Der andere BlickNachfolge Steinmeiers: Das Amt des Bundespräsidenten sollte kein Bollwerk gegen rechts seinNiemand kann die polarisierte Bundesrepublik im Alleingang versöhnen. Sie nicht weiter von der Spitze her zu spalten wäre schon genug.27.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenEhemalige Bundespräsidenten unter sich: Horst Köhler (2004–2010), Richard von Weizsäcker (1984–1994), Walter Scheel (1974–1979) und Roman Herzog (1994–1999) posieren 2010 anlässlich des 90. Geburtstags von Weizsäckers.Tobias Schwarz / ReutersDas Amt des deutschen Bundespräsidenten ist für seinen Inhaber voller Zumutungen. Die Möglichkeiten sind gering, die Erwartungen aber hoch. Zu hoch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Einerseits ist er nur eine Art Staatsnotar, der Gesetze gegenzeichnet. Andererseits soll er ein ganzes Land inspirieren und einen. Er soll etwas zu sagen haben, was aber wiederum nicht einfach seine Meinung ist. Er soll mutige Ruckreden halten, muss aber damit leben, wenn die Öffentlichkeit diese verreisst. Der ehrbare Horst Köhler wollte das nicht mitmachen und trat vor der Zeit zurück.Als wäre eine solche Persönlichkeit zu finden nicht schon schwer genug, kommen jetzt weitere Kriterien hinzu. Eines davon ist schlecht, das andere schlechter.Das Geschlecht sollte nicht entscheidend seinGeht es nach den deutschen Sozialdemokraten, soll der Nachfolger des Amtsinhabers Frank-Walter Steinmeier erstmals eine Frau sein. Das Geschlecht zur wichtigsten Qualifikation zu erklären, ist aber nie eine gute Idee, jedenfalls nicht in einer Gesellschaft, die auf persönliches Verdienst setzt. Nach sechzehn Jahren weiblicher Kanzlerschaft kann zudem nur die verzweifelte SPD glauben, damit eine imaginierte gläserne Decke zu durchbrechen.Den Ausschlag dürfte dieses Mal aber etwas anderes geben: Der nächste Bundespräsident soll dem Vernehmen nach jemand sein, der es mit der erstarkenden AfD aufnehmen kann, der gleichsam als oberster Gladiator mit der Rechtspartei in den Nahkampf geht.Sollte im September die AfD erstmals in einem Bundesland regieren, dürfte dies über die Kandidatenauswahl entscheiden.Das oberste Amt im Staat zu einer Art Bollwerk gegen die AfD umzufunktionieren, ist aber eine noch schlechtere Idee als die, vor allem auf das Geschlecht zu schauen. Sie hat schon unter Steinmeier nicht funktioniert. Vor Totalitarismus muss der Bundespräsident ohne Frage warnen, vor demokratischem Wandel, und wäre er populistisch, nicht.Der Sozialdemokrat tauschte die Überparteilichkeit des Amtes ein gegen parteipolitische Stellungnahmen. Zwar nannte er die Partei meist nicht beim Namen, doch lag auf der Hand, wen er meinte, wenn er gegen Populismus zu Felde zog. Steinmeier mag persönlich davon überzeugt sein, dem vom Grundgesetz verfassten Staat so am besten zu dienen.Für Teile der Bevölkerung freilich wurde er verständlicherweise zum Gesicht eines Establishments, das den Staat und seine Institutionen gegen den erklärten Wählerwillen in Stellung bringt.Diese schiefe Ebene beschritt schon sein parteiloser Vorgänger Joachim Gauck. Der zu Wendezeiten politisch aktive evangelische Pfarrer teilte Deutschland im Flüchtlingsjahr 2015 in helle und dunkle Teile ein – und half damit ausgerechnet als Ostdeutscher, den Graben auszuheben, der zwischen den alten und den neuen Bundesländern verläuft. Anders als sein Nachfolger gab sich Gauck im Amt immerhin weniger aktivistisch.Die Briten fuhren gut mit der QueenDaran anzuknüpfen, wäre dem künftigen Staatsoberhaupt anzuraten. Denn schon jetzt kann man sagen, dass die Bundesrepublik auf Jahre hinaus polarisiert bleiben wird. Sie teilt damit das Schicksal der USA und anderer westlicher Staaten. Von links begonnene Kulturkämpfe werden rechts aufgenommen und nicht selten verschärft und lassen die etablierten Kräfte der Mitte ratlos zurück.In diesem Klima sollte wenigstens der Staatschef kein weiteres Öl ins Feuer giessen und sich auf Appelle bürgerlichen Miteinanders beschränken. Die Briten fuhren mit der absolut überparteilichen Queen jahrzehntelang gut.Doch auch wenn der nächste Staatschef wider Erwarten aktiv auf Versöhnung setzte, wird er eine unmögliche Aufgabe übernehmen. Kein Bundespräsident kann sein Land im Alleingang befrieden. Allenfalls kann er versuchen, die Fehler seiner Vorgänger zu vermeiden und seinen Amtssitz zu einem Ort lagerübergreifenden Dialogs zu machen.In Zeiten, in denen AfD-Vertretern im Bundestag der Handschlag verweigert wird und diese wiederum die Gegenseite in ihren Reden verächtlich machen, ist er auf den guten Willen aller Seiten angewiesen. Und der ist in polarisierten Zeiten ein rares Gut.Passend zum Artikel
Nachfolge Steinmeier: Die Deutschen erwarten zu viel von ihren Bundespräsidenten
Niemand kann die polarisierte Bundesrepublik im Alleingang versöhnen. Sie nicht weiter von der Spitze her zu spalten wäre schon genug.







