Pro ArtikelDer Ukraine-Krieg weitet sich auf die Wirtschaft aus – mit fragwürdigen FolgenRussland und die Ukraine bombardieren Ziele im Hinterland des Gegners. Russland verletzt dabei eindeutig das Kriegsrecht. Bei der Ukraine lässt sich nicht mehr so eindeutig wie früher das Gegenteil behaupten.28.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Angriffe auf die Warenlager des russischen Online-Händlers Wildberries treffen Hunderttausende Kleinunternehmer.Stringer / EPAIn der Ostukraine ist die Invasion der russischen Armee ins Stocken geraten. Die Schützengräben der ersten Kriegsjahre haben sich in einem mäandernden, 20 bis 50 Kilometer breiten Todesstreifen aufgelöst. Darin attackieren die omnipräsenten Drohnen alles, was sich bewegt. Deshalb kann Russland seine Feuerkraft, schweres Material und Menschen trotz Überlegenheit nur mit grösster Mühe und unter riesigen Verlusten voranbringen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch das bedeutet leider nicht, dass Präsident Putin ein Einsehen in die Erfolglosigkeit seines Versuchs hätte, die Ukraine zu unterwerfen. Es bedeutet vielmehr, dass die russische Feuerkraft und ihre Brutalität verstärkt auf andere Ziele gerichtet werden, die sich kaum davor schützen können: die zivile Bevölkerung und die ukrainische Wirtschaft.Gezielte russische BrutalitätVergangene Woche hat Russland ein gut besuchtes Einkaufszentrum in der ukrainischen Stadt Kriwi Rih mit Drohnen bombardiert. Mindestens sechzehn Menschen wurden getötet und 130 verletzt, unter ihnen viele Kinder. Der besonders perfide, in zwei Wellen erfolgte Angriff war klar darauf ausgelegt, eine möglichst grosse Zahl von zivilen Opfern zu verursachen. Moskau nutzt die Tatsache kaltblütig aus, dass der ukrainischen Raketenabwehr die Munition ausgeht.Zudem attackiert Russland die ukrainischen Getreideexporte im Schwarzen Meer. Verladestationen für Getreide an der Küste um die Grossstadt Odessa wurden ab Mitte Juli wiederholt bombardiert. Gleichzeitig greift Russland Handelsschiffe an, die mit der Ukraine verkehren. Das hat zur weitgehenden Blockade der ukrainischen Getreideexporte geführt – genau zur Erntezeit.Doch auch die Ukraine hat ihre Kriegstaktik angepasst. Seit einigen Monaten werden mit grossem Effekt russische Erdölraffinerien bombardiert. Die russische Bevölkerung litt in der Folge zeitweise unter Benzinmangel an den Tankstellen. Hinzu kamen jüngst systematische Angriffe auf die Grosslager der führenden russischen Online-Handelsplattformen Wildberries und Ozon, welche die dort gelagerten Warenbestände Hunderttausender russischer Kleinhändler trafen.Im Juli wurde die russische Schifffahrt im Asowschen Meer durch systematische Angriffe weitgehend lahmgelegt. Im August hat die Ukraine die Angriffe auf das Schwarze Meer ausgeweitet. Ein Höhepunkt war ein Grossangriff auf den russischen Hafen Noworossisk, wo über 40 Prozent aller russischen Getreideexporte verschifft werden.Russland scheint zwei Ziele zu verfolgen. Die Bombardierung der Getreideexporte soll den mit Abstand wichtigsten Exportsektor der Ukraine blockieren und dem Land wichtige Finanzmittel abschneiden. Die gezielten Angriffe auf die Zivilbevölkerung sollen die Ukrainer demoralisieren und den Wehrwillen untergraben. Beides dürfte kaum den erhofften Erfolg bringen. Wirtschaftlich stehen der Ukraine die finanzstarken Europäer zur Seite. Und der Wehrwille ist auch durch mehr als vier Jahre Krieg mit seinen riesigen Verlusten nicht erloschen.Umgekehrt sind auch die Angriffe auf die russischen Getreideexporte kaum kriegsentscheidend. Russland ist zwar der grösste Weizenexporteur der Welt. Der Sektor macht aber neben dem alles dominierenden Erdöl- und Erdgasgeschäft nur wenige Prozent aller russischen Exporte aus.Unannehmlichkeiten für die ZivilbevölkerungWichtiger dürften die ukrainischen Angriffe auf die Raffinerien und die Onlinehändler sein.Erstens soll durch Unannehmlichkeiten wie lange Wartezeiten vor Tankstellen oder ausfallende Güterlieferungen der Unmut in der Bevölkerung gegenüber dem Kreml wachsen; Anzeichen offenen Protestes gibt es allerdings kaum. Zweitens könnten die wirtschaftlichen Verluste durch die Bombardierungen viele Kleinunternehmer ruinieren und damit bei den russischen Banken hohe Kreditverluste verursachen. Das könnte die bereits angeschlagene, mit einer hohen Inflation und hohen Zinsen kämpfende russische Wirtschaft destabilisieren, im Extremfall gar zu einer Bankenkrise führen. Die florierende russische Rüstungsindustrie würde dadurch geschwächt.Anfänglich fokussierten sich die ukrainischen Angriffe im Hinterland auf das Abschneiden des russischen Nachschubs in den besetzten und grenznahen Gebieten. Das war eine erfolgreiche, klar militärisch definierte Strategie. Doch die Angriffe gehen mittlerweile weit darüber hinaus. Wohl kann man argumentieren, dass die russischen Raffinerien auch das Militär versorgen und über Steuererträge zur staatlichen Finanzierung des Krieges beitragen. Die Angriffe im russischen Hinterland absorbieren Kräfte der russischen Luftverteidigung. Und auf den grossen Handelsplattformen werden auch einfache Ausrüstungsgüter für die Soldaten an der Front gehandelt.Doch die ukrainischen Angriffe haben mittlerweile ein Ausmass angenommen, das das Alltagsleben breiter Bevölkerungskreise gezielt einschränkt. Diese Strategie strapaziert den Rahmen des Völkerrechts ziemlich weit.Die ukrainischen Angriffe im russischen Hinterland sind nicht mit jenen der Gegenseite zu vergleichen. Russland zielt mit seinen täglichen Bombardierungen ukrainischer Städte auf Menschenleben und die Verbreitung von Terror. Das ist der Ukraine nicht vorzuwerfen. Dennoch bleibt die Feststellung: Dieser grausame Krieg hat in seinem vierten Jahr einen Sog entwickelt, dem sich niemand ganz entziehen kann.Passend zum Artikel
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Russland und die Ukraine bombardieren Ziele im Hinterland des Gegners. Russland verletzt dabei eindeutig das Kriegsrecht. Bei der Ukraine lässt sich nicht mehr so eindeutig wie früher das Gegenteil behaupten.








