Ein Blick nach links: Eine Holztreppe schlängelt sich in einer verlassenen Scheune nach oben. Sind das Blutspuren auf dem Wandgemälde? Ein Klick – und man bewegt sich auf die Treppe zu. Oben stößt man auf einen scheinbar leblosen Körper. Im Gegensatz zu einem echten Ermittler kann man sich dieser Situation entziehen: Man nimmt einfach die VR-Brille ab.Die Szene gehört zum Auftritt der hessischen Landespolizei auf der Videospielmesse Gamescom. Mit VR-Brillen versetzt sie Besucher in die Rolle eines Ermittlers, der an einem Tatort nach Spuren sucht. Auf rund 30 Quadratmetern teilt sich die hessische Polizei den Stand mit der bayerischen.Die Gamescom ist die größte Videospielmesse der Welt. Die Veranstalter erwarten mindestens 350.000 Besucher in den Kölner Messehallen. Sie testen neue Spiele, erkunden virtuelle Welten und treten gegeneinander an. Viele tragen Cosplay-Kostüme, andere schleppen übergroße Goodie-Bags über das Messegelände. Monitore flimmern, Mitmachangebote locken, aus jeder Ecke dringen Geräusche.IT Hessen lockt mit SpielautomatEtwas abseits des Trubels liegt die „Campus Area“. Sie ist weniger besucht als andere Hallen. Dennoch finden auf ihren Streifzügen über das Messegelände auch Gamer hierher. Dort wollen Arbeitgeber auf sich aufmerksam machen. Denn für Unternehmen ist das Gamescom-Publikum eine interessante Zielgruppe. Das gilt auch für die hessische Polizei. Die Besucher seien jung, häufig noch nicht auf einen Berufsweg festgelegt und IT-affin, sagt Murat Avci vom Polizeipräsidium Südhessen.Vertreter verschiedener Polizeiberufe berichten am Stand aus ihrem Alltag. Die Beamten tragen auch auf der Messe Pistole und Handschellen griffbereit am Gürtel. Der Auftritt soll möglichst authentisch sein. „Jede Person, der wir den Polizeiberuf näherbringen können, ist ein Gewinn“, sagt Avci. Einer von fünf Corporate Influencern ist während der fünf Messetage ebenfalls vor Ort. „Wir wollen Menschen ansprechen, die wir sonst eher nicht erreichen.“Polizisten sind an dem Stand und stehen für Gespräche zu Verfügung.Inga KlöberEin weiteres Angebot führt über einen QR-Code zum Quiz „Find your character“. Die Teilnehmer beantworten fünf Fragen – etwa dazu, was sie am liebsten am Wochenende tun. Je nach Antwort ordnet das Spiel sie einer Einheit zu: der Spezial-, der Einsatz- oder der Cybercrime-Einheit, der Schutzpolizei oder der Diensthundestaffel. Ihren „Loot“, in der Gamer-Sprache eine Belohnung, können sie anschließend im Gespräch am Messestand abholen.Die Polizei wirbt außerdem für den Studiengang Cyberkriminalistik. Viele Aufgaben der Polizei haben sich ins Digitale verlagert: Ermittler verfolgen Warenbetrug, spüren dem Ausspähen von Daten nach und gehen gegen Kryptobetrug vor. „Wir brauchen Spezialisten, die digitale Spuren suchen können“, sagt Avci.Behörde will attraktiver Arbeitgeber für Gamer seinDirekt schräg gegenüber klackert es im Sekundentakt. Am Stand der IT Hessen, die an das hessische Finanzministerium angedockt ist, steht ein Spielautomat, an dem die Besucher binnen 20 Sekunden so oft wie möglich auf einen roten Knopf drücken. Der Höchstwert liegt an diesem Mittwochnachmittag bei 193 Klicks.Mitmachangebot: Die IT Hessen will Besucher mit einem Spieleautomat an den Stand locken.Inga Klöber„So eine Spielerei braucht man auf der Messe auf jeden Fall“, sagt Maximilian von Künßberg, der den Stand mit einem Kollegen betreut. Das Spiel sei einfach, aber laut genug, um Gruppen anzuziehen, die rasch gegeneinander anträten. Der Automat entstand als Projekt dualer Studenten des Finanzamts Kassel. Künßberg ist dort für deren IT-Ausbildung zuständig. „Neben dem Spielen kommt man dann ins Gespräch“, sagt er.Worüber gesprochen wird? Über einen Vorteil, mit dem die Verwaltungsbehörde bei jungen Gamern punkten will: die Vorzüge des öffentlichen Dienstes. Einer davon: auch mal „afk“ zu sein, also „away from keyboard“, dank Gleitzeit und dem Erfassen von Überstunden. Das steht auf einem großen blauen Plakat neben dem Satz: „Dein Schild in stürmischen Zeiten: Öffentlicher Dienst = maximale Jobsicherheit“.„Wir wollen unsere Behörde als attraktiven Arbeitgeber für das Publikum präsentieren“, sagt Künßberg. Er kennt die Vorurteile über Behördenarbeit. Die IT Hessen nimmt sie auf Postkarten selbst aufs Korn: „Kommt auf Partys eher so mittel“ oder „Hmm, der Geruch von Akten“, jeweils untertitelt mit: „Arbeiten im Finanzamt“.„Was wir machen, würde man nicht von einem deutschen Amt erwarten“, sagt Künßberg. Das versuche er in den direkten Gesprächen zu erklären. „Unsere Zielgruppe und viele Menschen hier vor Ort haben eine Affinität zu Rechnern“, sagt er. Gamer und Softwareentwickler verbinde zudem ein weiteres Interesse: die Lust am Optimieren.Über QR-Codes gelangen die Besucher zum Stellenportal der IT Hessen. Der Erfolg des Auftritts lasse sich allerdings nicht allein daran messen, wie viele Mitarbeiter die Behörde nach der Gamescom einstelle, sagt Künßberg: „Wir sind hier auch präsent, um den Leuten zu zeigen, dass es uns gibt und dass das behördliche Steuerwesen digitaler wird.“Neben ihm brandet Jubel auf. Ein neuer Tagesrekord blinkt auf der analogen Anzeige: 206 Klicks in 20 Sekunden. Und auch bei dem virtuellen Tatort stellt sich für den Besucher am Ende ein Ergebnis heraus: Der Täter ist der Schwager des Opfers.
Gamescom: Hessische Polizei und IT Hessen werben um Nachwuchs
Tatort statt Tutorial, Cybercrime statt Controller: Auf der Gamescom zeigen Polizei und IT Hessen, wie digital ihre Arbeitswelt geworden ist – und suchen dabei neue Mitarbeiter.









