PfadnavigationHomePanoramaErfahrungen einer Flugbegleiterin„Nach zwei Jahren als Privatjet-Stewardess habe ich den Glauben an die Männerwelt verloren“Von Anna SchemRedakteurin Nachrichten & GesellschaftStand: 12:28 UhrLesedauer: 8 MinutenLuxus von außen, harte Realität an Bord: Katharina Chiao-Li Fuchs bei einem ihrer EinsätzeQuelle: privatLuxusjets, Millionäre, hohes Gehalt? Von wegen. Die ehemalige Privatjet-Flugbegleiterin Katharina Chiao-Li Fuchs erzählt, wie viel sie wirklich verdiente – und was sie an Bord mit Präsidenten, Oligarchen und Sultanen erlebte.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenEinen Flug in einem Privatjet stellen sich viele glamourös vor. Was an Bord wirklich passiert, weiß Katharina Chiao-Li Fuchs. Die 37-jährige Berlinerin arbeitete zwei Jahre lang als Stewardess in Privatjets. Sie flog mit den Superreichen und stieß oft an ihre Grenzen. Im Interview spricht sie über gefährliche Einsätze, respektlose Passagiere – und wie viel sie als Luxus-Flugbegleiterin verdiente.WELT: Frau Fuchs, Sie arbeiteten für Luxuskundschaft auf Privatjets. Man stellt sich diese Arbeit sehr nobel vor, mit entsprechend hohem Gehalt.Katharina Chiao-Li Fuchs: Das denken viele, doch ich verdiente unterirdisch wenig. Nach allen Steuern und Abzügen blieben mir pro Monat etwa 1700 Euro übrig. Ganz selten kam es mal vor, dass ich Trinkgeld bekam. Das passierte in den zwei Jahren nur drei- oder viermal. Das Gehalt ist wirklich alles andere als luxuriös.WELT: 1700 Euro netto für einen Vollzeitjob – das verdient man vermutlich auch als Stewardess auf Linienflügen, oder?Fuchs: Genau, bei der Linie sind es die gleichen Gehälter. Außer man ist Chefflugbegleiter oder fliegt als Privatjet-Stewardess für einen „Owner“, also jemanden, der einen Jet besitzt.WELT: Warum wollten Sie dann in der Privatjetbranche arbeiten, wenn man bei der Linie gleich viel verdient?Fuchs: Ich hatte die Vorstellung, dass der Job glamourös ist und man spannende Menschen trifft. Außerdem wollte ich herumreisen und die Welt sehen. Doch am Ende muss ich sagen: Man lebt das Leben anderer Menschen und das eigene Leben zieht an einem vorbei. Ich unterschätzte völlig die Arbeitsbelastung – und die Passagiere. 90 Prozent der Privatjet-Gäste behandeln einen wie Dreck. Sie denken, sie stehen über allem, weil sie Geld haben. Am Ende der zwei Jahre hatte ich Angstzustände, in den Flieger zu steigen. In meinem ersten Jahr hatte ich 600 Flüge. Linienflugbegleiter machen 200 bis 300 Flüge.WELT: Inwiefern haben Sie die Arbeitsbelastung unterschätzt?Fuchs: Die Tage waren meist sehr lang, ich arbeitete acht bis zwölf Stunden, in Ausnahmefällen auch mal 13 bis 14 Stunden. Sieben oder acht Tage ging es so am Stück, danach hatte ich drei oder vier Tage frei. Teilweise kamen sechs Flüge am Tag zusammen. Im Sommer fühlte ich mich wie ein Taxi, ständig ging es nach Nizza, Moskau, Paris oder Saudi-Arabien. WELT: Welche Arbeit war für Sie besonders anstregend?Fuchs: Am schlimmsten waren die Nachtflüge, weil man die ganze Nacht abrufbar sein muss. Auf manchen Flügen war ich für bis zu 13 Personen zuständig. Die Piloten konnten sich zumindest beim Schlafen abwechseln, aber ich war immer alleine. Manchmal schlief ich auf dem Klappsitz ein, oder baute mir in der Bordküche mit Decken eine Art Nachtlager auf dem Boden, wo ich mich kurz hinlegte, während die Passagiere schliefen. Und auch wenn ich nicht flog, musste ich auf Abruf und 24/7 erreichbar sein. Denn