Zwischen Fischfangquoten und Finanzstabilität: Island stimmt über die Wiederaufnahme der EU-Beitritts-Verhandlungen abBefürworter einer Anbindung an die EU erhoffen sich wirtschaftliche Stabilität und Sicherheit in einer unsicheren Welt. Referendumsgegner sehen Islands Souveränität in Gefahr. Umfragen prognostizieren ein knappes Resultat.Ingrid Meissl Årebo, Stockholm27.08.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«EU nein Danke»: In Island werden auch Siloballen als Wahlplakate genutzt.Marco Di Marco / APDas isländische Stimmvolk trifft am Samstag eine wichtige Entscheidung: «Sollte Island die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union wieder aufnehmen?», steht auf dem Abstimmungszettel. Ein allfälliges Ja zu dieser Frage ist kein Ja zum Beitritt. Die Isländerinnen und Isländer würden nach erfolgreichen Verhandlungen in einem zweiten Referendum definitiv über einen EU-Beitritt befinden müssen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Atlantikinsel hatte die Beitrittsverhandlungen 2013 nach rund drei Jahren und einem Regierungswechsel einseitig auf Eis gelegt; 2015 bat sie Brüssel offiziell, Island von der Liste der Beitrittskandidaten zu streichen. Dass die EU-Frage nun wieder aufs Tapet kommt, ist ebenfalls die Folge eines Machtwechsels. Die seit Ende 2024 amtierende Ministerpräsidentin Kristrun Frostadottir hatte vor, 2027 Luft in den Beitrittsprozess zu blasen. Dass das Referendum ein Jahr früher kommt, hat mehrere Gründe.Trumps Blick auf Grönland hat die Einschätzung verändertEiner davon ist die Absicht des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Grönland mit allen Mitteln unter seine Kontrolle zu bringen. Dass er Grönland dabei wiederholt mit Island verwechselte und dass der designierte amerikanische Botschafter seinen künftigen Arbeitsort scherzhaft als 52. Gliedstaat der USA bezeichnete, fand man in Reykjavik gar nicht lustig. Zweifel daran wuchsen, ob Island auf einen seiner wichtigsten Allianzpartner zählen kann. Island hat kein eigenes Militär, sondern verlässt sich auf Sicherheitsgarantien der Nato (zu deren Gründerstaaten es gehört) sowie auf ein Abkommen mit den USA, die bis 2006 eine Militärbasis auf der Insel unterhalten hatten.Angesichts der geopolitischen Verwerfungen sowie der angespannten Sicherheitslage in der Arktis sehen die EU-Befürworter eine Verankerung Islands in Europa als logischen Schritt. Die Referendumsgegner dagegen glauben nicht, dass die USA an Island interessiert seien, und vertrösten darauf, dass sich die Lage mit einem neuen Herrn im Weissen Haus entspannen werde.Die EU als Garant für finanzielle StabilitätDas zweite Argument der Ja-Seite ist die Hoffnung auf langfristige finanzielle Stabilität. Haushalte und Immobilienbesitzer ächzen unter einer steigenden Inflation und hohen Zinsen; die Zentralbank hat den Leitzins soeben auf 8 Prozent angehoben, die dritte Erhöhung seit März.Als Island 2009 die Segel auf EU-Kurs setzte, geschah dies vor dem Hintergrund der schweren Banken- und Schuldenkrise. Eine Ablösung der schwachen und volatilen isländischen Krone durch den Euro schien – und scheint – den EU-Befürwortern das Heilmittel zu sein. Gegner lassen dieses Argument nicht gelten. Sie verlangen von der Regierung vielmehr, die wirtschaftspolitische Verantwortung selbst zu tragen.Die knapp 400 000 Isländerinnen und Isländer sind in der EU-Frage gespalten. Eine Mehrheit der Bevölkerung will die 1944 erlangte Unabhängigkeit – nach 564 Jahren dänischer Vorherrschaft – nicht leichtfertig aufs Spiel setzen, um in einem Staatenverbund mit 450 Millionen Menschen aufzugehen. Die Atlantikinsel gehört international zu den absoluten Spitzenreitern in Sachen politische Stabilität und