„Es gibt zwei Arten von Unternehmen: die, die gehackt worden sind, und die, die es noch nicht wissen.“ So fasste der Präsident des IT-Branchenverbandes Bitkom, Ralf Wintergerst, die aktuelle Sicherheitslage deutscher Firmen zusammen. Wintergerst hat am Mittwoch in Berlin zusammen mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz eine Studie zum Thema Cyberangriffe und Industriespionage vorgestellt.96 Prozent der deutschen Unternehmen waren, so ein Ergebnis, in den vergangenen zwölf Monaten von Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage betroffen beziehungsweise vermuten dies. Am häufigsten waren dies digitale Angriffe wie Cyberattacken. Bei ihnen handelte es sich meist nicht um isolierte Einzelangriffe, sondern um breit angelegte Kampagnen. Das sei eine beunruhigende Entwicklung, sagte Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen.Die Schadenssumme lasse sich allerdings im Gegensatz zu den Vorjahren nicht eindeutig beziffern. Der Grund: Nur 67 Prozent der Unternehmen könnten sicher sagen, dass sie Opfer eines Angriffs geworden sind. Wohl auch deshalb ist die Schadenssumme mit mindestens 211 Milliarden Euro diesmal geringer als in den Jahren zuvor. 2025 waren es rund 289 Milliarden Euro gewesen. In die Schadenssumme eingerechnet sind unter anderem Kosten für Rechtsstreitigkeiten, Erpressung und Umsatzeinbußen. Die Studie geht von einer Dunkelziffer mit einer Gesamtschadenssumme von bis zu 270 Milliarden Euro aus, was dem Niveau der Vorjahre entspräche.Angriffe zu erkennen, falle wegen der zunehmenden Professionalisierung der Kriminellen immer schwerer, so die Studie. Ihnen spielen künstliche Intelligenz, Deepfakes, automatisierte Telefonanrufe oder Phishing-Mails in die Hände. Verfassungsschutzpräsident Selen spricht von einem „KI-Booster“ für Bedrohungsangriffe auf Unternehmen.Ausländische Geheimdienste häufig aktivDie Angriffe gingen demnach neben denen der organisierten Kriminalität häufig auf ausländische Geheimdienste zurück. Mehr als jedes dritte betroffene Unternehmen (37 Prozent) konnte in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einen Angriff einem ausländischen Nachrichtendienst zuordnen. Der Anteil der Angriffe, die staatlichen Akteuren zugerechnet werden, ist damit deutlich gestiegen: Im Vorjahr lag der Wert bei 28 Prozent. Mehr als die Hälfte der sicher betroffenen Unternehmen (52 Prozent) konnte mindestens einen Angriff nach China zurückverfolgen, dahinter folgt Russland mit 49 Prozent. Mit Iran sei nun ein weiterer Akteur in das Feld der Wirtschaftskriminalität vorgedrungen. Während im vergangenen Jahr vier Prozent der Angriffe dem Land hätten zugeordnet werden können, seien es 2026 bereits neun Prozent.Die Mehrheit der deutschen Unternehmen rechnet mit einer weiteren Zunahme der Angriffe, zugleich sind sie jedoch schlechter darauf vorbereitet, ihre Ausgaben für IT-Sicherheit stagnieren. Nach Einschätzung von Bitkom-Präsident Wintergerst wiegen sich die Unternehmen damit in trügerischer Sicherheit. „Ein erfolgreicher Cyberangriff kann für Unternehmen nach wie vor das wirtschaftliche Aus bedeuten“, warnt er.Ist ein Angriff erfolgt, werden Unternehmen inzwischen in der Hälfte der Fälle von Behörden darauf hingewiesen. Die Zusammenarbeit zwischen den Institutionen habe sich spürbar verbessert, so Verfassungsschutzpräsident Selen. So hat zuletzt das Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen seine Arbeit aufgenommen. Das reiche jedoch weiterhin nicht aus. „Wir müssen vor die Welle der Angriffe kommen“, fordert Selen. Die Verantwortung dafür sieht er auch bei den Unternehmen: Sie müssten ihre Sicherheitsvorkehrungen entsprechend nachrüsten.
Bitkom-Studie: Jeder dritte Cyberangriff geht auf Geheimdienste zurück
Industriespionage, Datendiebstahl und Sabotage kosten deutsche Unternehmen jedes Jahr Milliarden Euro. Vor allem Attacken staatlicher Akteure haben zugenommen.