sobald ein Flug verkauft wurde, musste ich direkt wieder los. Wenn man Glück hatte, konnte man einen Tag am Zielort bleiben. Es kam aber auch vor, dass ich gerade im Hotel eincheckte und mich hinlegte – und schon erhielt ich einen Anruf, dass wir wieder zurückfliegen müssen. In meinem ersten Jahr hatte ich 600 Flüge. Normale Linienflugbegleiter machen 200 bis 300 Flüge.WELT: Und haben vermutlich auch mehr Pausen zwischen den Flügen.Fuchs: Genau, bei Flügen über fünf Stunden haben sie oft zwei Tage frei. Doch in der „private aviation“ ist alles viel enger getaktet. Ich kam meist unheimlich gestresst nach der Arbeit im Hotelzimmer an. Mein Körper war müde, während mein Kopf noch so viel verarbeiten musste. Ich erlebte Extremsituationen mit Gästen, dazu die Eindrücke und die Arbeit an Bord. Um schlafen zu können, nahm ich Schlaftabletten. Und in diesem Rhythmus ging es sieben Tage durch.WELT: Was waren die Extremsituationen, die Sie mit Gästen erlebten?Fuchs: Mein schlimmster Flug war mit einer 13-köpfigen Familie. Sie hatten keinen Respekt vor mir, Essen und Verpackungen flogen einfach durch die Gegend. Irgendwann warf die Mutter ein Brotmesser nach mir, weil ihr der Service nicht schnell genug ging. Ich brach in Tränen aus.Ein neunjähriger verrichtete sein Geschäft auf dem Sitz – und die Mutter forderte mich auf, es wegzumachenWELT: Erlebten Sie oft, dass Gäste Sie so respektlos behandelten?Fuchs: Leider ja. Viele verhielten sich unterirdisch. Ich bekam kein „Bitte“ und kein „Danke“, nicht mal eine Begrüßung. Sie hatten keine Manieren und keinen Anstand – aber gleichzeitig Ansprüche. Einmal erlebte ich, dass ein neunjähriger Junge sein Geschäft auf dem Sitz verrichtete – und die Mutter forderte mich auf, es wegzumachen. Ich weigerte mich, also rief sie die Nanny. Das war wirklich traurig und ein offensichtlicher Schrei des Kindes nach Aufmerksamkeit. Mir fiel generell auf, dass die Eltern sich in den meisten Fällen kein bisschen für ihre Kinder interessierten. Dafür waren immer Nannys an Bord. Manchmal sogar mehr Nannys als Kinder.WELT: Die Flüge mit Kindern waren also besonders anstrengend?Fuchs: Ja. Die Kinder benahmen sich meist richtig schlimm. Einmal flog ich eine Gruppe zwölfjähriger Mädchen von Moskau nach Paris. Als ich ihr Essen abräumte, schmiss mir eine von ihnen eine Serviette ins Gesicht. Daraufhin sagte ich, dass ich den Service einstelle. Diese Mädchen waren Ausgeburten der Hölle. Dabei saß der Vater die ganze Zeit daneben und tat nichts. Darüber war ich wirklich schockiert.Lesen Sie auchWELT: Verzogene Kinder und respektlose Erwachsene – das klingt nach wirklich anstrengenden Gästen.Fuchs: Ja, und dazu kommen noch untreue Männer. Nach den zwei Jahren habe ich den Glauben an die Männerwelt verloren. Einmal flogen sie zusammen mit ihrer Familie und die Wochen darauf mit wechselnden Geliebten. Ein Präsident hatte seine „Dolmetscherin“ dabei, die ich später beim Sex erwischte. Ich weiß natürlich nicht, ob sie offene Ehen oder sonstige Arrangements hatten, doch die Männer waren durchweg untreu.WELT: Haben Sie auch mal sexuelle Belästigung an Bord erlebt?Fuchs: Ja, das erlebte ich leider oft. Ein Flug mit einem Präsidentensohn war besonders extrem. Er flirtete mit mir und fragte mich einige Male nach einem Date. Ich lehnte mehrmals ab. Plötzlich rief er mich erneut. Als ich die Tür öffnete, warf er mir einen Batzen Geld ins Gesicht und sagte, ich solle ihn daten. Wie kann man sich nur