Wenn sich der Sommer dem Ende zuneigt, steht auch in Frankreich der Kunstherbst mit seinen Ausstellungseröffnungen und Messen bevor, besonders in Paris. Doch bevor es so weit ist, findet in Marseille die Art-O-Rama statt. Seit fast 20 Jahren zählt sie zu den spannendsten Kunstmessen zum Rentrée. Mit gerade einmal 35 Galerien findet sie auf dem ehemaligen Industriegelände „Friche la Belle de Mai“ statt, in einem Kulturzentrum mit viel Graffiti und einem Skatepark.Da muss man schon genau hinschauen: Die DS Gallery zeigt „Le Dauphin / Private Eyes“ von Max Blotas, Miniaturen von Nachtklubs, versteckt in künstlichen Lüftungsschächten.Max Blotas/DS Gallery/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Champagner und ein aufwendiges VIP-Programm sucht man hier vergeblich, dafür findet man Werke interessanter junger Künstler bei aufstrebenden Galerien. Einige von diesen wurden erst in den vergangenen fünf Jahren gegründet. Viele französische Museumskuratoren machten die Messe zur letzten Station ihrer an der Côte d’Azur verbrachten Sommerferien, erzählt der Messedirektor Jérôme Pantalacci. Er hat die Art-O-Rama 2007 gegründet, nachdem sein langjähriger Arbeitgeber, der Galerist Roger Pailhas, 2005 gestorben war. Pailhas hatte bereits 1996 den Vorläufer der Messe ins Leben gerufen. Art Dealers hieß das Projekt, bei dem nur acht Galeristen ihre Arbeiten in einer Halle am alten Hafen zeigten, darunter so renommierte wie Yvon Lambert aus Paris, die Cy Twombly oder Sol LeWitt in die Hafenstadt brachte.Miteinander reden, sich vernetzenPantalacci sieht die Art-O-Rama immer noch als eine Messe, bei der Galeristen sich miteinander vernetzen und Künstler austauschen können. Das sei der Grund, weshalb sich die Galerien mit einem eigens für die Messe entwickelten Projekt bewerben müssen und ihre Messekoje selbst entwerfen dürfen. Ein Stand kostet lediglich 3600 Euro, und so ist der Druck zu verkaufen wesentlich geringer als auf anderen Messen.Sommergarderobe für das ganze Jahr an der Wand: Alistair Frosts gefaltetes und bemaltes Papier-T-Shirt am gemeinsamen Stand der Galerien Zyrland Zoiropa und The HorseJoe ClarkManche Galerien können es sich deswegen leisten, Werke auszustellen, die erst einmal geradezu unverkäuflich wirken. Hayashi + Art Bridge aus Japan etwa präsentiert die rund 10.000 Euro teure Installation „Anew“ des japanisch-schweizerischen Duos Enterprise: Etliche auseinandergesägte Strommasten liegen da aufeinandergestapelt in der Messekoje, und man fragt sich erst, ob das Überbleibsel der Stromversorgung der ehemaligen Tabakfabrik sind, in der die Messe stattfindet. Doch genau darum geht es den Künstlern: zu zeigen, wie sich unsere Welt verändert, wenn sich die digitale Infrastruktur rasant wandelt. Im Gespräch verweisen sie auf die rasant hochgezogenen Rechenzentren, die zunehmend die Landschaft prägen.Viele Galerien sind nicht zum ersten Mal dabei, etwa wie DS Gallery aus Paris, die sich ihren Stand mit Xxijra Hii aus London teilt. Die Aussteller haben sich vor drei Jahren auf der Messe kennengelernt und teilen sich seitdem einen Stand und die Kosten. Bald werden sie sich gegenseitig ihre Galerieräume in London und Paris zur Verfügung stellen. Es muss diese Art von Kooperation gewesen sein, die Pantalacci vor Augen hatte, als er die Messe initiierte.DS Gallery (Paris) zeigt die unauffällige Arbeit „Le Dauphin / Private Eyes“ des Franzosen Max Blotas (16.000 Euro). Doch von Zeigen kann eigentlich nicht die Rede sein: Die beiden Teile der Arbeit sind in zwei künstlichen Lüftungsschächten versteckt, sodass der Stand auf den ersten Blick leer erscheint. Entdeckt man die blinkenden Lichter, kann man durch die Lamellen die Miniaturen erkennen, in denen Blotas im Maßstab 1:20 einen Underground-Nachtklub nachgebaut hat. Was darin passiert, wird wiederum gefilmt und auf einem Bildschirm am Stand übertragen. Gerade heute, wo es immer weniger Freiräume für Klubkultur gibt, findet sich hier eine kluge, eine zeitgemäße Entsprechung für etwas, das langsam ausstirbt.Ein bisschen Privatsphäre, bitteZum ersten Mal dabei ist die Galerie Miłość aus London. Ihr Stand ist in zartem Rosa gestrichen und mit einer Stuckbordüre verziert. An den Wänden hängen Malereien des Ehepaares Sophie und Douglas Cantor. Das Paar teilt sich in England ein Atelier; sie malt auf der einen Seite, er auf der anderen. So ähnlich sind auch die Werke am Stand arrangiert, den ein von Sophie Cantor mit zwei riesigen Katzen bemalter Paravent (19.500 Euro) vom Messetrubel abgrenzt. Die kleineren Selbstporträts von ihr (1750 Euro) geben intime Einblicke in die Selbstbetrachtung einer jungen Frau. Oft inszeniert sie sich nackt in einer Muschel sitzend, und man versteht, warum sie den Bildern durch den Raumteiler etwas Privatheit zugesteht.Aus Berlin ist die Galerie Zyrland Zoiropa angereist, die vor zwei Jahren schon einmal teilgenommen hat. Gemeinsam mit The Horse aus Dublin zeigt sie am gemeinsamen Stand Facetten der Malerei, von Inigo Batterhams postkartengroßen Aquarellen (600 Euro) bis zu Alistair Frosts aus Papier gefalteten und bemalten T-Shirts (600 Euro), delikaten Arbeiten zwischen Malerei und Skulptur.Noch spürt man auf der Art-O-Rama etwas von der Leichtigkeit des Sommers, in dem die Geschäfte geruht haben. Von den verheerenden Waldbränden, die noch Ende Juli in der Region gewütet haben, spricht auf der Messe schon niemand mehr. Parallel zu ihr findet in Marseille das Performancefestival Systema statt, und die Vielzahl der Projekträume, die sich in Marseille angesiedelt haben, eröffnet neue Ausstellungen. Ob hier das Ende des Sommers oder Kunstherbst eingeläutet wird: Zu sehen gibt es jedenfalls eine Menge, weit weg von Paris.Art-O-Rama, Friche la Belle de Mai, Marseille, bis zum 30. August, Eintritt 12 Euro