Fast 16 Milliarden Euro. So viel wie nie haben die in Deutschland beheimateten Chemie- und Pharmaunternehmen im vergangenen Jahr in Forschung und Entwicklung (F&E) investiert. Die Zahl allerdings verschleiere nach Ansicht des Branchenverbands VCI den Blick auf die Realität. Tatsächlich sei das Wachstum fast vollständig von der Inflation getrieben, die Chemieindustrie habe ihre Forschungsaufwendungen zurückgefahren, die Pharmaindustrie vergebe immer mehr Forschungsaufträge ins Ausland, sagte der VCI-Forschungsverantwortliche Thomas Wessel am Mittwoch.Für Wessel, im Hauptberuf Vorstandsmitglied des Chemiekonzerns Evonik, wird es in naher Zukunft nicht besser. Im Gegenteil: Bei einer Befragung unter Mitgliedsunternehmen habe die Mehrheit – 29 Prozent – angegeben, dieses Jahr weniger Geld für Forschung und Entwicklung auszugeben, auch große Unternehmen wollten die Budgets kürzen.China prescht vorDie Investitionszurückhaltung betrifft nach Darstellung des VCI vor allem den heimischen Standort. Andere Regionen preschen voran, Deutschland fällt im internationalen Vergleich zurück. So habe sich die Zahl der Patente in der Chemie- und Pharmabranche auf der Welt seit 2010 nahezu vervierfacht. Der Anteil der deutschen Unternehmen daran habe sich seit 2010 auf 7,6 Prozent hingegen fast halbiert. China habe Japan und Deutschland überholt und liege jetzt nach den Vereinigten Staaten auf Rang zwei.Dabei, so Wessel, scheuten die Unternehmen in Deutschland keine Risiken, sie seien bestrebt, sich aus der aktuellen Krise „heraus zu innovieren“. Das Potential dafür sei da, „nur nicht unbedingt am Standort Deutschland“. Die Pläne für F&E-Ausgabe im Ausland fielen deutlich positiver aus. „Anderswo sind die Rahmenbedingungen besser.“Lücke zwischen Anspruch und WirklichkeitDabei fehlt es nach Darstellung des VCI nicht an Initiativen, Ankündigungen und Willensbekunden aufseiten der Politik. Die Europäische Kommission hatte im Sommer 2025 einen Aktionsplan für die chemische Industrie angekündigt, die Bundesregierung in diesem März eine nationale Chemie-Agenda verabschiedet. Die vor gut einem Jahr beschlossene Hightech-Agenda war gerade wieder prominentes Thema auf der Kabinettsklausur in Schloss Neuhardenberg. Allein, der versprochene Abbau von Bürokratie und die Beschleunigung von Innovationen aus der Forschung lassen auf sich warten. Die Praxis sieht nach Darstellung des VCI an vielen Stellen grau aus. Es fehle an Integration und Koordination.Erfolgreiche Länder hingegen sehen nach Wessels Worten Forschung, Entwicklung, Produktion und Standort „längst als Einheit“. In Japan und Südkorea würde Forschung national gesteuert, in den USA solle ein Biotechnologie-Koordinierungsbüro beim Präsidenten angesiedelt werden. Allen voran China gehe die Forschung strategisch an und verzahne Forschung, Produktion, neue Materialien und neue Technologien systematisch im neuen Fünfjahresplan. „China kleckert nicht, es klotzt.“Deutschland falle trotz vieler Initiativen und Bekundungen zurück. Der VCI verweist auf Bürokratie, einen Mangel an Wachstumskapital, die fehlende auch finanzielle Unterstützung beim Hochfahren (Skalieren) von riskanten Innovationen. Explizit kritisiert der VCI auch die von der Bundesregierung beschlossenen Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen als „massive Schwächung des Standorts“ – obwohl sie keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Forschung haben. Mit Blick auf eingeforderte Herstellerrabatte bei Medikamenten hatten die Pharmakonzerne Eli Lilly und Boehringer Ingelheim dennoch angekündigt, Investitionen in Deutschland zurückzufahren.Als ein Beispiel für die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit nannte der VCI den von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) Anfang Juli kurzfristig ausgerufenen Antragstopp für das „Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand“. Das Ministerium lässt mit Verweis auf begrenzte Haushaltsmittel derzeit keine Förderanträge mehr zu. Dazu Wessel: „So schafft man kein Vertrauen.“Als weiteres Beispiel nannte VCI-Vertreterin Ulrike Zimmer den Umgang mit zwei laufenden „IPCEI-Projekten“ der EU: Wichtige Vorhaben von gemeinsamem europäischem Interesse also, für die die EU einen beihilferechtlichen Rahmen schaffen will. Deutschland hat sich nach Zimmers Darstellung aus den Verhandlungen über das Biotech-IPCEI zurückgezogen. Und sich an dem entsprechenden Projekt zur Förderung der Kreislaufwirtschaft (Circular Advanced Materials) nicht beteiligt.Der VCI fordert nun eine koordinierende Stelle im Kanzleramt. Sie soll die bestehende Chemie- und Hightech-Agenda mit einer künftigen Pharma- und Medizintechnikstrategie abstimmen und zu einer schlüssigen strategischen Architektur verzahnen. Die Voraussetzungen seien eigentlich gut, Deutschland habe „einzigartige Trümpfe“ in der Hand: innovative Unternehmen, eine exzellente Forschungslandschaft und ein starkes industrielles Netz.