so benehmen? Ich ging weg und machte die Tür zu, doch er kam mir hinterher und trat gegen die Tür. Ich hatte wirklich Angst. Also lief ich zum Kapitän und schloss mich dort für den Rest des Fluges ein. Der Kapitän wies ihn dann zurecht.WELT: Sie arbeiteten immer alleine an Bord, das macht es als Frau natürlich nochmals gefährlicher.Fuchs: Ja, das stimmt. Ich wurde im Vorfeld auf diese Art von Situationen zwar geschult, hatte jedoch gehofft, dass mir so etwas nicht passieren würde. Im Rahmen unseres zweiwöchigen „Ground Trainings“ lernten wir über generelle Sicherheit, alles rund um Service, Catering oder Reinigung – und eben auch, wie man sich selbst verteidigt oder verhält, wenn ein Businessman einem an die Wäsche will.WELT: Traurig, dass Sie dieses Wissen anwenden mussten.Fuchs: Ja. Dabei saß der Assistent des Präsidentensohns den ganzen Flug über in der Ecke und sagte kein Wort.WELT: Haben Sie noch andere gefährliche Situationen erlebt?Fuchs: Ich erinnere mich an einen Flug, bei dem es sogar lebensbedrohlich hätte werden können. Ich begleitete zwei Sultane aus dem Nahen Osten zu einer brisanten Geldübergabe in ein afrikanisches Land. Im Briefing sagte man uns, dass es möglich sei, dass bei der Landung auf den Flieger geschossen wird. Das war einer der vielen Momente, in denen ich meine Berufswahl hinterfragte. Am Ende kam es zum Glück zu keiner Schießerei.WELT: Sie hatten erzählt, dass Sie am Ende Angstzustände hatten, in Flieger zu steigen. Wie hat sich die psychische und körperliche Belastung sonst auf ihr Leben ausgewirkt?Fuchs: Bei dem ständigen Jetlag und den kurzen Erholungsphasen war eine Schlaftablette manchmal die einzige Möglichkeit, überhaupt zur Ruhe zu kommen. Ich wusste ja oft, dass ich in wenigen Stunden schon wieder im Flieger stehen musste. Oft überkamen mich Angstzustände, wenn ich nur daran dachte, wie stressig der Flug wird. Selbst bei Privatreisen in den Urlaub wurde ich nervös, in den Flieger zu steigen. Ich wollte nur noch zu Hause bleiben.WELT: Fiel es Ihnen schwer, den Job aufzugeben?Fuchs: Nicht wirklich. Nach zwei Jahren hatte ich das Gefühl, genug gesehen und erlebt zu haben. Es war trotzdem eine aufregende und intensive Zeit. Ich erhielt Einblick in eine Welt, in die viele gern mal durchs Schlüsselloch schauen würden.WELT: Wie geht es Ihnen heute? In welchem Bereich arbeiten Sie?Fuchs: Nachdem ich 2021 als Stewardess aufhörte, fragte ich mich lange Zeit, was ich machen sollte. Ich studierte zuvor in Holland International Communication Management, doch ich wollte nicht in diesem Bereich arbeiten. Ich fragte mich, was mir wirklich Spaß machte – und das war Make-up. Also machte ich eine Ausbildung als Make-up-Artistin und bin heute selbstständig. Nebenbei arbeite ich als Model.WELT: Sind Sie in Ihrem Job glücklich?Fuchs: Ja, endlich! Ich bekomme die Wertschätzung und Dankbarkeit zurück, die mir als Stewardess oft gefehlt hat. Auch hier stehe ich manchmal bis zu 15 Stunden am Set, aber ich liege abends erfüllt und glücklich im Bett, weil ich diesen Job über alles liebe. Ich kann mich kreativ ausleben und bekomme unheimlich viel Lob und Anerkennung.
„Nach zwei Jahren als Privatjet-Stewardess habe ich den Glauben an Männerwelt verloren“ - WELT
Luxusjets, Millionäre, hohes Gehalt? Von wegen. Die ehemalige Privatjet-Flugbegleiterin Katharina Chiao-Li Fuchs erzählt, wie viel sie wirklich verdiente – und was sie an Bord mit Präsidenten, Oligarchen und Sultanen erlebte.







