Christina Block gibt es vor Gericht in Hamburg an diesem Mittwoch selbst zu: „Es ist schwierig zu beweisen, dass es etwas nicht gab.“ Das gelte erst recht, „wenn alle anderen darüber lügen“.Sie meint ein Treffen mit israelischen Männern am 28. Dezember 2023. Es hat laut diesen Männern, die als Angeklagte und Zeugen vor Gericht ausgesagt haben, mit Block im Hotel der Hamburger Familie – dem Grand Elysée – stattgefunden. Sie soll ihnen dort als Auftraggeberin viel Glück gewünscht haben. Viel Glück für die Entführung ihrer beiden jüngsten Kinder in der Silvesternacht 2023, die beim Vater in Dänemark leben, mit dem sie sich um das Sorgerecht streitet.Die Entführung gelang, die Kinder wurden in Dänemark in ein Auto gezerrt, gefesselt und geknebelt und nach Süddeutschland verschleppt. Block bestreitet, dass es das Treffen gab: „Es gibt keinen einzigen Sachbeweis.“ Outlook-Einladungen zu diesem und anderen Terminen hätten die Israelis vermutlich nachträglich erstellt, um sie zu belasten. Womöglich sei sie an diesem Tag im Hotel gewesen, um nach den Feiertagen Geschirr zurückzugeben.Die Angeklagte Block hat schon mehrmals in diesem Prozess geredet. Immer hat sie alle Vorwürfe gegen sich zurückgewiesen und anderen Vorwürfe gemacht: ihrem früheren Mann Stephan Hensel, dem Israeli David B., ihrer damaligen Vertrauten Keren T., den dänischen Behörden.Block korrigiert sich noch malSie hat etwas gelernt, wie ihre neue Einlassung am Dienstag und Mittwoch zeigt: Der Konjunktiv II der Vergangenheit ist eine praktische Zeitform. Im Nachhinein kann man viel darin ausdrücken, und kaum etwas lässt sich in Abrede stellen.Immer wenn Block sprach in den vergangenen Monaten, klang sie etwas anders als vorher. Als wäre ihre Aussage eine verderbliche Zwiebel, deren äußere Schichten man dann doch lieber entfernt. Immer ging es um die Frage, wer nun verantwortlich ist für die „Silvesteraktion“, wie sie die Entführung nennt. Vor Beginn des Prozesses beschuldigte sie – offenbar auf Anraten ihres damaligen Anwalts – ihre damals bereits verstorbene Mutter Christa Block. In ihrer ersten Einlassung nahm sie das zurück.Dann gab Block an, der Chef der Sicherheitsfirma Cyber Cupula, David B., und seine Mitarbeiter hätten die Kinder auf eigene Faust und ohne ihr Wissen geholt. Diese hätte sich aber eigentlich um die IT-Sicherheit für die Blocks kümmern sollen, dieses Thema sei auch der einzige Anlass ihres ersten Treffens mit ihm Anfang 2023 gewesen.Wieder im Zeugenstand: Christina BlockdpaNun, am 72. und 73. Verhandlungstag, korrigiert Block sich noch mal. Dieses erste Treffen mit David B. habe in einem Restaurant stattgefunden, nicht in einem Hotel, wie sie zuvor gesagt habe. Und es sei doch nicht nur um die Cybersicherheit ihres Familienunternehmens gegangen, sondern von Anfang an um die beiden Kinder, die nach einem Besuchswochenende im August 2021 gegen Blocks Willen beim Vater geblieben waren und seitdem bei ihm lebten.Nun unterstellt Block den Israelis ein konkretes Motiv„Ich habe lange überlegt, wie mir das passieren konnte“, sagt sie über die Fehler und Lücken in ihrer ursprünglichen Aussage. Sie habe das nicht mehr „präsent gehabt“. Auch eine für mehrere Wochen aktive Chatgruppe namens BKH (für „Bring Kids Home“) mit den Israelis im Frühjahr 2023 habe sie „komplett vergessen“.Was sich die Israelis davon erhofft haben sollen, ohne ihre Einwilligung zu handeln, dazu lieferte Block bislang