imagoDer Zar, Lenin und Hitler gaben der Hauptstrasse Rigas ihren eigenen Namen, nur den Frieden liessen sie nicht zu. Heute heisst die zwölf Kilometer lange Strasse wieder Friedensstrasse und führt zum ehemaligen KGB-Gefängnis.Jochen Müssig28.08.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenMilda steht am Beginn der Friedensstrasse, wo sie noch ein sechsspuriger Boulevard ist. Seit 28. Mai residiert dort der neue Ministerpräsident von Lettland, Andris Kulbergs. Die deutsche wie die französische Botschaft blicken von rechts und links auf Milda. Deutschland und Frankreich sind heute Lettlands wichtigste und engste Partner.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die junge Lettische Republik errichtete 1931 das 42 Meter hohe Freiheitsdenkmal Milda genau an der Stelle des einstigen Zarendenkmals, des Symbols der russischen Herrschaft über die Letten. Doch die Freiheit währte nicht lange: Durch den Hitler-Stalin-Pakt wurde Lettland 1939 wieder Teil von Russland. Als die neuen Herrscher Milda abreissen wollten, rettete eine List das Denkmal: Die Figur wurde kurzerhand umgedeutet als «Mutter Russland», obgleich jeder wusste, dass Milda die drei baltischen Staaten verkörpert, die ihren Blick gen Westen richten und Russland den Rücken kehren.Wo zu Zeiten der Zaren ein Denkmal der russischen Herrschaft stand, feiert «Milda» heute die Freiheit. Im Frühjahr laufen Tausende Läufer an ihr vorbei.ImagoDas 42 Meter hohe Freiheitsdenkmal am Anfang der Friedensstrasse. Unter sowjetischer Herrschaft entging es dem Abriss, weil die Figur kurzerhand zur Mutter Russland erklärt wurde.Imago1987 wurde der Platz rund um Milda zum Zentrum massiver Proteste gegen die UdSSR. Die Sowjets umzingelten ihn und verhafteten alle Demonstranten. Es waren Tausende. Heute steht hier Freude, wo Widerstand angezeigt wurde: 2023 feierten die Letten hier ihre Bronzemedaille bei der Eishockey-Weltmeisterschaft, die erste WM-Medaille im Lieblingssport des Landes. Politische Demonstrationen finden seither vor dem Parlament statt, denn zwischen dem erbitterten Widerstand gegen Diktatoren und dem demokratischen Wunsch nach Verbesserung wird in Lettland ein feiner Unterschied gemacht.Eine Strasse, viele NamenDer Stadtführer Juris Berze bringt es auf den Punkt, wenn man mit ihm die Strasse entlanggeht. «Die Friedensstrasse war immer unsere Hauptstrasse», sagt er. Die Strasse ist wie ein Brennglas, sowohl rückwärtsgewandt als auch zukunftsorientiert: Wer ihr seinen Namen aufdrückte, herrschte in der Stadt. Zar Alexander I. etwa, Wladimir Iljitsch Lenin, Adolf Hitler und erneut Lenin eliminierten den Frieden im Strassennamen und dokumentierten ihre Herrschaft mit ihrem eigenen Namen. «Frieden im Strassennamen duldete keiner der früheren Herrscher: Frieden scheint für Diktatoren, egal welcher Art, eine Bedrohung zu sein», sagt Berze, «ist der Name doch stets eine Mahnung, den Frieden auch zu wahren.»Die Stadt der FassadenWenige Schritte weiter beginnt die Architektur zu erzählen. Riga zählt zu den grossen Jugendstilstädten Europas. Und das ist kein Zufall. «Riga hat die meisten innerstädtischen Jugendstilgebäude in Europa», sagt Agrita Tipane, die Direktorin des Museums Rigaer Jugendstil-Zentrum: «800 lupenreine Jugendstilhäuser. Alle im Zentrum.» «Riga boomte ab 1900, hatte einen Hafen, Industrie, und Tausende Menschen strömten in die Stadt», sagt sie.Durch den wirtschaftlichen Aufschwung war Geld da, und es wurden Wohnungen gebaut. Art nouveau schwappte vor allem aus Paris nach