Um Bernard Arnault ist es selten ruhig. Vermeintliche wie tatsächliche Neuigkeiten bescheren dem Franzosen eine mediale Dauerpräsenz, die andere Wirtschaftsbosse in den Schatten stellt. Irgendetwas sorgt immer für Gesprächsstoff. Als da wäre der Umgang mit der Baisse auf dem globalen Luxusmarkt, den Arnaults LVMH-Konzern mit Louis Vuitton, Dior und mehr als 70 weiteren Edelmarken dominiert. Oder sein sagenhaftes Familienvermögen von derzeit rund 135 Milliarden Euro, das aus dem reichsten Europäer zwischenzeitlich mal den reichsten Menschen der Welt gemacht hat.Beliebte andere Themen sind Arnaults wachsender Einfluss in Sphären wie Medien, Kunst, Sport oder Immobilien und seine Nähe zu Machthabern aller Staatsformen. Ganz zu schweigen von der Dauerfrage, welches seiner fünf Kinder den siebenundsiebzigjährigen Patriarchen auf dem LVMH-Thron beerben könnte. Oder wie harmonisch es in der Familie zugeht. Für Häme und Irritationen sorgte, dass seine Ehefrau, die kanadische Pianistin Hélène Mercier-Arnault, losgelöst von der Konzernkommunikation in Interviews über die Angewohnheit ihres Gatten, in der Unterhose zu schlafen, und über Politik plauderte.Zuletzt sorgte eine sechsteilige Artikelserie in „Le Monde“ für Schlagzeilen. Wobei die französische Zeitung trotz monatelanger Recherche inklusive Gesprächen mit Arnault selbst, seinen Kindern und LVMH-Managern wenig wirklich Neues zutage beförderte. Größere Aufmerksamkeit erhielt die dreiseitige Replik, die Arnault Ende Juli ins Netz stellte – auf einem neu eingerichteten Account auf der Plattform X.Die Entgegnung trieft vor beißendem Sarkasmus. Arnault macht sich darin unter anderem lustig über Behauptungen in „Le Monde“, wonach Besucher mit einer Krawatte des Konkurrenten Hermès nicht in sein Büro dürften; „unter dem Siegel der Verschwiegenheit“ erklärt er, selbst mehrere zu besitzen. Zudem bekennt er sich ironisch dazu, allen französischen Präsidenten seit François Mitterrand ins Ohr geflüstert zu haben; er hätte besser nur mit seinem Hund gesprochen. Die exzellenten Kreuzworträtsel in „Le Monde“ wolle er aber weiterhin lösen, spottet Arnault.Er hält der Heimat die TreueDie Veröffentlichung dieser Replik ist bemerkenswert. Bislang war Arnault nicht dafür bekannt, dem öffentlichen Rummel um ihn Beachtung zu schenken. „Ich interessiere mich nicht für die Medien, die über mich berichten“, sagte er kürzlich dem Podcaster Guillaume Pley in einem seiner seltenen Interviews. Das sei meistens „so falsch, dass es schon komisch ist“.Was Frankreichs intellektuelles Leitmedium „Le Monde“ über ihn schreibt, scheint Arnault dann aber doch nicht völlig egal zu sein. Zwischen Ironie und Hohn lässt er in seiner Replik erkennen, dass er sich mehr Wahrheitstreue wünscht. Und zumindest etwas mehr Würdigung seiner Lebensleistung. Erkennbar missfällt ihm das Bild eines hartherzigen Unternehmers, der nur zur Steuerersparnis Mäzen sei und dessen Familienmitglieder ständig intrigierten. Ihm ist unverständlich, warum „Le Monde“ in einer Serie über die Chanel-Eigentümer einen anderen Ton angeschlagen habe. Dass der Partner seiner Tochter, der schillernde Internetmilliardär Xavier Niel, maßgeblicher Anteilseigner der Zeitung ist, ist ein pikanter Randaspekt.Spricht man mit langjährigen Weggefährten, so entsteht das Bild eines Mannes, der sich von nicht wenigen Landsleuten unverstanden fühlt. Der einerseits weiß, wie kritisch Reiche in Frankreich nun mal beäugt werden; den andererseits aber nervt, dass ausgerechnet er immer wieder das Negativsymbol ist. Linkspopulisten wie Jean-Luc Mélenchon arbeiten sich gerne an Arnault ab. Dessen wiederholte Warnung vor immer höheren Steuern ist für sie ein gefundenes Fressen. Umweltaktivisten prangerten jahrelang seine Flüge im Privatjet an, ehe der LVMH-Chef die Nase voll hatte und das Flugzeug verkaufte. Bei Protesten der „Gelbwesten“ war sein Konterfei auf feindseligen Transparenten zu sehen.Das Unverständnis rührt daher, dass Arnault keiner dieser Superreichen ist, die nur in die eigene Tasche wirtschaften und ihr Vermögen in Steuerparadiesen parken. Der Franzose hält seiner Heimat die Treue. LVMH ist mit seinem Versprechen, handgefertigten Luxus „made in France“ herzustellen, der größte private Arbeitgeber und der größte Zahler von Körperschaftsteuer in Frankreich. Er betreibt dort fast 120 Produktionsstätten und Handwerksbetriebe, obwohl die Nachfrage nach seinen Handtaschen, Parfüms und Champagner in hohem Maße global ist. Weniger als zehn Prozent des LVMH-Umsatzes entfallen heute noch auf die Heimat, aber rund die Hälfte der entrichteten Körperschaftsteuer.Die Karriere war vorgezeichnetVerletzlichkeit kann man dem Franzosen gleichwohl nicht attestieren. Seine zarte Statur, seine bedächtige Sprechweise und sein distinguiertes Auftreten können zunächst einen anderen Eindruck erwecken. Tatsächlich aber ist Arnault seit jeher ein knallharter Macher, der mit eiserner Disziplin und asketischer Strenge wenig Fragilität offenbart. Schon nach der Übernahme des am Abgrund stehenden Textil- und Handelskonzerns Boussac Saint-Frères, mit dem 1984 seine Karriere in der Luxuswelt begann, agierte er nicht zimperlich. Arnault behielt aus dem Konzernportfolio im Wesentlichen nur die Modemarke Christian Dior und das Pariser Kaufhaus Le Bon Marché. Er trennte sich von den übrigen Aktivitäten und damit auch von Tausenden von Mitarbeitern. „Terminator“ wurde er daraufhin genannt.Wenige Jahre später, Ende der Achtzigerjahre, machte Arnault seinem Spitznamen alle Ehre. Nach der Fusion von Louis Vuitton und Moët Hennessy spielte Arnault Kontrahenten geschickt gegeneinander aus. Aus dem Machtkampf ging er als größter Aktionär und Vorstandschef hervor. Nun galt er auch als „Wolf im Kaschmir“, der im Zweifel keine Gefangenen macht. Schritt für Schritt formte er LVMH daraufhin durch den Kauf und die Integration Dutzender Marken zu einem Luxusimperium. Nur zwei größere Niederlagen musste er verdauen: als ihm sein französischer Erzrivale François Pinault die italienische Nobelmarke Gucci wegschnappte und als die Hermès-Familie seinen heimlichen Übernahmeversuch erfolgreich abwehrte.Disziplin und Strenge wurden dem in der nordfranzösischen Industriestadt Roubaix geborenen Nachkriegskind in die Wiege gelegt. Sein Vater war Ingenieur und leitete das Bauunternehmen Ferret-Savinel, das von Arnaults mütterlichem Großvater gegründet worden war. Seine Eltern hätten ihm ihre Arbeitsmoral eingeimpft, erzählte Arnault in seinem jüngsten Interview – in dem er erklärte, seine Kinder ebenfalls sehr früh in die Unternehmenswelt eingeführt zu haben. Sein Großvater, der in beiden Weltkriegen kämpfte, habe ihn zudem schon im Kindesalter mit auf die Baustelle genommen.Die Karriere war vorgezeichnet. Nach dem Abschluss an der Elitehochschule École polytechnique ging es für den Ingenieur mit 22 Jahren schnurstracks in den Familienbetrieb. Für den Staat zu arbeiten, habe ihn nicht interessiert, sagt Arnault. 1974 wurde er Baudirektor, 1977 Geschäftsführer, 1978 übernahm er die Unternehmensleitung vollständig. Anschließend zog es ihn wegen der damals schwierigen wirtschaftlichen Lage in Frankreich kurzzeitig in die USA.In Margengaranten verwandeltArnaults Brillanz und Geschick sind unbestritten. Er hat das Kunststück vollbracht, Luxus, eigentlich der Inbegriff von Seltenheit und Exklusivität, und Volumen zu versöhnen. Er hat oft ein gutes Gespür für die richtigen Manager bewiesen. Er ging ins Risiko, wo andere Vorsicht walten ließen, etwa als er in den Neunzigerjahren eine erste Boutique in Peking eröffnete. Und er ist bis heute ein Arbeitstier mit einem Hang zur Detailbesessenheit. Er spielt Klavier und nach eigenen Angaben vier Stunden pro Woche Tennis, ab und an auch mit seinem Freund Roger Federer. Auch gönnt er sich durchaus Urlaub. Die meiste Zeit seines Lebens aber verbringt Arnault am Schreibtisch, in Gesprächen oder auf Reisen. Regelmäßig schaut er samstags im Le Bon Marché nach dem Rechten. Unlängst unternahm er eine lange Rundreise nach Hongkong, Peking, Seoul, Tokio und schließlich zur Dior-Modenschau nach Los Angeles.Viele Marken hat Arnault in Margengaranten verwandelt. Und so profitiert er wie kaum ein anderer vom Distinktionsbedürfnis Hunderter Millionen Menschen auf der ganzen Welt, die in jüngster Vergangenheit zu Geld gekommen sind. Durch den Kauf des Reiseanbieters Belmond ist LVMH zudem verstärkt ins Geschäft mit