Der Kanzler sieht sich auf dem richtigen Weg. Er werde alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen, sagte er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Urlaub am vergangenen Wochenende im Hürtgenwald, wo zuvor schätzungsweise 300 bis 400 Hektar Wald abgebrannt waren. Leugner der Erderwärmung forderte er auf: „Schauen Sie sich genau an, was hier passiert ist. Wir müssen damit rechnen, dass wir häufiger solche Ereignisse haben. Das ist Klimawandel.“Doch neue Zahlen widersprechen dem Bild des „Klimakanzlers“. Eine erste Schätzung der Denkfabrik Agora Energiewende auf Basis vorläufiger Daten zeigt, dass die Treibhausgasemissionen im ersten Halbjahr trotz hoher Öl- und Gaspreise nur leicht gesunken sind, und zwar um sieben auf 327 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Das wären nur zwei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, geht aus der Analyse hervor, die der F.A.Z. exklusiv vorliegt. Sollte sich der Emissionsrückgang bis Ende des Jahres in diesem Tempo fortsetzen, werde Deutschland erstmals sein gesetzlich festgelegtes Klimaziel verfehlen, warnen die Autoren.Die Bundesregierung hatte in den Jahren 2021 bis 2024 stets die sektorspezifischen Klimaziele für Gebäude und Verkehr verfehlt; die Ampel-Regierung hatte sie daraufhin abgeschafft. Doch in Summe wurde das im Klimaschutzgesetz festgelegte Gesamtziel bisher immer eingehalten. In diesem Jahr droht Deutschland nun erstmals, die erlaubte Höchstmenge von 625 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten um zehn Millionen Tonnen zu verfehlen. Deutschland hat nach Angaben des Umweltbundesamtes seinen Ausstoß seit 1990 halbiert.Emissionen der Industrie sogar gestiegenIn der Energiewirtschaft sanken die Emissionen geringfügig um 0,3 Millionen Tonnen. Der Ausstoß der Industrie hängt weiterhin stark an der Konjunktur sowie der Nachfrage auf den Weltmärkten. Eine Produktionssteigerung der Eisen- und Stahlindustrie um neun Prozent führte zu einem spürbaren Emissionsanstieg, der den Ausstoß in anderen Branchen überkompensierte. In Summe stiegen die Emissionen in diesem Sektor um 0,6 Millionen Tonnen. „Elektrifizierungsfortschritte, eine grüne Grundstoffproduktion oder Effizienzsteigerungen gehen weiterhin zu langsam voran“, so der Befund von Agora.Positiv sei, dass sich der starke Anstieg im Wärmepumpenabsatz – im ersten Halbjahr waren 195.000 Stück verkauft worden, ein Rekord – inzwischen positiv in der Emissionsbilanz niederschlage. Trotz des vergleichsweise kalten Winters sei der Gasverbrauch in Gebäuden nahezu konstant geblieben. Die Autoren beschreiben zudem einen Rückgang im Absatz von leichtem Heizöl, der jedoch auf statistische Unschärfen zurückzuführen sein könnte. Insgesamt gingen die Emissionen im Gebäudesektor laut Schätzung um drei Millionen Tonnen zurück. Im Verkehrssektor betrug der Rückgang vier Millionen Tonnen, vor allem, weil Lastwagen weniger Diesel verbrauchten.Die Berechnungen decken sich mit einem Trend, den der unabhängige Expertenrat für Klimafragen schon Mitte Mai mit Blick auf die kommenden Jahre festgestellt hatte. Die Wissenschaftler hatten damals die Projektionsdaten des Umweltbundesamtes kritisiert und Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) eine Überarbeitung seines Klimaschutzprogramms empfohlen. Laut ihrem eigenen Prüfbericht wird der zulässige Ausstoß bis 2030 um 60 bis 100 Millionen Tonnen überschritten. Wenn der Expertenrat im kommenden Jahr abermals eine voraussichtliche Überschreitung des Emissionsbudgets feststellen sollte, müsste die Bundesregierung gemäß Klimaschutzgesetz nachsteuern.Greenpeace beziffert