Riga. «Jugendstil war Mode, ein Trend. Nicht alle mochten das damals. Für viele war der Stil unmöglich, aber die Mode setzte sich durch», sagt Tipane. Wer die Seele der Stadt verstehen will, sollte es über die Architekturstile versuchen, empfiehlt Tipane. Und tatsächlich: Die Fassaden sind nicht nur schön, sie sind Zeugen.Die Elizabetes-Strasse im Jugendstilviertel von Riga. Rund 800 Jugendstilhäuser stehen in der Stadt, fast alle im Zentrum.Yulia Babkina / Broker / ImagoDie Architektur ist ein guter Zeuge der wechselhaften Geschichte Rigas. Eine Vielfalt, die von Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus bis hin zu Jugendstil, Modernismus und Brutalismus reicht. Lettische und deutsche Architekten machten aus Riga eine Metropole des Jugendstils. So hat Michail Eisenstein, einer der prominentesten Architekten der Jugendstilzeit in Riga, in der Alberta-Strasse mit dem Gebäude auf Nummer 4 das wohl dekorativste Haus gebaut: Besonders die elliptischen Fenster fallen ins Auge. «Es waren Wohnungen und sind es heute zu 90 Prozent wieder», sagt Agrita Tipane. «Der Imagegewinn, in einer Jugendstilwohnung zu leben, ist nicht unwichtig heutzutage!» Die meisten Gebäude sind in Privatbesitz, wurden nach der Wende günstig erworben, kostspielig renoviert, und entsprechend hoch sind jetzt die Mieten.Der kürzeste Weg nach SibirienUnd dann, unvermittelt, steht man vor der russischen Botschaft. Zwei Dutzend gelb-blaue Ukraine-Flaggen wehen unübersehbar vor dem klassizistischen Gebäude. Eine Gefängnisinstallation erinnert an die vielen unschuldig eingesperrten russischen Oppositionellen, besonders an Alexei Nawalny, der in russischer Gefangenschaft ermordet wurde.Wenn der russische Botschafter durch das Fenster seines Arbeitszimmers in Riga schaut, sieht er Putin als todbringendes Monster auf einem riesigen Bild an der Vorderseite des Medizinischen Museums gegenüber: ein beinahe fassadenfüllender Totenkopf mit Putin-Gesichtszügen. Und vor vier Jahren beschloss die Stadt Riga, die Antonijas-Strasse, an der die russische Botschaft liegt, in Strasse der ukrainischen Unabhängigkeit umzubenennen. Die Post stellt seitdem keine Briefe zu, wenn der Umschlag nicht ordnungsgemäss mit der neuen Adresse beschriftet ist.Ein Totenschädel mit den Zügen Wladimir Putins bedeckt die Fassade des Medizinhistorischen Museums. Das Bild hängt direkt gegenüber der russischen Botschaft.Radowitz / ImagoDas Plakat erschien im Frühjahr 2022, wenige Wochen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Die Strasse vor der Botschaft heisst inzwischen Strasse der ukrainischen Unabhängigkeit.Radowitz / ImagoZurück auf der Friedensstrasse: Hier endet das Gespräch, bevor es beginnt. Nach der Messe in der orthodoxen Christi-Geburt-Kathedrale an der Friedensstrasse will niemand mit uns sprechen. «Njet!» war noch eine der höflichen Antworten auf unser Ansinnen. «Die Mehrheit der lettischen Russen sind Putin-Anhänger», vermutet nicht nur der Stadtführer Juris Berze. Anfeindungen gebe es aber anscheinend nicht, weil das verbindende Element wohl der beidseitige tiefe Glaube sei, meint Berze, dessen Grossmutter während der sowjetischen Besetzung nach Sibirien deportiert wurde.«Kein Lette mag die Russen. Die meisten hassen sie sogar!», sagt Agrita Tipane. «Die letzten knapp fünfzig Jahre, vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Wende 1990, hat in Riga niemand vergessen.» 