Luxuserlebnissen vorgestoßen. Auch die neuen Fünfsternehotels der konzerneigenen Marken Cheval Blanc und Bulgari Hotels fallen in diese Kategorie.Kerngeschäft aber bleiben Luxuswaren. Louis Vuitton und Christian Dior sind unverändert die wichtigsten Ertragssäulen. LVMH ist das wertvollste Unternehmen am französischen Aktienmarkt, auch wenn die abgeflaute Luxusnachfrage insbesondere aus China und Donald Trumps Zölle das Geschäft belasten. Der Börsenwert hat sich nach dem Allzeithoch im Frühjahr 2023 halbiert. Mit rund 225 Milliarden Euro beträgt er aber immer noch das Dreifache des Werts vor zehn Jahren. Elf Milliarden Euro Reingewinn bei 81 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Jahr können sich trotz leichter Rückgänge weiter sehen lassen.Dem Großaktionär und Konzernchef von LVMH verleiht das sehr viel Macht, auch politisch. Arnault ist heute einer der einflussreichsten französischen Wirtschaftsbosse, wenn nicht der einflussreichste. Entsprechend große Beachtung fand, dass er im April gemeinsam mit anderen Konzernchefs an einem Abendessen mit Marine Le Pen teilnahm. Ebnet das Großkapital der Rechtspopulistin den Weg zur Macht? In Arnaults Umfeld wiegelt man ab. Man könne der Favoritin für die französischen Präsidentenwahlen im kommenden Jahr nicht länger aus dem Weg gehen. Inhaltlich überzeugt aber habe Le Pen mitnichten.Klebt er an seinem Thron?Auch auf internationaler Bühne ist Arnaults Macht groß. Er sei der „herausragende Botschafter für Luxus und Frankreich in der Welt“, hebt ein Vertrauter hervor. Gerade in den Zollstreitigkeiten mit den USA ist der LVMH-Chef gefragt, ist er doch einer der wenigen Europäer, die Trump kennt und respektiert. Anfang 2025 gehörten er, seine Frau Hélène und zwei seiner Kinder zu dem erlesenen Kreis, der Trumps Amtseinführung beiwohnte. Arnault beurteilt den Mann im Weißen Haus, den er bei seinem Ausflug in die USA Anfang der Achtzigerjahre kennengelernt hat, anders als die meisten Europäer. Man könne Trump im Gespräch sehr wohl umstimmen. Man müsse nur bedenken, dass dieser der mächtigste Mann der Welt und ein „sehr intelligenter Mensch“ sei. „Wenn man anfängt, das Gegenteil zu behaupten, läuft das Gespräch von Anfang an schief“, sagt Arnault.Arnaults „Schattendiplomatie“, immer wieder persönlich auf Trump einzuwirken, begrüßt man im Élysée-Palast. Dort hat sein Wort Gewicht. Seine große Macht, nicht zuletzt im Mediensektor, wird aber auch von vielen Wirtschaftsvertretern kritisch beäugt: LVMH gehört Frankreichs führende Wirtschaftszeitung „Les Echos“, seit Kurzem auch das führende Wirtschaftsmagazin „Challenges“, außerdem mit „Le Parisien“ die tonangebende Tageszeitung in der Hauptstadt, mit „Paris Match“ ein führendes Klatschblatt und einiges mehr.Verstärkter Unmut kommt zudem von Leuten, von denen sich Arnault bislang eigentlich verstanden fühlte: von Investoren, die allmählich etwas mehr Klarheit darüber wünschen, wer bei LVMH perspektivisch das Sagen hat. Bislang ist die Nachfolgefrage ein Mysterium. Klebt der Luxuskönig wie so viele erfolgreiche Unternehmer an seinem Thron? Mit seinen fünf Kindern gibt es fünf potentielle Nachfolger. Sie alle bekleiden seit Jahren Führungspositionen im Konzern: Delphine (51) und Antoine (49) aus erster Ehe sowie Alexandre (34), Frédéric (31) und Jean (27) aus zweiter Ehe. Wenn sich kein Primus inter Pares finden sollte, müsste ein externer Nachfolger aufgebaut werden.Die Eigentumsfrage ist geklärt: Die Familienholding hält inzwischen 50,01 Prozent der Kapitalanteile und 65,94 Prozent der Stimmrechte von LVMH. Sie wurde 2022 in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien umgewandelt, wie es viele Unternehmensdynastien zur langfristigen Machtabsicherung tun. Die Nachfolgefrage aber lässt Arnault ungeklärt. Auf der Hauptversammlung im April stellte er klar, dass sie erst in sieben oder acht Jahren ein Thema sei. Arnault wäre dann Mitte 80. Ruhiger dürfte es bis dahin nicht um ihn werden.
LVMH-Chef Bernard Arnault: Der Luxuskönig ärgert sich
Bernard Arnault ist der Patriarch des LVMH-Konzerns und der reichste Europäer. Bisher war er nicht dafür bekannt, dem Rummel um ihn Beachtung zu schenken. Jetzt hat er sich zu Wort gemeldet.






