Rund um den Globus schießen Windkraftanlagen und Solarparks wie Pilze aus dem Boden. Mehr als 80 Prozent der weltweiten Investitionen in Stromerzeugung fließen in Infrastruktur für erneuerbare Energie. Der Anteil von Wind- und Solarstrom ist von nahe null Anfang des Jahrhunderts auf rund 15 Prozent weltweit, 22 Prozent in China und 50 Prozent in Deutschland gewachsen. Das wirft auch die Frage auf, wie sich der große Flächenbedarf für diese Installationen auf die Natur auswirkt.Schon länger wird darüber debattiert, wie gefährlich Windräder für Vögel sind. Eine neue Studie aus China, die in „Science“ erschienen ist, rückt nun Solarparks in den Fokus. Auch in Deutschland wird diskutiert, welche Folgen die Ausbreitung der metallisch schimmernden Module für die Tierwelt hat. In beiden Ländern offenbart sich dabei ein gravierender Mangel an verlässlichen Monitoringdaten.In China erstrecken sich Solarparks bereits über eine zusammengenommen 67 mal 67 Kilometer große Fläche. Der Ausbau der Photovoltaik sei für die Dekarbonisierung essenziell, schreiben die Autoren, Umweltökonomen der Nanjing University of Information Science & Technology und der Stanford-Universität. „Doch er kann die Landnutzung tiefgreifend verändern und potentiell Konflikte mit dem Schutz der Biodiversität schaffen.“Die Schwachpunkte der UntersuchungAus der Kombination von Daten aus dem Zeitraum 2014 bis 2024 ziehen die Forscher einen beunruhigenden Schluss: „In den Landkreisen mit der konsequentesten Solarförderpolitik war der Rückgang der Vogelvielfalt am stärksten, was darauf hindeutet, dass dort, wo man den Ausbau am stärksten vorantreibt, Standortentscheidungen fallen, ohne den ökologischen Folgen ausreichend Rechnung zu tragen“, sagt Mitautor Shanjun Li von der Stanford Doerr School of Sustainability. Die Autoren nennen als mögliche Stressfaktoren für Vögel, dass bestehende Habitate überbaut würden, die Wartung der Anlagen zu ständigen Störungen führe und die Gefahr bestehe, dass Vögel die Module aus der Höhe mit Wasserflächen verwechselten.Die Studie hat allerdings Schwachpunkte: Die Daten zum Schwund der Vogelwelt geben Populationstrends in ganzen Landkreisen wider. Es könnten also auch andere Ursachen hinter Rückgängen stehen. Zudem waren keine professionellen Ornithologen am Werk, vielmehr werden Einträge einer großen Citizen-Science-Plattform genutzt. Hobbybeobachter zieht es aber in der Regel nicht in Solarparks, und sie ignorieren oft häufige Arten, weil ihr Fokus auf Raritäten liegt. Zudem sind Bruchlandungen von Vögeln auf Modulen hauptsächlich aus einer einzigen älteren Studie aus Kalifornien bekannt. Inzwischen sind Beschichtungen üblich, die Verwechslungsrisiken deutlich reduzieren.Solarparks sind immer noch besser als AgrarflächenBenjamín Jarčuška von der slowakischen Akademie der Wissenschaften, der selbst zu Solarparks geforscht hat, hält die Aussagekraft der „Science“-Studie für begrenzt. Er kritisiert, dass nicht reale Effekte vor Ort gemessen wurden, sondern die Autoren regierungsamtliche Strategiepapiere als wichtigstes Indiz für einen Rückgang der Vogelwelt präsentieren. „Ohne direkte Vorher-nachher-Daten von tatsächlichen Solarparkstandorten oder ökologische Messungen, wie sich der Lebensraum verändert, bleiben die Schlussfolgerungen sehr indirekt“, sagt Jarčuška. Der Stanforder Umweltökonom Shanjun Li hält dagegen, es seien zahlreiche statistische Verfahren angewandt worden, um zu belastbaren Ergebnissen zu kommen.Ein Anstoß dazu, genauer zu untersuchen, wie sich Solarparks auf die Tierwelt auswirken, ist die Studie in jedem Fall. Als einer der Biologen, die deutsche Solarparkprojekte vorab im Auftrag der Betreiber begutachten, plädiert Tim Peschel dafür, sie als Chance für den Naturschutz zu nutzen. „In der Regel handelt es sich um frühere Ackerflächen, und da ist die Nutzung als Solarpark automatisch gut für die Biodiversität, weil nicht mehr gespritzt und gedüngt wird“, sagt er. Peschel hat 2025 einen vom Bundesverband Neue Energiewirtschaft beauftragten Report vorgelegt, der Solarparks als wichtige Lebensräume darstellt. In den untersuchten Parks seien 32 Brutvogelarten und 63 Vogelarten als Nahrungsgäste gefunden worden.Neue Nischen? Vegetation unter den Solarmodulen.Wattmanufactur„Immer mehr Brutvogelarten nutzen diese ungestörten Räume zum Teil in außergewöhnlich hohen Abundanzen“, schreibt Peschel. So würden in einigen Anlagen Dichten an Feldlerchen beobachtet, die zu den höchsten in Mitteleuropa zählen, nutzten Greifvögel die Areale für Ansitz und Jagd. Bachstelze, Braunkehlchen, Feldsperling, Goldammer, Grauammer, Hausrotschwanz oder Schwarzkehlchen seien „typische Solarparkarten“.Studien in Polen und von Benjamín Jarčuška in der Slowakei kommen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Solarparks sich bei der Artenvielfalt positiv von der Agrarlandschaft um