46 Jahre Besetzung durch die UdSSR, 46 Jahre Massendeportationen, Unterdrückung, Folter. Und 46 Jahre, in denen nahezu alles heruntergewirtschaftet wurde, auch die Bausubstanz dieser heute so grossartigen Hauptstadt Lettlands.Warum der Hass so tief sitzt, begreift man, wenn man die Hausnummer 61 erreicht: Stura maja, das Eckhaus. Da wisse jeder in Riga, dass es sich um die Friedensstrasse 61 handle. Das Eckhaus ist sechs Stockwerke hoch, beherbergte 1912, als es gebaut wurde, einen Blumenladen und wurde 28 Jahre später zum «kürzesten Weg von Riga nach Sibirien», so Robert Romanovskis vom heutigen Lettischen Okkupationsmuseum. Da erstarrt die Schönheit der Stadt auf einmal. Und die Fratze des Schreckens zeigt sich so real wie brutal, so einschüchternd wie eigentlich unglaublich.Das Eckhaus an der Friedensstrasse 61, von 1940 an Sitz des sowjetischen Geheimdienstes in Riga. Hier wurde verhört, gefoltert und deportiert.Toms Auzins / ImagoEin Gang im ehemaligen KGB-Hauptquartier, das 2014 für Besucher geöffnet wurde. Zellen, Verhör- und Exekutionsräume sind im damaligen Zustand erhalten.Andia Duffour / Imago1940 zog der russische Geheimdienst KGB und damit Willkür, Verhöre, Folter, Deportationen und Exekutionen ins Eckhaus ein. «Zwanzig Personen in einer 20-Quadratmeter-Zelle bei Brot und Wasser, unzählige Deportationen nach Sibirien, täglich Folter, fast täglich Erschiessungen», sagt Romanovskis gefasst und bestimmt. Das Museum zeigt authentisch die geradezu unglaublichen Schrecken aus der KGB-Zeit: Fotos, Dokumente, Verhör-, Folter- und Exekutionsräume, heruntergekommene Zellen und Flure, den Freiluftkäfig, den die Gemarterten einmal pro Woche für ein paar Minuten betreten durften.Glas halb vollMan tritt wieder hinaus auf die Friedensstrasse. Für 1 Euro 50 fährt der Elektrobus der Linie 31 weiter, vorbei an allem, was diese Stadt ausmacht.Die Friedensstrasse ist heute ein Symbol für den Wunsch und den Willen nach Frieden. Die Strasse ist keine Schönheit, kein Prachtboulevard, kein Wohlfühlplatz, aber sie trägt die grosse Hoffnung, dass es auch so bleibt mit dem Frieden, den man in Lettland seit Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine als eher wackelig einschätzt. Das gilt zumindest für 60 Prozent der 700 000 Einwohner.Die anderen 40 Prozent sind gebürtige Russen, die meisten mit lettischem EU-Pass und russisch-orthodoxem Glauben. Der Elektrobus fährt die insgesamt zwölf Kilometer lange Friedensstrasse entlang: vorbei am Justizpalast, an Kaufhäusern und Apotheken, Cafés, die rund um die Uhr geöffnet haben, Restaurants, Pizza- und Kebabbuden, der Volksbank und dem russischen Theater aus den 1960er Jahren, einem Bau im Stil des Funktionalismus. Eine scheinbar ganz normale, geschäftige Strasse mit schönem Jugendstil und hässlichem Brutalismus, mit Bauhaus und ein paar verbliebenen Holzhäuschen. In einem von ihnen wohnte Richard Wagner, ab 1837 für zwei Jahre Kapellmeister in Riga. Die für diese Zeit typischen Holzhäuser waren schliesslich günstig zu mieten.An Hausnummer 72 lohnt ein HaltAuf der längst wieder nach dem Frieden benannten Strasse betreten wir Hausnummer 72 die Boutique Outlet Bazaar. Drei Kundinnen stöbern durch die Auslagen. Trotzdem nimmt sich die Besitzerin Aija Gerzime ein wenig Zeit: «Ich liebe diese Strasse, denn sie gibt uns Hoffnung. Sie ist wie ein Monument der Freiheit! Und gleichzeitig erinnert sie uns an schreckliche und grausame Zeiten.» In Riga hat man immer das Gefühl, das Glas sei halb voll und nicht halb leer, so auch bei der Boutique-Chefin: «Wir müssen mit der Vergangenheit leben, auch mit den eingewanderten Russen, selbst wenn viele von