Gangs ermorden Flüchtlinge in einer Kirche – Haiti findet keinen Weg aus der GewaltspiraleDas Land in der Karibik brauchte endlich wieder eine legitime Regierung, um etwas Stabilität zurückzugewinnen. Doch die katastrophale Sicherheitslage verunmöglicht wohl die geplanten Wahlen.28.08.2026, 11.27 Uhr4 LeseminutenMänner transportieren einen leeren Sarg durch Kenscoff. In dem Ort nahe der Hauptstadt Port-au-Prince starben Dutzende Menschen bei einem Angriff von Gangmitgliedern.Odelyn Joseph / APKenscoff war einst ein friedlicher Flecken in Haiti. Dank der Lage auf 1500 Metern über Meer ist es in der Stadt merklich kühler als im nur zehn Kilometer entfernten Port-au-Prince. Es gibt dort Landhäuser für die Oberschicht aus der Hauptstadt und einen Markt, auf dem die Bauern aus der Umgebung ihre Produkte verkaufen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch seit Beginn des letzten Jahres ist Kenscoff, das an einer strategisch wichtigen Strasse von Port-au-Prince in den Süden des Landes liegt, zum Schauplatz blutiger Kämpfe zwischen den Sicherheitskräften der Regierung und kriminellen Banden geworden. Bei einem Angriff im Januar 2025 kamen fünfzig Personen ums Leben, im März sogar über 250 – die Hälfte von ihnen waren unbeteiligte Zivilisten.Nun ist es erneut zu einem Massaker gekommen: In der Nacht von Sonntag auf Montag überfielen Kriminelle die Gemeinde. Sie ermordeten mindestens 47 Bewohner und zündeten Häuser sowie eine Kirche an. Dort hatten Vertriebene aus anderen Gegenden Schutz gesucht. Laut den Vereinten Nationen wurden 22 Personen in der Kirche hingerichtet. Zudem entführten die Gangmitglieder fünfzig Personen und drohen nun damit, diese umzubringen, falls die Sicherheitskräfte gegen die Banden vorgehen.Der Uno-Generalsekretär António Guterres hat die Attacke auf X verurteilt. «Die unerbittlichen Bandenangriffe auf Gemeinden und der Verlust ziviler Leben unterstreichen die alarmierenden Sicherheitsbedingungen in Haiti und verstärken die dringende Notwendigkeit, haitianische und internationale Sicherheitsmassnahmen zur Bekämpfung von Banden zu intensivieren», schrieb Guterres.Dass die Sicherheitskräfte die Bevölkerung nicht hatten schützen können, führte am Montag zu Ausschreitungen.Fildor Pq Egeder / ReutersGang-Allianz terrorisiert BevölkerungNach dem Massaker beklagten sich die Bewohner über den mangelnden Schutz durch die Sicherheitskräfte. Für den Bürgermeister von Kenscoff ist klar, wer den Angriff ausgeführt hat: Mitglieder von Viv Ansanm (abgeleitet vom französischen «vivre ensemble», «zusammen leben»). Dabei handelt es sich um eine Allianz von verschiedenen Gangs. Ihr Anführer ist der frühere Polizist Jimmy Chérizier, der behauptet, gegen haitianische Oligarchen und den amerikanischen Imperialismus zu kämpfen.Die Organisation, die derzeit grosse Teile von Port-au-Prince kontrolliert, greift allerdings nicht nur Polizeiposten oder Regierungsgebäude an, sondern terrorisiert auch die Zivilbevölkerung und ist für Greueltaten, Entführungen und Erpressungen wie in Kenscoff verantwortlich. Die Regierung Trump hat Viv Ansanm deshalb im Oktober 2025 zur Terrororganisation erklärt.Neben dieser Allianz operieren noch weitere brutale Banden wie Gran Grif oder Kraze Baryè in Haiti und treiben den Staat immer tiefer in die Krise. Begonnen hat diese schon im Juli 2018, als Proteste gegen steigende Benzinpreise, die grassierende Korruption und die allgemeine Armut ausbrachen. Seither ist die staatliche Macht zunehmend erodiert. 