam Scott. Ohne es mit dem Emotionalen zu übertreiben, sind Verzweiflung, Wut und Verlorenheit seiner Figur immer deutlicher anzusehen.Wer für diese Rolle einen Charakterschauspieler wie den „Severance“-Hauptdarsteller Scott verpflichtet, muss im Hinblick auf den Vater noch einmal drauflegen. Und tatsächlich liefert „Der Kinderflüsterer“ auch hier: Niemand Geringeres als der erneut erfolgreich gegen den eigenen Mythos anspielende Superstar Robert de Niro, inzwischen 83 Jahre alt, verkörpert Pete als abgeklärt wirkenden Mann. Er überkommt jedoch seine Resignation, weil er sein Scheitern als Vater und Beschützer, seine „Erbschuld“, wiedergutmachen möchte. Tatsächlich wächst das Vertrauen wieder.Doch leider wird die psychologisch-dramatische Ebene stark überlagert von der weit weniger feinsinnigen Spannungshandlung rund um einen psychopathischen Serienkiller nach Schema F. Gegen die Regie von James Ashcroft lässt sich wenig sagen. Man merkt allen Szenen die Größe dieser Produktion an, vielleicht eine Spur zu sehr. Eingestreute Horrorelemente wie eine gruselige Hand, die durch den Briefkastenschlitz nach Jake greift, lassen sich als Visualisierung kindlicher Furcht legitimieren – aufgesetzt wirken sie dennoch. Die drastischen Bilder von Kinderleichen mit umwickelten Köpfen wiederum sind inhaltlich nicht notwendig, sondern dienen allein dem Effekt.Späte Rache für den Schlag gegen den „Kinderflüsterer“?Schwerer wiegen die erzählerischen Mängel. Man versteht nicht einmal, welche Bedeutung der Ort, in den Tom mit seinem Sohn zu Beginn des Films zurückkehrt – der Kindheitsort seiner verstorbenen Frau –, für die Familie hat. Weshalb Jake genau jetzt in den Fokus des mordenden Entführers gelangt, wird auch nicht erklärt. Ist es späte Rache für Petes Schlag gegen den Kinderflüsterer? Die neue Entführungsserie hatte allerdings schon vor der Rückkehr von Tom und Jake begonnen. Und warum die beiden just dieses gruselige – und wie sich zeigen wird: nicht unschuldige – Haus anmieten, bleibt ebenso im Dunkel wie der Sinn des ganzen Geflüsters zu den trauernden oder wütenden Kindern, das den Entführungen und Morden vorausgeht. Weitere völlig unglaubhafte Zufälle und Zuspitzungen kommen hinzu.Vielleicht ist das ein spezifisches Netflix-Problem: Da hat man dank eines Budgets von 50 Millionen Dollar, das den Russo-Brüdern für die Produktion zur Verfügung gestanden haben soll, Extraklasse-Schauspieler engagiert, die selbst öde Dialoge in Gold zu verwandeln vermögen, aber trotzdem entsteht daraus nicht viel mehr als ein generischer Psychothriller, dessen Handlung in weiten Teilen so wirkt, als habe eine KI beliebig Szenen aus unzähligen ähnlichen Filmen zusammenmontiert. Dahinter könnte eine seltsame Angst vor allem Unkonventionellen und Experimentellen stehen, obwohl genau das die Produktionen der goldenen Netflix-Ära ausgezeichnet hatte. „The Whisper Man“ wird so schnell vergessen sein wie ein Flüstern im Wind.Der Kinderflüsterer läuft auf Netflix.
Robert de Niro im mäßigen Netflix-Thriller "Der Kinderflüsterer"
Robert de Niro und Adam Scott brillieren in „Der Kinderflüsterer“ als schuldbewusster Vater und verzweifelter Sohn. Dabei machen sie noch aus den ödesten Dialogen das Beste. Dem Psychothriller fehlt etwas.