ihnen Putin geradezu verehren, aber unser Blick geht nach vorne! Wir fühlen uns dem Westen zugehörig, der uns Schutz bietet, und wir werden unsere Freiheit nie wieder abgeben!»So denken viele: der Bäcker, die Studentin oder der Busfahrer der Linie 31. Am anderen Ende der Strasse ändert sich das Bild. Draussen am Stadtrand, am Ende der Friedensstrasse, gut zehn Kilometer vom Zentrum entfernt, gibt es noch weitere Holzhäuser, neben den Plattenbauten aus Sowjetzeiten: allesamt bewohnt von Russen, die einst als Arbeiter nach Lettland geholt wurden, um das Land zu russifizieren. Heute sind sie eine Minderheit, wenngleich eine sehr grosse, aber viele leben abgeschottet in ihren Siedlungen, zeigen ihre Putin-Sympathie nicht offen.Stein für SteinWer verstehen will, wie Riga wurde, was es heute ist, muss einen Schritt zurückgehen, in die Anfänge der Stadt, die abseits der Friedensstrasse liegen, aber ohne die sie nicht zu begreifen ist.Der Spaziergang durch Riga und seine wechselhafte Geschichte zeigt aber nicht nur die tiefen Narben, die die Sowjets hinterliessen, sondern führt auch an den durchaus überraschenden Anfang der Stadt: Riga wurde 1201 vom Bremer Bischof Albert gegründet und war für knapp 400 Jahre eine reiche Hansestadt. Am Relais zwischen Westeuropa und Russland wurden Wachs und Pelze, Salz und Wein gehandelt. Im Zentrum erinnern eine Nachbildung der Bremer Stadtmusikanten, des Bremer Roland und das Backsteingebäude Schwarzhäupterhaus an die Gründung der Stadt.Das rekonstruierte Schwarzhäupterhaus mit der Rolandsstatue im Zentrum von Riga. Die sowjetische Verwaltung liess die Kriegsruine 1948 sprengen, nach der Unabhängigkeit wurde der Bau originalgetreu wieder errichtet.ImagoDie Fassade an der Elizabetes-Strasse 10b, entworfen von Michail Eisenstein. Der Architekt prägte das Jugendstilviertel wie kein anderer.Gary Cook / ImagoIm Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, sprengten die Russen 1948 die Ruine des Schwarzhäupterhauses. Doch nach der Unabhängigkeit wurde der Backsteinbau wieder originalgetreu rekonstruiert. Tausende Bürger standen stundenlang Schlange, um symbolisch einen Stein beizusteuern: Stein für Stein. Geschichte lässt sich nicht wegsprengen.Das Gebäudeensemble Drei Brüder steht für die Renaissance. Sie ersetzte die strenge Gotik durch farbenfrohere Fassaden. Es ist der älteste Wohnhauskomplex in Riga. Auch das heutige «Pullman Riga Old Town Hotel» von 1789 war einst ein Wohnhaus und zeigt den Wandel im Lauf der Zeit: Nach aussen repräsentiert das grossartige Gebäude den Stil des Klassizismus. Im Inneren wurde das Fünf-Sterne-Hotel bis auf einige tragende Wände entkernt, mit moderner Innenarchitektur und sogar mit einem Dachpool versehen.Und am Ende des Spaziergangs kehrt man zurück in die Gegenwart der Stadt, in ihre Elizabetes-Strasse, ihre Schönheit, ihren Widerstand. Figürliche Skulpturen und ornamentale Plastiken, mächtige Säulen, Balkone, die aus den Fassaden ragen, und Schmiedearbeiten zeigen die Windungen des Jugendstils. In der Elizabetes-Strasse trifft man auf elegante und unverwechselbare Kompositionen aus Masken, Pfauen, Skulpturköpfen und geometrischen Figuren in der Fassadenkrone. Als wolle sie Schönheit und Widerstand auf engstem Raum vereinen, sagt Tipane: «In dieser Strasse wohnt auch unser Verteidigungsminister in einem Jugendstilhaus.» Er, der im Ernstfall Freiheit und Frieden Lettlands verteidigen muss.Die Reportage wurde möglich durch die Unterstützung des «Pullman Riga Old Town Hotel».Passend zum Artikel