PfadnavigationHomekmpktArtikeltyp:MeinungErziehungMein Kind darf laut seinStand: 07:20 UhrLesedauer: 6 MinutenLaut und wild?Quelle: Getty Images/Teresa ShortRuhiges Kind gleich gutes Kind? Wer so denkt, erzieht seinen Nachwuchs zur Unsichtbarkeit. Unsere Autorin, selbst Mutter, macht es anders.„Sie ist so brav!“, „Oh, er ist so ruhig“ – Eltern bekommen meist dann ein besonderes pädagogisches Talent attestiert, wenn ihre Kinder in der Öffentlichkeit leise und angepasst erscheinen. Für Wutausbrüche und emotionale Extreme hat schließlich keiner Zeit und Nerven. Nicht wahr?Nach zwei Jahren als Mutter, zahlreichen Mama-Treffs, 17 Jahren als Tante und einer Kindheit mit kleiner Schwester und acht Jahren Altersunterschied, komme ich zu dem Schluss: Es ist in den meisten Fällen pures Glück, ob man ein Kind mit einem ruhigen Gemüt bekommen hat. Vielleicht erziehen manche Eltern auch so autoritär, dass ein Kleinkind ziemlich schnell verinnerlicht, dass es nicht erwünscht ist, Emotionen zu zeigen oder laut zu sein. Es bekommt dann nicht die Zuwendung, die eigentlich lebensnotwendig ist, und reagiert dementsprechend angepasst. Doch das kann schwerwiegende Folgen haben.Ein lautes Kind? Gott steh dir bei! Wenn man mit einem Kleinkind im Krippen- oder Kindergartenalter unterwegs ist, kann man viele Maßnahmen treffen, damit es in der Öffentlichkeit unauffällig bleibt: ein Pixie-Buch am Buggy, ein Schnuller, Getränke und Snacks. Doch manchmal lässt sich einfach nicht vermeiden, dass meine zweijährige Tochter in der Drogerie plötzlich auf so etwas wie einen Eiswürfel besteht – den ich überraschenderweise nicht dabei habe, weil ich nicht mit einer mobilen Eistonne durch die Gegend laufe. Das Ende vom Lied: Besagte Tochter befiehlt lautstark im Geschäft: „Eiswürfel jetzt!“ Ich als Mutter spüre natürlich die Aufmerksamkeit und Blicke der anderen. Es ist mir peinlich, mein Kind nicht im Griff zu haben. Ich versuche, zu trösten, meine Tochter zu beruhigen. Nichts hilft.Lesen Sie auchWährend ich schon viele Mütter beobachtet habe, die in dieser Situation rasch den Laden mitsamt Kind – und ohne Einkäufe – verlassen, maßregeln andere wiederum ihr Kind laut. So etwas würde mir nie in den Sinn kommen. Mein Kind darf laut sein und lernen, Emotionen regulieren zu können. Dazu gehört eben, sie einmal ausleben zu dürfen, und ja, auch in der Öffentlichkeit. Kinder müssen soziale Normen erst lernen. Durch Beobachten, durch Ausprobieren.Natürlich bleibe ich nicht tatenlos stehen, wenn mein Kind einen solchen Wutausbruch in der Drogerie durchmacht. Und ja, ich bin auch genervt von der Situation. Ich erkläre ihr, dass das eben jetzt nicht geht (auch, wenn ihr das nicht einleuchten wird, schließlich bin ich ihre Mama!). Meistens nehme ich sie auf den Arm, lasse sie noch ein wenig ausnölen, erledige aber meine Einkäufe weiter und beziehe sie bei der Produktauswahl mit ein. Wenig später ist das Eiswürfelthema vergessen. Das dauert durch die emotionale Zuwendung meistens nur ein paar Minuten. Für viele zu lange, und ich habe schon oft kopfschüttelnde Menschen gesehen, die mich dabei beobachtet haben.Kinder sind keine kleinen Erwachsenen! Ein anderes Beispiel: Wenn es im Supermarkt diese kleinen Kinder-Einkaufswägen gibt, schnappt sich meine Tochter nach einem kurzen Blick zu mir, der das Ganze absegnen soll, wie selbstverständlich einen. Sie mutiert dann kurzerhand zu einem Einkaufswagenrowdy im Miniformat. Sie rast durch die Gänge und packt ein, was sie kriegen kann. Würde ich sie nicht ermahnen und sagen: „Hey, du musst mit dem Wagen aufpassen, es gibt noch andere Leute im Laden“, würde sie sich ohne Rücksicht auf Verluste ausleben. Mein Satz hat zwar zur Folge, dass sie wesentlich vorsichtiger durch die Gänge streift, gleichzeitig ruft sie lauthals: „Achtung, andere Leute!