Khalid Sheikh Mohammed gilt als Mastermind der Anschläge vom 11. September – nun wollen ihm die USA endlich den Prozess machenSeit zwanzig Jahren sitzt Khalid Sheikh Mohammed im Hochsicherheitsgefängnis von Guantánamo fest – als einer der letzten verbliebenen Terrorverdächtigen. Nun soll der kuwaitische Architekt von 9/11 doch noch einem Richter vorgeführt werden.28.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenKhalid Sheikh Mohammed in Guantánamo auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2022.United States Department of DefenseEs ist ruhiger geworden im amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis Guantánamo Bay auf Kuba. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hatten die USA hier zeitweise fast 700 Terrorverdächtige gleichzeitig festgehalten – ausserhalb der regulären Rechtsordnung und oft für unbeschränkte Zeit. Nachdem die Präsidenten Barack Obama und Joe Biden erfolglos versucht hatten, die Haftanstalt auf der Militärbasis zu schliessen, hat sich immerhin die Zahl der Inhaftierten verringert. Derzeit sind noch fünfzehn Personen auf Guantánamo eingesperrt, unter ihnen Khalid Sheikh Mohammed, der als das Mastermind hinter den Terroranschlägen gilt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Unbestrittener ArchitektMohammed sitzt seit inzwischen zwanzig Jahren im Hochsicherheitsgefängnis fest, ohne dass ihm die amerikanischen Behörden je den Prozess gemacht hätten. Über seinen Zustand ist wenig bekannt. Doch zeigen ihn Fotografien aus dem Jahr 2022 mit einem roten Bart, den er mit Beeren und Fruchtsaft gefärbt hat. Im April ist er in Gefangenschaft 61 Jahre alt geworden.Kurz bevor sich die Anschläge vom 11. September zum 25. Mal jähren, hat ein amerikanischer Militärrichter nun endlich ein neues Datum für den Prozess gegen Mohammed genannt. Er soll am 5. Juni 2028 beginnen. Die Staatsanwaltschaft hatte den Prozessbeginn für Anfang 2027 beantragt, doch setzte der Richter wegen der vielen offenen Verfahrensfragen eine längere Frist an.Mohammed wird vorgeworfen, er habe den Plan, entführte Flugzeuge in die beiden Hochhäuser des World Trade Center in New York und ins Pentagon in Washington fliegen zu lassen, entwickelt und die Durchführung überwacht. Ein weiteres Flugzeug stürzte nach einem Aufstand der Passagiere in ein Feld im Gliedstaat Pennsylvania. Auch Mohammeds Komplizen Walid bin Attash, Ali Abdelaziz Ali und Mustafa al-Hawsawi sind angeklagt.Eigentlich ist unbestritten, dass Mohammed der Drahtzieher hinter den Terroranschlägen vom 11. September ist. «Ich war verantwortlich für die 9/11-Operation von A bis Z», hatte er selber 2007 bei einer militärgerichtlichen Anhörung zugegeben. Damals sagte er auch aus, dass er weitere Anschläge geplant habe. Die offizielle Untersuchungskommission zu 9/11 bezeichnete ihn schon 2004 als Hauptarchitekten der Anschläge. Doch dass Mohammed von der CIA gefoltert worden war, hat einen komplexen Rechtsstreit darüber ausgelöst, welche Beweise in einem Prozess zugelassen wären und welche nicht.Hass auf AmerikaGeboren wurde Mohammed 1965 in Kuwait als Sohn pakistanischer Eltern, die aus der Provinz Belutschistan stammen. Der Vater war ein strenger Imam, und Mohammed schloss sich als Teenager der Muslimbruderschaft an. Im Alter von achtzehn Jahren zog er in die USA. 1986 schloss er an der North Carolina Agricultural and Technical State University seine Studien in Maschinenbau ab.Das Leben in den USA bremste seine Radikalisierung nicht, sondern schien seinen Hass auf Amerika viel eher zu befördern. 