Damit vergreist das Land immer weiter, ein Drittel der Bevölkerung ist heute schon 65 Jahre und älter, nur knapp jeder fünfte Mensch 20 Jahre alt oder jünger. Die These der Forschung, die sich längst in eine politische Sorge verwandelt hat: Deutschland muss um seine ökonomische Zukunft bangen.Die Frage nach den Kindern im Land ist also kein Familiengedöns, sondern Grundlage knallharter ökonomischer Überlegungen.Zu verstehen, warum denn die Geburtenrate so niedrig ist – und, daraus abgeleitet, was Staat und Gesellschaft dagegen tun könnten, ist auch deshalb so dringend, weil sie für praktisch alle Bereiche des Lebens Folgen hat. Wer die Zustimmungswerte für Rechtsextremisten und Staatsfeinde halbieren will – angeblich ein Projekt des derzeit amtierenden Bundeskanzlers –, kann die Frage nach der ökonomischen Grundlage des Landes nicht mehr ausklammern.In den Sandkästen des Landes zeigt sich, ob es seine Zukunft organisiert oder nur verwaltet: Wenn Zukunft als Mangel organisiert wird – knappe Ressourcen, überforderte Infrastruktur, vertane Aufstiegschancen –, kann politischer Zynismus wachsen; wer die Resilienz der Demokratie stärken will, kommt an Kinderpolitik als Gesellschaftspolitik nicht vorbei. Die Sorge um das Kippen ganzer Landstriche führt direkt hinein in eine weitere große, wissenschaftliche Debatte zu der Frage, warum eigentlich Menschen im Land seit Jahren immer seltener Kinder bekommen. Nur wer die Gründe versteht, kann auch politisch dagegen agieren.Ein konservatives Mutterbild oder mehr Gleichberechtigung, die Wissenschaft liefert keine eindeutige AntwortDas Problem: Die Wissenschaft kann hierzu keine Eindeutigkeit liefern. Zahlreiche Studien zu der Frage nach Kinderlosigkeit in Deutschland sind in den vergangenen Jahren erschienen, sie alle werfen wertvolles Licht in Schattenbereiche der Gesellschaft. Subsumieren auf einen gemeinsamen Nenner lassen sie sich nur schwer. Das beginnt mit der Frage, ob politische Maßnahmen denn überhaupt nennenswerte Kraft gegen die Kinderlosigkeit im Land entfalten können.Gerne zitiert wird hier als Debattenargument die Geburtenrate der USA, die mit 1,6 Kindern pro Frau etwas höher liegt als in Deutschland. Dort fehlen Goodies wie Elternzeit, Kinderkrankentage und Kindergeld, was zu der Annahme führt, dass diese als Anreiz überschätzt werden. Vielleicht ist vielmehr das Umfeld entscheidend – und sei es auch tiefreligiös, konservativ-werteorientiert wie in einigen Teilen der USA. Hier zählen Kinder zum guten, richtigen Leben dazu; Abtreibung ist tabu, Verhütung knifflig, der Mutterkult groß.Womöglich führt aber auch mehr Gleichberechtigung und eine partnerschaftlich aufgeteilte Erziehung und Betreuung dazu, dass die Geburtenrate steigt. Hierfür wird in der Debatte immer wieder Frankreich zitiert, in dem die Geburtenraten ähnliche Werte wie in den USA zeigen und das Betreuungsangebot (und damit die Möglichkeit für Eltern, Kind und Karriere zu vereinbaren) sogar mitunter weitreichender ausgebaut ist als in den USA. Also führt etwa eine bessere Betreuungslage womöglich doch – oder auch – zu mehr Geburten?Um den Stand der Forschung zu überblicken, hilft erst mal ein Blick von oben. Relativ gut belegt ist, dass steigender Wohlstand eher zu weniger Kindern führt, schlichtweg, weil potenzielle Eltern Sorge um Einkommen und Freiheit haben. Andersherum kann auch Armut – und die Sorge davor – zu weniger Kindern führen. Besonders das Gefühl, keinen Zugang zu Ressourcen wie etwa einem Kita-Platz oder Kinderärzten zu haben, kann zu einem Nein zum Kind führen.Paare, die sich gegen Kinder entscheiden, geben in Befragungen an, sich erst beruflich orientieren zu wollen – oder sie meinen, es nicht riskieren zu können, ihren aktuellen Karrierepfad zu verlassen. Manche fühlen sich zu arm, andere wiederum fühlen sich nicht frei genug für ein Kind. Manchen fehlt der passende Partner, manche können schlicht keine Kinder bekommen, andere wiederum haben Angst vor Erschöpfung und Sorge um die aktuelle Weltlage – oder alles zusammen. Nicht selten zweifeln auch Menschen daran, eine gute Mutter oder ein guter Vater sein zu können, weil sie selbst erleben mussten, wie es sich anfühlt, mit Gewalt und Demütigung aufzuwachsen. Der Anspruch, es mal besser machen zu wollen, kann enorm hoch sein. Ganz schön komplexe Gemengelage.Deutschland fördert die wenigen Kinder, die geboren werden, nicht genugErhebungen unter Eltern wie unter solchen, die es bald werden könnten, zeigen aber auch, dass Menschen sich oftmals nicht per se gegen Kinder entscheiden, sondern häufig vor allem dafür, den Kinderwunsch aufzuschieben. Oft ist es dann zu spät für ein oder mehrere Kinder. Genau hier könnte die Politik ansetzen.Dabei