nur vage Erklärungen. Nun, nachdem mehrere Israelis Block vor Gericht schwer belastet haben, unterstellt sie ihnen ein konkretes Motiv: Cyber Cupula habe sich Geschäfte in Deutschland erhofft, sagt Block.Auch David B. hatte vor Gericht bestätigt, dass er schon Geschäftsräume angemietet habe. Er sei davon ausgegangen, die „Silvesteraktion“ sei legal, sonst wäre das ja schädlich für seine Pläne gewesen. Der Druck von der Block-Familie, die Kinder zurückzuholen, sei hoch gewesen. Block sagt, mit B.s Mitarbeiterin Keren T. habe sie viel über den Sorgerechtsstreit gesprochen, mehrfach sei diese auch in ihrem Auftrag nach Dänemark gefahren, um Informationen über die Kinder zu sammeln.Cybersicherheitsaufträge für die Blockgruppe dagegen sollten eine „wichtige Referenz“ für neue potentielle Kunden von Cyper Cupula sein. David B.s Firma habe Ende Dezember 2023 in finanziellen Schwierigkeiten gesteckt. Doch die Verantwortlichen der Block-Dachgesellschaft lehnten einen größeren Auftrag ab. „Wenn B. die Sorge um die Kinder löste, könnte er sich doch empfehlen“, sagt Block. Möglicherweise hätte ihr Vater Eugen Block ihn dann doch aus Verbundenheit engagiert.Block: „Ich hätte darauf bestanden, mit vor Ort zu sein“Teils bleibt Block konsequent: „Ich wusste von nichts.“ Zwar habe sie David B. beauftragt, Informationen über die Kinder für den Kampf um das Sorgerecht zu sammeln, darum sei es auch in dem BKH-Chat gegangen. Es sei aber immer nur diskutiert worden, wie man die Kinder sicher und „auf sanfte Weise“ zurückholen könnte: „Keine Gewalt, das war sowieso klar. Wie könnte ich als Mutter irgendetwas anderes wollen?“ Sie sei immer für eine rechtskonforme Lösung gewesen. Block bricht die Stimme weg, wenn sie darüber spricht, dass sie ihre Kinder liebe und sehr vermisse.Die Israelis hatten vor Gericht bekräftigt, Block habe nicht gewusst, wann genau sie die Kinder holen würden und dass auch sie die Kinder eigentlich ohne Gewalt zurückbringen wollten. Nun, nach hunderten Stunden Prozess, erklärt Block dem Gericht trotzdem genau, wie sie die „Silvesteraktion“ angestellt hätte, hätte sie davon gewusst.„Ich hätte darauf bestanden, mit vor Ort zu sein“, sagt sie. Sie hätte nicht gelassen eine Gala im Elysée vorbereitet und dort Silvester gefeiert. Sie hätte die dänische Polizei informiert. Sie hätte vorab mit den beteiligten Personen sprechen wollen, um herauszufinden, ob sie ein gutes Gefühl habe. Sie hätte nicht erlaubt, dass irgendjemand bei der Aktion Masken trug. „Nie im Leben hätte mir einfach so ein Treffen von wenigen Minuten gereicht.“ Wahrscheinlich hätte sie einen vertrauten Ort für das Wiedersehen organisiert, keine ihr unbekannte Farm bei Pforzheim. Sie hätte einen „offiziellen Auftrag“ für die Helfer geschrieben, sie hätte die Rechnung „offiziell“ bezahlt.Konjunktiv II der Vergangenheit ist eine praktische Zeitform. Bezahlt hat Block David B. laut eigener Aussage zweimal. Jeweils 9000 Euro habe sie ihm gegeben, einmal für die Informationen über die Kinder, einmal für Spesen, etwa die Fahrten nach Dänemark. Einen offiziellen Auftrag und eine offizielle Rechnung erwähnt sie dabei nicht.
Christina Block vor Gericht: Wusste sie von der Entführung?
Kurz vor Prozessende äußert sich Christina Block abermals vor Gericht – und beschreibt nun detailliert, warum sie mit der Entführung ihrer Kinder gar nichts zu tun haben könne. Bleibt die Frage: Wieso erst jetzt?













