Als Bayer 04 Leverkusen vor ein paar Tagen Robert Andrich mitteilte, dass er nicht länger als Kapitän vorgesehen sei und sich gerne auch nach einer möglicherweise befriedigenderen Tätigkeit in einem anderen Klub umsehen dürfe, gab es im Internet heftiges Getöse. Dieses Getöse – ausgelöst von Alicia Andrich, die per Posting die Rache des Karmas ankündigte – ging zwar nicht viral um die Welt, erreichte aber immerhin ein Publikum mit speziellem Interesse an Bayer 04. Einige Fans solidarisierten sich mit der wütenden Ehefrau. Robert Andrich, 31, hat in den vergangenen fünf Jahren immerhin fast 200 Punkt- und Pokalspiele für den Verein bestritten, in der Meistersaison gehörte er zur Stammbesetzung. Und jetzt setzt man ihn vor die Tür?Den Vorwurf des ehrlosen Umgangs mit einem verdienten Spieler weisen die Verantwortlichen des Vereins selbstverständlich zurück. Andrich habe Bescheid wissen wollen, wie man ihn sportlich beurteilt, und er habe seine Antwort bekommen, sagte Trainer Carles Martínez, „wir haben versucht, ehrlich mit ihm zu sein“. Zur vollen Wahrheit gehört laut dem neuen Chefstrategen auch die Erkenntnis, dass für den Mittelfeldspieler Andrich bloß noch eine „Nebenrolle“ in Aussicht stehe. In der Innenverteidigung, wo Andrich in der vorigen Saison ausgeholfen hatte, ist er nicht mal als Hilfsarbeiter gefragt – zu viel qualifizierte Konkurrenz für zu wenige Arbeitsplätze.Man kann es auch so sehen: Bayer Leverkusen ist nicht nur ehrlich zu seinen Spielern, Bayer Leverkusen ist auch ehrlich zu sich selbst. Dieser Klub gibt sich keinen Sentimentalitäten hin, und deshalb ruft der Hinweis darauf, dass aus Xabi Alonsos unbesiegtem Titelteam allmählich kaum noch einer übrig sei, bei den Offiziellen keine Schwermut, sondern bloß Schulterzucken hervor. Der Nächste bitte, heißt stattdessen die Devise.Es war einmal eine Meistermannschaft – wenn beim bevorstehenden Medizincheck nichts passiert, dann wird Exequiel Palacios der Nächste sein, der Leverkusen verlassen wird. Der argentinische Nationalspieler kam 2019 an den Rhein, nun ist er 27 Jahre alt und es zieht ihn zum englischen Premier-League-Aufsteiger Ipswich Town. „Er hat nach sechseinhalb Jahren das Gefühl, was Neues machen zu wollen“, sagt Sportchef Simon Rolfes. Im Klub haben sie sich bemüht, Palacios zum Bleiben zu überreden, aber es gab halt auch die Überlegung, ob es nicht ein gutes Geschäft wäre, den verletzungsanfälligen Mittelfeldspieler gegen 30 Millionen Euro einzutauschen.Der Rückkehr des französischen Angreifers Moussa Diaby steht offenbar nichts mehr im WegZumal da Bayer die Einnahmen gleich mit den Ausgaben für einen Heimkehrer verrechnen kann. Der Rückkehr des französischen Angreifers Moussa Diaby, 27, steht offenbar nichts mehr im Weg. „Er ist ein Spieler, der uns sofort weiterhilft“, sagt Rolfes, der den schnellen Flügelspieler einst aus Paris nach Leverkusen geholt hatte. Im Sommer 2023 wechselte Diaby für 50 Millionen Euro zu Aston Villa in die Premier League, von dort zog er zum Al-Ittihad FC nach Saudi-Arabien.In der dortigen Saudi Professional League könnte wiederum Jonas Hofmann seine nächste Bestimmung finden. Der Klub Al Shabab zeigt angeblich Interesse; dort lehrt neuerdings der Landsmann Thomas Letsch, der beim VfL Bochum und zuletzt in Salzburg gearbeitet hat. Auch der 34 Jahre alte Hofmann ist ein Spieler, der seinen Teil zur preisgekrönten Xabi-Alonso-Ära beigetragen hat und der nun zum wiederholten Male den Hinweis erhalten hat, dass ihm voraussichtlich nicht viel Spielzeit vergönnt sein werde.Der neue Kapitän Edmond Tapsoba (links, mit Victor Boniface) soll in Leverkusen Identität und Autorität verkörpern. Karina Hessland-Wissel/ImagoJeder ist austauschbar. Diese Regel des modernen Profifußballs tritt zurzeit in Leverkusen auf besonders unromantische Weise zutage. Für Trainer Carles Martínez war es gar nicht so einfach, im Getümmel des Kommens und Gehens jenen neuen Kapitän aufzutreiben, der anstelle von Robert Andrich zugleich Identität und sportliche Autorität verkörpert. Seine Wahl fiel nahezu zwangsläufig auf den überall sehr beliebten und vergleichsweise altgedienten Verteidiger Edmond „Eddie“ Tapsoba, obwohl auch ihm im frühen Sommer nachgesagt wurde, er sei bereit für den Wechsel nach England, wo inzwischen so viele prägende Akteure der Meistermannschaft von 2024 beschäftigt sind: von Florian Wirtz, Piero Hincapié und Jeremy Frimpong bis Xabi Alonso.Jetzt blickt der aus der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou stammende Tapsoba aus anderer Perspektive auf sein Engagement bei Bayer: „Es bedeutet mir viel, zu wissen, dass der Klub an mich glaubt und mich hier langfristig sieht“, sagt der Abwehrspieler, der immer noch einen engen Draht zu seinem früheren Nebenmann Jonathan Tah pflegt. Tah gratulierte ihm ebenso zum Ehrenamt wie die Mutter aus Burkina Faso. „Kapitän dieser fantastischen Mannschaft zu sein, ist etwas Unglaubliches für mich. Ich hoffe, dass ich uns an die Spitze führen kann“, schwärmte Tapsoba am Dienstag in seiner Regierungserklärung.Patrik Schick fungiert als Co-Kapitän, Torwart Mark Flekken, Mittelfeldchef Aleix García und der junge, aber längst unentbehrliche Ibrahim Maza sollen ebenfalls als Führungsspieler firmieren. Aber „am Ende zählt das Team“, meint Tapsoba, „nicht der Kapitän. Jeder sollte in seinem Herzen ein Kapitän sein.“ Auch Ex-Kapitän Andrich darf sich angesprochen fühlen. Wenn Palacios das Haus verlässt, wird ein Platz im Mittelfeld frei, um den er sich bewerben könnte.
Bayer 04 Leverkusen: Es war einmal eine Meistermannschaft
Aus Xabi Alonsos unbesiegtem Titelteam ist allmählich kaum noch einer übrig. Das ruft bei den Bayer-Offiziellen bloß Schulterzucken hervor.