Schäden des HitzesommersWovor der Kanzler im Hürtgenwald sprach, davor warnen Wissenschaftler schon lange: Dass nämlich Hitzewellen, starke Niederschläge und Trockenheit infolge des Klimawandels in Häufigkeit und Intensität zunehmen werden. „Dafür ist die Evidenz inzwischen sehr robust“, sagt Sonia Seneviratne, Professorin für Land-Klimadynamik an der ETH Zürich. „Wenn wir nicht noch viel schlimmere Ereignisse sehen wollen als in diesem Sommer, ist es wichtig, die Emissionen auf null zu reduzieren. Nur so können wir unser Klima stabilisieren.“Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte am Montag die wirtschaftlichen Schäden, die Ernteausfälle, Waldbrände sowie extreme Hitze und Trockenheit in diesem Sommer verursacht haben, auf mindestens 36 Milliarden Euro taxiert. Das entspräche etwa 0,8 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Unter wirtschaftlichen Schäden versteht die Organisation unter anderem hitzebedingte Produktivitätsverluste in Büro und Schule, Produktionsausfälle, Schäden am Waldbestand, Belastungen der Landwirtschaft sowie die „gesundheitsökonomisch bewerteten Verluste an Lebensjahren“. Das Robert-Koch-Institut schätzt die hitzebedingten Sterbefälle laut Mitteilung vom Donnerstag auf 15.800.Maximilian Auffhammer, Professor für Agrar- und Ressourcenökonomik an der University of California, Berkeley, weist darauf hin, Zahlen zu wirtschaftlichen Einbußen wie die von Greenpeace nicht allzu wörtlich zu nehmen. Die genaue Höhe hänge stets davon ab, was als Schaden definiert wird, und dies unterscheide sich in klimawissenschaftlichen Studien oft stark – insbesondere, wenn es um erwartete Schäden in der Zukunft gehe. Und dennoch warnt er davor, nichts gegen den Klimawandel zu unternehmen, nur weil sich die erwarteten wirtschaftlichen Schäden nicht exakt beziffern ließen. „Wir müssen lernen, mit der Unsicherheit umzugehen und insbesondere das Risiko extremer, langfristiger Schäden zu verringern. Für die Rente legen wir ja auch Geld zurück, auch wenn wir nicht ganz sicher wissen, wieviel Geld genau wir im Alter einmal brauchen werden“, so der Wissenschaftler.Aus den Agora-Zahlen geht zudem hervor, dass die deutschen Verbraucher in den vier Monaten nach Beginn des Irankriegs insgesamt rund 7,4 Milliarden Euro mehr für fossile Energieimporte ausgegeben haben als zunächst erwartet. So lagen die Mehrkosten für den Import von Erdgas von Ende Februar bis Ende Juni bei 3,0 Milliarden Euro, obwohl die importierte Menge im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um elf Prozent zurückging. Der Energieträger kostet derzeit etwa 66 Euro je Megawattstunde, mehr als doppelt so viel wie vor dem Krieg.Für Rohöl betrugen die Zusatzkosten 4,4 Milliarden Euro, während die Importe um zwei Prozent zulegten. Rohöl wird derzeit für gut 86 Dollar je Barrel gehandelt, etwa 22 Prozent höher als Ende Februar. Während die höheren Rohölpreise direkt an den Zapfsäulen und beim privaten Heizölkauf durchschlugen, machen sich die höheren Gaspreise bislang nur in neuen Tarifen bemerkbar.Die gestiegenen Gaspreise sorgten auch für höhere Großhandelspreise auf dem Strommarkt, da Gaskraftwerke hier weiterhin regelmäßig den Preis setzen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stiegen sie um 27 Prozent. Die Preise der privaten Haushalte gingen hingegen zurück, weil sich der Bund inzwischen an den Übertragungsnetzentgelten beteiligt.
Deutschland droht erstmals Klimaziel zu verfehlen
Die Treibhausgasemissionen sind im ersten Halbjahr wohl nur um zwei Prozent gesunken. Tut die Bundesregierung genug, um den Klimawandel zurückzudrängen?