sie herum abheben. Britische Forscher sprechen sogar von „Ökovoltaik“, wenn bestimmte Anforderungen erfüllt sind.In Deutschland nehmen Solarparks heute eine zusammengenommen 21 mal 21 Kilometer große Fläche ein, die sich in den kommenden Jahren noch mindestens verdoppeln soll. „Ich kann nicht sagen, wie das in China gehandhabt wird, aber in Deutschland spielen Natur- und Artenschutz bei Planungs- und Genehmigungsprozessen für Solarparks immer eine Rolle“, sagt Julia Wiehe vom Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (KNE), das im Auftrag des Bundesumweltministeriums Beratung dabei anbietet, wie sich Solarparks naturverträglich anlegen lassen.Die negativen Effekte lassen sich zumindest verkleinernEs sei Standard, Schutzgebiete zu meiden, vorab den Vogelbestand zu erfassen und zu prüfen, ob besonders geschützte Arten wie die Feldlerche vorkommen, sagt Wiehe. Ist dies der Fall, müssten Maßnahmen ergriffen werden, um Vorkommen zu erhalten oder in der Nähe einen alternativen Lebensraum zu schaffen.„Es gibt gute Möglichkeiten, negative Effekte zu vermeiden oder zu kompensieren, doch es existieren auch reale Probleme“, sagt Wiehe und verweist auf ein im Auftrag des KNE erstelltes Gutachten. Es kommt zu dem Ergebnis, dass sich Solarparks je nach Ausgestaltung in ihrer ökologischen Wirkung deutlich unterscheiden. In der Diskussion würden Vorzeigeparks in den Vordergrund gestellt, aber das Vorhandensein naturferner Anlagen mit geringen Reihenabständen, dauerhaft kurz gehaltener Vegetation und ohne Randeingrünung werde oft nicht ausreichend thematisiert. Vehement widersprechen die Experten der Behauptung, Feldlerchen kämen in Solarparks mindestens so häufig vor wie in der Umgebung.Das dem Umweltministerium unterstellte Bundesamt für Naturschutz warnt, dass „ohnehin gefährdete Arten wie Kiebitz und Wachtel, die vertikale Strukturen meiden, ihren Lebensraum verlieren könnten“. In Nordbayern konnten Gutachter in 30 untersuchten Solarparks keine Feldlerchen finden, obwohl sie bei 29 von ihnen in der Umgebung vorkamen.Es fehlen vor allem belastbare DatenWie unterschiedlich die Effekte von Solarparks auf die Vogelwelt sein können, spiegelt auch eine Übersicht von hundert Monitoringberichten wider, die aus den Reihen der Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten stammt. „Neu eingewanderte Arten: Bachstelze, Grauschnäpper, Bluthänfling, Schwarzkehlchen, Steinschmätzer, Hausrotschwanz, Dorngrasmücke“, heißt es in einem der Berichte. Doch es gibt auch gegenteilige Meldungen: „Bestandsabnahmen von Wachtelkönig, Wendehals, Braunkehlchen, Schwarzkehlchen, Feldschwirl und Neuntöter“.Die Aussagekraft solcher Einzeldaten aus der grauen Literatur ist ebenso fragwürdig wie die von Vogeltrends ganzer Landkreise in China. Hier wie dort könnten Klarheit nur ein wirklich systematisches Monitoring der Flächen vor und nach dem Bau über viele Jahre hinweg nach einheitlichen Standards und eine wissenschaftliche Auswertung aller Erhebungen erbringen. Doch das gibt es in keinem der beiden Länder.In Deutschland existiert weder eine bundesweit einheitliche Pflicht zum ökologischen Monitoring in Solarparks noch eine Datenbank, in der alle Beobachtungen zusammenfließen, kritisiert das Bundesamt für Naturschutz. Die Vogeldaten aus Solarparks lägen dezentral bei knapp 11.000 Gemeinden und den jeweiligen Unteren Naturschutzbehörden. Zudem existiere kein einheitliches Format: „Die Berichte reichen von digitalen PDFs bis hin zu analogen Aktenordnern in kommunalen Archiven.“ Die Daten selbst befänden sich meist im Besitz der Betreiber.Der Umweltverband NABU fordert deshalb einen Neuanfang beim Vogelmonitoring: Es müsse künftig bundesweit einheitlich erfolgen und nach der Inbetriebnahme der Parks fortgesetzt werden, um Veränderungen zu ermitteln. Der NABU hält es aber grundsätzlich für möglich, Solarparks naturverträglich zu gestalten. Dazu müssten für Offenlandarten mindestens 60 Prozent der Solarparks frei bleiben, die Module müssten mindestens drei Meter Abstand voneinander haben. Betreiber sollten die förderliche Wirkung von Blühstreifen mit regionalem Saatgut, Steinhaufen, Hecken und Nistkästen voll ausnutzen müssen. Wichtig sei auch eine angepasste Mahd, die Rücksicht auf Insekten und Brutplätze nehme.Das Bundesamt für Naturschutz fordert zudem, die Solarstromerzeugung bevorzugt auf Dächern und bereits bebauten Flächen zu realisieren und nicht nur Schutzgebiete, sondern alle ökologisch sensiblen Flächen auszusparen. Ein klares Nein zum Solarausbau ist aber auch von den Autoren der China-Studie nicht zu vernehmen: „Es geht uns nicht darum, den Ausbau der Solarenergie in China zu bremsen“, sagt Shanjun Li aus, „sondern darum, Standorte besser auszuwählen, vor der Genehmigung den ökologischen Wert zu prüfen und Großprojekte in Gebieten mit geringeren ökologischen Konflikten zu realisieren.“