Sieben Schiessereien in fünf Tagen: In Brüssel eskaliert der DrogenkriegDer belgische Innenminister spricht von einem «nationalen Notstand». Nun haben die Behörden neue Massnahmen im Kampf gegen den Drogenhandel angekündigt. Doch längst ist das Problem ausser Kontrolle geraten.27.08.2026, 16.03 Uhr3 LeseminutenEinschussloch im Trottoir: Im Brüsseler Stadtteil Anderlecht kommt es immer wieder zu Schiessereien, die mit dem Drogenmilieu in Verbindung stehen.Olivier Matthys / EPAEs beginnt am Freitagabend: Kurz vor Mitternacht tauchen zwei Männer vor einem Polizeiposten im Brüsseler Stadtteil Anderlecht auf. Der eine filmt mit seinem Handy, während der andere mit einem Kalaschnikow-Sturmgewehr zwölf Schüsse auf die Eingangstür abgibt. Anschliessend fliehen die beiden auf einem Elektro-Roller. Weil die Wache zum Zeitpunkt des Angriffs geschlossen ist, wird niemand verletzt. Die Behörden vermuten einen Vergeltungsakt einer kriminellen Bande – im Sommer hatte die Polizei mehrere Razzien im Drogenmilieu durchgeführt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch in den Tagen danach reisst die Gewalt nicht ab. Am Samstagabend wird im Stadtteil Saint-Gilles ein Mann durch einen Schuss am Bein verletzt. Am frühen Sonntagmorgen durchschlägt eine Kugel das Fenster eines Schlafzimmers, in dem die Bewohnerin noch im Bett liegt. Am Montag eröffnet ein Mann in der Nähe des Bahnhofs Bruxelles-Midi das Feuer mit einer automatischen Waffe, die Gäste einer Pizzeria müssen sich in Sicherheit bringen.Bis am Dienstag verzeichnen die Brüsseler Behörden insgesamt sieben Schiessereien innerhalb von fünf Tagen. Sämtliche Vorfälle werden von den Behörden mit der Drogenkriminalität in Verbindung gebracht. Was ist los in Brüssel?Die Gewalt bricht RekordeSchon seit Jahren kämpft die belgische Hauptstadt gegen kriminelle Banden, die im Rauschgifthandel tätig sind und zum Teil miteinander rivalisieren. Besonders prekär ist die Lage im strukturschwachen Westen der Stadt mit einem hohen Anteil an Migranten, etwa in Anderlecht. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Drogenkriminalität vermehrt auch auf den wohlhabenderen Osten ausgebreitet. Während die Dealer immer jünger, das Kokain immer günstiger und die Gewalt immer roher werden, verlieren die Behörden zusehends die Kontrolle.Im Jahr 2025 kam es zu einer Rekordzahl von 101 Schiessereien, bei denen insgesamt acht Personen getötet und 43 verletzt wurden. In diesem Jahr sind die Zahlen ähnlich hoch: Bislang wurden 66 Schiessereien mit 25 Verletzten und zwei Toten zu verzeichnen.Längst beschäftigt die Drogenkriminalität in der Hauptstadt auch die nationale Politik. Der belgische Innenminister Bernard Quintin sagte am Donnerstagmorgen: «Der Kampf gegen die mit dem Drogenhandel verbundene organisierte Kriminalität ist ein nationaler Notstand.» Er kündigte an, die Polizeipräsenz in den betroffenen Vierteln zu verstärken. Es gelte, die Gebiete mit Polizisten zu «fluten».Bereits am Mittwochabend hatten sich Vertreter von nationalen und kommunalen Behörden zu einer Krisensitzung getroffen. Dabei wurde unter anderem beschlossen, 40 zusätzliche Polizisten in die betroffenen Gemeinden und Viertel zu entsenden sowie in den kommenden Tagen 20 mobile Kameras einzurichten. Ausserdem soll eine Koordinierungsstelle eingerichtet werden, um den Informationsfluss zwischen der Polizei, den Gemeinden und den regionalen Behörden zu verbessern.Protest angekündigtOb diese Massnahmen die gewünschte Wirkung zeigen werden, ist allerdings fraglich. Bereits vor der jüngsten Eskalation hatte das Innenministerium 77 zusätzliche Polizisten nach Brüssel entsandt und Geld für Überwachungskameras bereitgestellt. Ausserdem patrouilliert die Polizei seit dem Frühjahr gemeinsam mit Soldaten in Metrostationen und Bahnhöfen. Doch die Gesetzeslage lässt es derzeit nicht zu, dass die Armeeangehörigen von sich aus auch Festnahmen oder Durchsuchungen durchführen. Bisher hat keine der ergriffenen Massnahmen zu einem signifikanten Rückgang der Drogenkriminalität geführt.Deshalb denken die Behörden nun laut über deutlich schärfere Schritte nach: So wurden die Bürgermeister der Brüsseler Gemeinden in der Krisensitzung vom Mittwoch darauf hingewiesen, dass sie Ausgangssperren verhängen oder Zonen einrichten könnten, zu denen nur Anwohner Zugang haben.Solche Massnahmen würden allerdings nicht zuletzt die Bevölkerung einschränken, die ohnehin am meisten unter der Situation leidet. Viele verlieren die Geduld: Für Sonntag haben mehrere Organisationen zu einer Demonstration auf einem bekannten Drogenumschlagsplatz in Saint-Gilles aufgerufen. Doch die Dealer werden sich auch davon nicht vertreiben lassen.Passend zum Artikel
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Der belgische Innenminister spricht von einem «nationalen Notstand». Nun haben die Behörden neue Massnahmen im Kampf gegen den Drogenhandel angekündigt. Doch längst ist das Problem ausser Kontrolle geraten.