2009 zitierte die «Washington Post» aus einer Einschätzung der Geheimdienste, wonach ihn Negativerfahrungen in den USA wohl auf dem Pfad zum Terroristen vorangebracht hätten. So war Mohammed während seiner Studienzeit wegen unbezahlter Rechnungen verhaftet und für eine kurze Zeit inhaftiert worden.Fest steht, dass der Ingenieur nach dem Studium kein bürgerliches Leben suchte. Er reiste vielmehr nach Afghanistan, um sich dem Widerstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht anzuschliessen. Im militanten Milieu von Peshawar arbeitete er für eine jihadistische Zeitschrift und entwickelte sich zum Extremisten, der mehrere Pseudonyme führte. Bereits 1993 war er an der Planung des ersten Bombenanschlags auf das World Trade Center in New York beteiligt.1996 unterbreitete Mohammed Usama bin Ladin erstmals die Idee für die Anschläge vom 11. September: Entführte Passagierflugzeuge sollten als gelenkte Raketen gegen symbolträchtige Ziele in den USA geflogen werden. Drei Jahre später billigte bin Ladin die Pläne endgültig. Mohammed schloss sich al-Kaida an und wurde zu deren Propagandachef.Gemeinsam mit bin Ladin wählte er die Flugzeugentführer aus. Zudem übernahm er die operationelle Vorbereitung der Teams, die am 11. September 2001 an den Flughäfen Boston, Washington und Newark in New Jersey Inlandflüge bestiegen und die Maschinen in ihre Gewalt brachten.Stockendes VerfahrenAm 1. März 2003, rund eineinhalb Jahre nach 9/11, wurde Mohammed in Pakistan bei einer gemeinsamen Operation des amerikanischen Auslandgeheimdienstes CIA und pakistanischer Sicherheitskräfte gefasst. Nach seiner Festnahme führte ihn die CIA in eines ihrer berüchtigten Geheimgefängnisse in Osteuropa über.Die Amerikaner wollten unbedingt Informationen zu al-Kaida und weiteren möglichen Anschlägen aus ihm herauspressen und setzten ihn «erweiterten Verhörmethoden» aus: Die CIA-Agenten hielten seinen Kopf über 180-mal so lange unter Wasser, bis Mohammed das Gefühl hatte, zu ertrinken. Dieses «Waterboarding» ist als Folter verpönt. Ein Senatsausschuss kam später nach einer Untersuchung zu dem Schluss, dass diese Befragungsmethoden kaum wichtige Informationen an den Tag gebracht hätten.Drei Jahre nach seiner Festnahme erfolgte die Verlegung nach Guantánamo. 2008 wurde Mohammed dort formell von einem amerikanischen Militärtribunal wegen Kriegsverbrechen und der Ermordung von 2976 Menschen angeklagt. Zu den Beweisen gehört ein beschlagnahmter Computer von Mohammed, auf dem offenbar Fotografien der Attentäter und drei Briefe von bin Ladin mit einschlägigen Informationen gefunden wurden.Dennoch geriet das Verfahren schnell ins Stocken. Ein Hauptstreitpunkt ist die Tatsache, dass ein Teil der Beweise auf Aussagen in den CIA-«Black Sites» beruht, was die Verwertbarkeit vor Gericht anfechtbar macht. Denn obwohl Mohammed die Geständnisse später anscheinend aus freien Stücken wiederholt hat, argumentieren Anwälte, auch spätere Aussagen von Angeklagten seien rechtlich wertlos, wenn diese zuvor schwerer Folter ausgesetzt gewesen seien. Ein für das Jahr 2021 angesetzter Prozess musste fallengelassen werden.Um das Verfahren endlich voranzubringen, einigte sich die Militärstaatsanwaltschaft 2024 mit Mohammed und zwei Mitangeklagten auf einen Vergleich: Gemäss diesem hätten sie auf schuldig plädiert, womit ihnen die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft anstelle der Todesstrafe garantiert hätte. Doch die Regierung von Joe Biden entzog der Abmachung die Gültigkeit – auch aus Angst, im Kampf gegen den Terrorismus Schwäche zu zeigen. Ein Berufungsgericht bestätigte, dass der Vergleich ungültig gewesen sei.Nun führt an einem Prozess wohl kein Weg mehr vorbei. Angehörige der Opfer von 9/11 warten seit mehr als zwei Jahrzehnten auf einen Abschluss des Rechtsverfahrens. Reue oder Mitgefühl für seine Opfer scheint Mohammed nicht zu empfinden. Bei einer Befragung in Guantánamo erklärte er, die Ermordung von Zivilisten sei schlicht die «Sprache des Krieges». Im Falle einer Verurteilung wäre ihm die Todesstrafe so gut wie sicher.Passend zum Artikel