1,5 Millionen Personen sind innerhalb des Landes vor den Banden geflüchtet, Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung.Polizisten bei der schwierigen Aufgabe, in der Hauptstadt für Ruhe und Ordnung zu sorgen.Dieu Nalio Chery / APMord am PräsidentenJovenel Moïse, der 2016 die letzten halbwegs regulären Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte, wurde 2021 von kolumbianischen Söldnern in seiner Residenz ermordet – möglicherweise, weil er versucht hatte, den Kokainschmuggel von Kolumbien via Haiti in die USA und nach Europa zu unterbinden. Ihn beerbte Ariel Henry als Interimspräsident. Er steht selbst unter dem Verdacht, der Drahtzieher des Attentats auf Moïse gewesen zu sein. Seit November 2024 führt der frühere Geschäftsmann Alix Didier Fils-Aimé die Übergangsregierung.Esther Belliger ist bei der Entwicklungsorganisation Helvetas zuständig für Lateinamerika und die Karibik und steht in intensivem Austausch mit ihren Kollegen in Haiti. Diese könnten derzeit zwar noch ungestört in ihrer Schwerpunktregion im Süden des Landes arbeiten. «Doch die Sicherheitslage und die humanitäre Situation haben sich in Haiti in den letzten Wochen nochmals spürbar verschlechtert, besonders in der Hauptstadt und den umliegenden Regionen», sagt Belliger.Bei anderen Entwicklungsorganisationen, aber auch bei westlichen Staaten beobachtet sie eine grosse Zurückhaltung, sich in dem kollabierenden Land zu engagieren. Viele potenzielle Geldgeber wollen laut Belliger erst Mittel sprechen, wenn in Haiti ein Mindestmass an Stabilität herrscht und es wieder eine demokratisch legitimierte Regierung gibt. «Doch die Voraussetzungen dafür sind derzeit nicht gegeben.»Ein Mann malt ein Wandbild zu Ehren des ermordeten Präsidenten Jovenel Moïse.ImagoWählen kann tödlich seinSo ist die Gang Suppression Force (GSF) noch weit von der bis zum Herbst angestrebten Stärke von 5500 Soldaten und Polizisten entfernt. Diese Sondereinheit zur Bekämpfung der Bandenkriminalität hat der Uno-Sicherheitsrat eingerichtet, sie soll in Zusammenarbeit mit den haitianischen Behörden die staatliche Kontrolle wiederherstellen. Derzeit seien erst rund 500 GSF-Angehörige in Haiti eingetroffen, sagt Belliger. «Und es ist völlig unklar, wie weitere 5000 Personen finanziert, untergebracht und mit Lebensmitteln versorgt werden sollen.»Belligers Gewährsleute auf der Insel gehen nicht davon aus, dass es bald besser wird. «Die kriminellen Banden haben ein Interesse daran, den demokratischen Prozess zu sabotieren. Denn ein gestärkter Staat würde ihre Macht gefährden», sagt sie. Belliger ist deshalb skeptisch, dass es in Haiti bald sichere und für einen Grossteil der Bürgerinnen und Bürger frei zugängliche Wahlen geben wird.Geplant sind die ersten Wahlen seit zehn Jahren für den 13. Dezember. Im Juli begannen die Behörden damit, die Wählerinnen und Wähler zu registrieren. Allerdings lebt eine Mehrheit der Bevölkerung in Gebieten, in denen die Gangs herrschen. Diese drohen damit, alle zu ermorden, die in einem Wahllokal auftauchen. Selbst wenn die Wahlen abgehalten werden, ist also mit einer tiefen Beteiligung zu rechnen. Und entsprechend gering wäre die politische Legitimität einer neuen Regierung.Passend zum Artikel