Mit der Warnung vor einer absoluten Mehrheit für die AfD werben Initiativen in Sachsen-Anhalt dafür, bei der anstehenden Landtagswahl taktisch zu wählen. Doch was bedeutet das eigentlich, und lässt sich damit wirklich das Wahlergebnis beeinflussen?„Üblicherweise machen Wähler bei der Partei ihr Kreuz, die sie inhaltlich oder wegen ihrer Kandidaten bevorzugen“, sagt Werner Krause, Politikwissenschaftler an der Universität Potsdam. „Taktisches Wählen bedeutet, sich gegen die Partei zu entscheiden, die man für am besten geeignet hält, um damit ein bestimmtes Ziel zu erreichen.“ Ein mögliches Ziel könne es sein, die AfD zu schwächen.Beobachten ließ sich das bei verschiedenen Landtagswahlen in Ostdeutschland, nicht zuletzt in Sachsen-Anhalt. Als dort vor fünf Jahren ein neuer Landtag gewählt wurde, lagen AfD und CDU in Umfragen kurz vor der Wahl beinahe gleichauf. Am Wahlabend erreichte die CDU jedoch einen Vorsprung von mehr als 16 Prozentpunkten. „Es liegt nahe, dass viele die CDU gewählt haben, damit die AfD nicht stärkste Kraft wird“, sagt Krause. Eindeutig nachweisen lasse sich ein taktisches Motiv aber selten. Taktisches Wählen – aber diesmal anders Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist die Ausgangslage jedoch eine andere, als man es in Ostdeutschland bisher gewohnt war. Das sonst übliche Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der Partei des Amtsinhabers und der AfD zeichnet sich nicht ab. In den jüngsten Umfragen liegt die AfD bei 40 Prozent oder darüber, die CDU kommt auf 22 bis 23 Prozent.„Es konnte keine Zweikampfsituation entstehen, weil die AfD in den Umfragen immer mit Abstand vorne lag“, erklärt Krause. Benjamin Höhne, Politikwissenschaftler an der TU Chemnitz, hat noch eine andere Erklärung: Weil der CDU-Ministerpräsident Sven Schulze erst seit sieben Monaten im Amt sei, könne er „den Landesvaterbonus nicht geltend machen“.Und so könnte es jenen Wählern, die mit ihrer Stimme eine absolute Mehrheit der AfD in Sachsen-Anhalt verhindern möchten, sinnvoller erscheinen, dieses Mal statt der CDU eine kleine Partei zu wählen. „Denn eine absolute Mehrheit der AfD wird unwahrscheinlicher, je mehr Parteien in den Landtag einziehen“, so Höhne. Das liegt am Mechanismus, mit dem die Sitze im Landtag verteilt werden. Je weniger Parteien dort vertreten sind, desto mehr Sitze erhalten sie jeweils.Ein einfaches Rechenbeispiel: Erreicht eine Partei 40 Prozent der Stimmen, erhält sie 40 Prozent der Sitze, sofern es jede einzelne Partei, die gewählt wurde, über die Fünfprozenthürde schafft. In der Realität erreichen manche Parteien jedoch weniger als fünf Prozent der Stimmen. So bleiben mehr Sitze für diejenigen Parteien übrig, die ins Parlament einziehen. Eine Partei, die 40 Prozent der Wählerstimmen erhalten hat, kann also beispielsweise 45 oder auch 50 Prozent der Sitze im Landtag erringen. Umfragen als „selbsterfüllende Prophezeiungen“ Entscheidend ist in den Augen taktischer Wähler daher, welche Parteien eine realistische Chance haben, es in den Landtag zu schaffen. Um das zu erfahren, greifen sie auf Umfragen zurück. Politikwissenschaftler Krause hat gemeinsam mit einer Kollegin anhand von 142 Wahlen in 25 Ländern untersucht, wie diese die Wahlentscheidung beeinflussen.„Wenn Parteien in Umfragen knapp unter der Sperrklausel liegen, ist ihre Chance, ins Parlament einzuziehen, im Durchschnitt 45 Prozentpunkte geringer als bei Parteien, die knapp darüber liegen“, fasst Krause die Ergebnisse zusammen. „Die Umfragen werden so zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung.“Betrachtet man die aktuellen Umfragen in Sachsen-Anhalt, würden es neben CDU und AfD auch die Linke, die SPD und die Grünen in den Landtag schaffen, FDP und BSW dagegen nicht. Bei den Grünen und dem BSW ist der Abstand zur Fünfprozenthürde am geringsten. Dass die Wagenknecht-Partei viel Zulauf von AfD-Wählern erhält, weil sie sich als mögliche Mehrheitsbeschafferin für die AfD ins Spiel bringt, halten allerdings beide Politikwissenschaftler für unwahrscheinlich.Wie groß der Einfluss von taktischen Wählern in Sachsen-Anhalt sein wird, lasse sich nicht vorhersagen, betont Krause. Fest steht: Auch ein anderer Faktor könnte das Ergebnis der Landtagswahl entscheidend beeinflussen. „Unentschlossene Wähler sind die große Unbekannte“, sagt Politikwissenschaftler Höhne. Wer diese mobilisiere, könne sich entscheidende Prozentpunkte sichern.