Die Kohlköpfe fliegen von einem Arbeiter zum nächsten. Zunächst wirken die Aufnahmen aus Nordchina wie routinierte Verladearbeit. Doch dann zeigt sich, dass die Köpfe vor dem Aufladen kurz in eine Flüssigkeit getaucht werden. Die Lokalregierung hat inzwischen bestätigt, dass es sich um Formaldehyd handelt, einen als krebserregend eingestuften Stoff, der unter anderem in manchen Nagelhärtern verwendet wird. In der EU gelten für seinen Einsatz in Kosmetikprodukten strenge Regeln. Bereits ein kurzer Kontakt kann Haut und Atemwege reizen. Mitarbeiter vor Ort erklärten, das Eintauchen in eine Formaldehydlösung könne den Kohl „zwei bis drei Tage“ frisch halten.Die Aufnahmen wurden aufgenommen von einem Blogger in Hebei nördlich von Peking. Seit sie vor wenigen Tagen bekannt wurden, lösen die Bilder im ganzen Land eine Welle der Wut und Empörung aus. Der Skandal beschäftigt inzwischen auch das Büro für Lebensmittelsicherheit des Staatsrats und das Landwirtschaftsministerium. Lokalregierungen wurden angewiesen, den Sachverhalt zügig zu untersuchen, auch andere Gemüsearten sollen getestet werden.Dass der Fall innerhalb kürzester Zeit die oberste Führung beschäftigt, hat auch mit dem Kohl selbst zu tun. Er gilt als Nationalgemüse: kurz angebraten, für Suppen verwendet, fermentiert oder als Füllung für Teigtaschen serviert. Viele Chinesen dürften ihn mehrmals pro Woche essen. Und dann ist da noch die Symbolik: Das chinesische Wort „baicai“ klingt ähnlich wie die Glück verheißende Wortkombination für „hundertfachen Reichtum“. Kein Wunder also, dass Kohlköpfe im Land nicht nur auf Tellern, sondern auch in monumentaler Form zu finden sind, als Statuen. Manche Skulpturen sind bis zu 20 Meter hoch.Viele sehen ein Versagen der AufsichtsbehördenChina ist auch wichtiger Exporteur des Gemüses. Länder wie Südkorea versuchen unter Hochdruck herauszufinden, inwieweit auch bei ihnen betroffener Kohl gelandet sein könnte. In Deutschland stammt der Kohl in der Regel aus heimischem Anbau. Noch sei der Kohlpreis in China stabil, berichtet die China Daily.Bei einem Besuch auf einem Markt in Ostchina wollten sich Händlerinnen am Dienstag nicht zu dem Skandal äußern. Ein Kunde zeigte sich besorgt: Er wolle zwar weiterhin Kohl essen, künftig aber vorsichtiger sein. Die Marktaufsichtsbehörde der betroffenen Region teilte mit, dass die Kohlköpfe in die Provinzen Anhui und Jiangsu gelangt seien. Wie viele Betriebe betroffen sind, ist noch völlig offen.Der aktuelle Fall ist keineswegs der erste dieser Art: Bereits 2012 wurden bei Händlern große Mengen belasteter Kohl entdeckt. Formaldehyd steht in China seit 2008 auf der Liste verbotener Zusatzstoffe, wird aber nicht routinemäßig getestet. Ein Regierungsvertreter erklärte gegenüber The Paper, es sei nicht möglich, auf alle verbotenen Stoffe zu testen.Es ist der nächste Fall in einer scheinbar nicht abreißenden Serie von Lebensmittelskandalen. Seit Jahrzehnten versuchen die chinesischen Aufsichtsbehörden, gegen solche Missstände vorzugehen. Doch Preisdruck und vielerorts lückenhafte Kontrollen schaffen offenbar weiterhin Anreize, Sicherheitsvorschriften zu umgehen. In Xiamen haben die Behörden in dieser Woche eine Desinfektionsfirma geschlossen und eine Untersuchung eingeleitet. Mutmaßlich um Kosten zu sparen, soll das Unternehmen Dutzende Restaurantketten routinemäßig mit Dichlorvos gereinigt haben, einem hochgiftigen Pestizid.In den sozialen Medien ist die Wut groß, viele sehen ein Versagen der Aufsichtsbehörden. Ein Nutzer verfasste ein Gedicht, in dem er die jüngsten Lebensmittelskandale aufzählte: mit Formaldehyd behandelten Kohl, chemisch behandelte Yangmei-Beeren im Mai, den Einsatz nicht zugelassener Betäubungsmittel beim Transport lebender Fische im März und die Probleme beim Transport von Speiseöl im Jahr 2024. Damals war bekannt geworden, dass Tankwagen zunächst chemische Flüssigkeiten und anschließend – ohne gereinigt zu werden – Speiseöl transportierten. Bitter endet das Gedicht: „Allein über die Mittel, die unterwegs aus Kostengründen zugesetzt werden, könnte man ein Jahr lang jeden Tag einen neuen Fall schreiben.“