demokratische Entwicklung. Von Islands acht Parteien lehnen deren sechs einen EU-Beitritt ab oder stehen diesem skeptisch gegenüber. Zu den Europa-Turbos gehört Aussenministerin Katrin Gunnarsdottir; ihre liberale Reformpartei spaltete sich vor zehn Jahren von Islands dominierender Kraft, der konservativen Selbständigkeitspartei, ab, weil diese der EU-Annäherung ein Ende gesetzt hatte. Die Regierungschefin Frostadottir von der sozialdemokratischen Allianz gibt sich gemässigter. Die 38-Jährige versucht, ihre Landsleute davon zu überzeugen, dass ein Ja zu Verhandlungen am 29. August bloss ein Versuchsballon sei. Island wolle herausfinden, wie viel es aus den Verhandlungen mit der EU «herausschlagen» könne, bevor das Volk definitiv zur Beitrittsfrage Stellung nehme.Die Fischerei als KnackpunktAls Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) geniesst der Inselstaat die Freiheiten des europäischen Binnenmarkts, mit dem er den Grossteil seines Handels abwickelt; zudem gehört er zum Schengenraum. Die isländische Gesetzgebung ist zu rund drei Vierteln an EU-Recht angepasst.Grosser Knackpunkt der letzten Verhandlungen zwischen Reykjavik und Brüssel waren die Fischerei- und die Landwirtschaftspolitik, und sie werden es bei einem Ja am Samstag wieder sein. Der Fischfang war während Jahrhunderten Islands wichtigster Wirtschaftszweig und trägt heute noch ein Achtel zur Wirtschaftsleistung bei. Island kontrolliert eine 200-Seemeilen-Zone, die zu den fischreichsten des Atlantiks gehört. Anreize hat Island nicht, sein bewährtes Managementsystem aufzugeben, sich der EU-Fischereipolitik zu beugen und in Brüssel über nachhaltigen Fischfang, gemeinsame Quoten und gegenseitigen Zugang zu Gewässern zu verhandeln.Fischverarbeitung in einer Fabrik in Grindavik. Der Fischfang ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Islands.James Brooks / APGespannte Blicke in Brüssel und NorwegenLaut Meinungsumfragen dürfte das Referendum äusserst knapp ausfallen, mit einem minimen Vorsprung der Ja-Seite. Das Resultat am Samstag wird nicht nur auf der Insel selbst mit Spannung erwartet, sondern auch in der EU. Ein Verhandlungswunsch des reichen Landes, dessen BIP pro Kopf zu den höchsten der Welt zählt, könnte den seit dreizehn Jahren stagnierenden Erweiterungsprozess wieder in Gang setzen. Ein isländisches Ja wäre ein Signal «für die wachsende Attraktivität der EU in einer Welt, die sich rasch verändert», sagte Marta Kos, die EU-Kommissarin für Erweiterung, gegenüber Reuters.Beitrittsgespräche könnten laut Kos innert ein bis zwei Jahren abgeschlossen werden. Sollte das Volk dem Beitritt danach zustimmen, könnte der Inselstaat laut Beobachtern zusammen mit Nordmazedonien zur EU stossen. Ein isländisches Nein am Samstag wäre dagegen Wasser auf die Mühlen der EU-Kritiker.Auch Norwegen verfolgt die neuerliche EU-Diskussion auf Island mit Spannung. Sollte sich das Efta-Mitglied für die EU entscheiden, bleiben die Norweger als einziges nordisches Land aussen vor. Obwohl das norwegische Volk einem möglichen Beitritt bereits zwei Abfuhren erteilt hat, haben weder die zwei grössten Parteien – die sozialdemokratische Arbeiterpartei und die konservative Höyre – noch grosse Teile der Wirtschaft den EU-Traum begraben. Nach den gescheiterten EU-Abstimmungen von 1972 und 1994 scheut sich die Politik jedoch davor, das Volk ein drittes Mal zum Beitritt zu befragen, solange die EU-Skepsis überwiegt.Passend zum Artikel
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Befürworter einer Anbindung an die EU erhoffen sich wirtschaftliche Stabilität und Sicherheit in einer unsicheren Welt. Referendumsgegner sehen Islands Souveränität in Gefahr. Umfragen prognostizieren ein knappes Resultat.