“ Manche amüsiert das und sorgt für ein Grinsen. Bei anderen sehe ich aber, wie genervt sie sind. Für mich ist es jedoch wertvoller, dass meine Tochter ihre Selbstständigkeit erproben kann – solange sie niemanden dabei verletzt oder Waren beschädigt.Gleiches auf Reisen in der Bahn oder im Flugzeug: Sobald mein Kind einmal seine Emotionen lautstark äußert, ecke ich bei anderen Passagieren an. Ja, ich könnte sie ruhigstellen – mit Snacks, oder einer Folge einer Kinderserie auf dem Handy. Aber erstens wird man dafür ebenfalls oft verurteilt. Zweitens kann das, wendet man diese Problemlösung dauerhaft an, schwerwiegende Entwicklungsschäden für Kinder haben. Lange Bildschirmzeit in jungen Jahren kann Studien zufolge Sprachverzögerung, Probleme mit der Impulskontrolle und Konzentrationsschwächen verursachen. Die Kinder mögen zwar ruhig sein. Frei entwickeln können sie sich aber nicht.Ruhige Kinder = passive Erwachsene Wer sein Kind ständig maßregelt, bringt ihm im Grunde bei: Sei ruhig und gehorche, dann bist du gut! Wie soll es denn so später zu einem selbstständigen Individuum heranwachsen, das bereit ist, eigene Ideen umzusetzen, vielleicht sogar ein Unternehmen zu gründen, Meinungen zu äußern, auch wenn sie nicht direkt auf Zustimmung treffen? Häufig wird Sichtbarkeit von typischem Kindesverhalten im öffentlichen Raum mit Scham verknüpft.Bei kleinen Jungs wird das eher belustigt und als kleiner Krawallmacher oder Rabauke abgetan. Bei Mädchen hingegen gilt das schneller als „zickig“ oder „kompliziert“. Ich selbst war als Kleinkind sehr emotional und reagierte heftig auf gefühlte Ungerechtigkeiten. Ich weiß, meine Eltern meinten das nicht böse, aber sie nannten mich häufig „hysterisch“. Das muss man sich mal vorstellen – kleine Mädchen im Vorschulalter werden mit Attributen bezeichnet, die, so wissen wir mittlerweile, historisch primär dazu benutzt wurden, um Frauen zu degradieren.Ich musste bei solchen Wutanfällen häufig in mein Zimmer und durfte erst raus, wenn ich mich wieder beruhigt hatte. In der Öffentlichkeit wurde ich zur Stille ermahnt und bekam auch das „Psst“ zu hören. Ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf – andere Zeiten, andere Erziehungsmethoden. Die Emotionen zu unterdrücken, war allerdings schwer und führte dazu, dass es mir lange Zeit schwerfiel, für meine Bedürfnisse einzustehen und nicht jedem gefallen zu wollen.Natürlich sollten und müssen Kinder begreifen, wie sie sich in einem Restaurant, in der Bahn oder an der Supermarktkasse zu verhalten haben. Aber das schafft man nicht, indem man seinen Nachwuchs wie Angestellte behandelt, die kuschen sollen, wenn man sie ermahnt. Laut zu lachen, auch mal laut zu weinen, sich lauthals zu freuen oder Geschichten zu erzählen, gehört zum Leben dazu – und meine Tochter darf all das.In der australischen Zeichentrickserie „Bluey“ gibt es eine lehrreiche Szene: Bluey, sechs Jahre alt, sitzt mit ihrer Schwester und den Eltern gemeinsam im Restaurant. Die Mutter verlangt die Rechnung. Daraufhin singt Bluey lauthals: „Oh, wir hätten gern die Reeechnuuuung“ – woraufhin ihr Vater ihr nur sagt: „Bluey, nicht so laut“ (im englischen Original charmant als „inside voice“, also „Drinnenstimme“). Bluey wiederholt leiser: „Oh, wir hätten gern die Rechnung.“ Kindgerecht wurde dem Kind sozial erwünschtes Verhalten zwar vermittelt, aber es bekam nie das Gefühl, gerade etwas Peinliches getan zu haben. Es durfte sich ausprobieren und sogar im zweiten Anlauf den Satz singen, wenngleich auch leiser. Das sollte mehr Eltern ein Beispiel sein.Es gehört zum Leben dazu, Persönlichkeit entfalten zu dürfen, Stimmungen zu zeigen – bei kleinen Kindern sind die eben heftiger als bei Erwachsenen, die bereits Erfahrungen sammeln konnten. Wer das bei kleinen Kindern unterbindet, muss sich später nicht wundern, wenn die junge Generation eher passiv daherkommt, nur noch selten Verantwortung übernehmen will oder wenig präsent in der Gesellschaft wirkt.Sabine Winkler berichtet als freie Autorin für WELT regelmäßig über Familienthemen, Reisen und Popkultur. Zweimal im Monat erscheint montags ihr Newsletter „Läuft bei uns – der Familien-Newsletter“, in dem sie über ihr Leben als Mama schreibt.
Kindererziehung: Mein Kind darf laut sein - WELT
Immer häufiger gewinnt man den Eindruck, ein ruhiges Kind sei das Ideal. Doch wir erziehen Kinder so zur Unsichtbarkeit – und wundern uns später, warum Erwachsene keinen Raum einnehmen.