muss man sich klarmachen, dass politische Maßnahmen, die diesem Befund begegnen würden, langfristig gedacht sein müssten, um Wirkung zu entfalten. Nicht besonders attraktiv für amtierende Regierungen, deren Vertreter gerne morgen die Ernte der heute investierten Mühe sehen möchten. Ob etwa eine Erhöhung des Elterngelds, ein Lebensarbeitszeitkonto oder ein modernes Arbeitszeitschutzgesetz wirklich die erhoffte Wirkung zeigt, bleibt offen.Sicher ist nur: Deutschlands demografischer Rückgang ist ökonomisch relevant. Und eine oft vergessene Stellschraube dabei ist die Förderung der heute bereits geborenen Kinder, der Arbeitnehmer von morgen. In einem Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) schreiben die Autoren, dass in Deutschland schon heute Millionen Kinder und Jugendliche lebten, „deren Potenziale nicht vollständig ausgeschöpft werde“. Bildungsungleichheiten führten dazu, dass Fähigkeiten verloren gehen, obwohl Potenzial vorhanden wäre. „Gerade die Förderung benachteiligter Kinder verspricht einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen.“ Das ist beileibe keine neue Erkenntnis – wiederholt werden muss sie trotzdem.Denn daraus lässt sich ein wertvoller, versöhnlicher Gedanke ableiten: Womöglich ist es gar nicht so entscheidend, große Verrenkungen anzustellen, um Paare vom Wert des Kinderkriegens zu überzeugen. Vielleicht reicht es, sich besser um die Kinder zu kümmern, die schon da sind.Es gibt also diese zwei Punkte, bei denen man ansetzen kann: Zum einen sollte Deutschland jene große Gruppe an Menschen in den Blick nehmen, die sich grundsätzlich für Kinder entschieden hat – aber zögert. Und zweitens muss es endlich eine konsequente Politik für alle bereits geborenen Kinder geben. Um die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands zu sichern, gilt es, ab sofort in ihre Entwicklung zu investieren: Bildung, Gesundheit und Teilhabe lautet der Dreiklang, damit aus den Kindern von heute tragfähige Erwachsene von morgen werden.Jeder Euro, der dafür investiert wird, ist mehr als sozialpolitische Fürsorge. Er sichert die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Landes. Die Renditechancen dieser Investition könnten kaum besser sein.Dafür braucht es mehr Kinderärzte im Land, saubere Schultoiletten, moderne Spielplätze, guten öffentlichen Nahverkehr. Es braucht mehr Pädagogen, kinderfreundliche Orte, Sportvereine, mehr Zuwendung und Interesse von Erwachsenen an Kindern. Es braucht die schlichte Erkenntnis, dass Politik immer im Sinn der Kinder handeln muss.Wenn der Staat mehr Interesse an Kindern zeigt, führt dies automatisch auch zu mehr Vertrauen in ihn. Es fördert das Gefühl von Eltern, mit der Mammutaufgabe Nachwuchs nicht allein zu sein. Es stärkt die Zuversicht, Hilfe zu bekommen, wenn man sie braucht. Gerade in Zeiten, in denen das oft zitierte Dorf, das es angeblich zum Großziehen von Kindern brauche, nicht mehr existiert, steckt darin eine große Chance für die Politik: Sie kann diese Lücke mit klugen Entscheidungen füllen. Die demokratischen Parteien sollten es tun, bevor es die AfD mit Hüpfburg-Grillfesten, einer romantisch-unkonkreten „Mehr für Familien“-Formel und einem übertourten, im Kern frauenfeindlichen Mutterkult tut.Aus Befragungen geht immerhin deutlich hervor, dass sich viele werdende Eltern insbesondere um Erschöpfung und finanzielle Last sorgen, die zweifelsohne mit einem oder mehreren Kindern einhergehen. Kluge Kinderpolitik im Sinne der ökonomischen Stabilität des Landes ist damit automatisch auch Elternpolitik. Und Elternpolitik ist automatisch auch ein Demokratieförderinstrument ungeahnten Ausmaßes.Wenn Kinder die Zukunft des Landes sein sollen, brauchen sie auch eine Zukunft im Land. Denn nicht allein die schiere Zahl der Kinder wird die wirtschaftliche Schlagkraft der Bundesrepublik sichern, sondern auch, wie gut sie hier aufwachsen, gefördert und ja, auch wertgeschätzt werden. Um einen Eindruck zu bekommen, wie es um diese bestellt ist, muss man nur die vielen Minigeschichten aus dem Alltag zu einem großen Bild zusammenführen. Wenn es, nur mal als Beispiel, Wochen und endlose Anrufe der Eltern braucht, bis ein Hausmeister eine Abdeckplane für den Sandkasten besorgt, damit die Katzen aus der Nachbarschaft den nicht ständig als Katzenklo verwenden, ist das mehr als nur nervig. Es ist ein Symbol dafür, dass noch nicht alle verstanden haben: Die Zukunft dieses Landes wird in den Sandkästen entschieden.
Niedrige Geburtenrate: Kinder sind die ökonomische Zukunft des Landes
Statt nur zu überlegen, wie man die Geburtenrate nach oben bekommt, sollte diese Gesellschaft verstehen: Es muss sich auch der Umgang mit den Kindern ändern, die schon da sind.







