PfadnavigationHomeGeschichteMittelalterarchäologieWarum verließen die Einwohner von Kühlingen ihr Dorf so geordnet?Von Antonia KleikampStand: 15:04 UhrLesedauer: 3 MinutenAus der Luft klar erkennbar sind die Umrisse mittelalterlicher Grubenhäuser am „Frevelgraben“ östlich von HalberstadtQuelle: Klaus Bentele/Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-AnhaltWenige Funde sind auch ein Indiz: Bei Halberstadt wurde jetzt ein seit Jahrhunderten aufgegebenes Dorf entdeckt. Noch weiß man nicht, wann und weshalb die Siedlung dreieinhalb Kilometer östlich des berühmten gotischen Doms zur Wüstung wurde.GoogleKlicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.Jetzt aktivierenRätselhaft bleibt das Ende der Siedlung. Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt haben jetzt die Spuren eines verlassenen Ortes am historisch so genannten „Frevelgraben“ östlich von Halberstadt vorgestellt, die kürzlich gefunden wurden. Im Gegensatz zu den meisten anderen derartigen Ortswüstungen fehlt jedoch bisher jeder Hinweis auf den Grund für den Untergang: Weder wurde eine Brandschicht gefunden noch sonstige Indizien auf eine Zerstörung. Offenbar haben die letzten Bewohner den Ort irgendwann aus freien Stücken verlassen. Nur: Warum? Möglicherweise wird eine Datierung mittels Radiocarbonanalyse gefundener Tierknochen Aufschluss geben. Sicher ist bisher nur, dass es sich um eine Siedlung aus dem Mittelalter handelt. Sie liegt östlich der Kreisstadt im Harzvorland, auf einem Feld, das ostwärts von der Bundesstraße B 79 begrenzt wird, etwa dreieinhalb Kilometer vom berühmten Halberstädter Dom entfernt. Im Zuge der Erschließung von Flächen für ein geplantes Industriegebiet Ost für die knapp 38.000 Einwohner zählende Stadt konnte durch geophysikalische Messungen die mittelalterliche Siedlung identifiziert werden.Offensichtlich handelt es sich um ein archäologisch hochbedeutendes Areal. Über Jahrhunderte siedelten hier Menschen und bestatteten ihre Toten. Erkennbar sind Teile einer mehrgliedrigen grabenartigen Umfassung und zahlreiche archäologische Spuren im Innenbereich dieser Umfassung, darunter mehrere in Reihen angelegte Grubenhäuser und zwei Brunnen. Seit März 2026 wird hier gegraben; die Untersuchungen vor Ort sollen noch bis Dezember dauern. Weitere Forschungen folgen dann im Labor.Halberstadts Bürgermeister Daniel Szarat freut sich: „Die archäologischen Funde am Frevelgraben geben uns einen faszinierenden Einblick in die Geschichte unserer Stadt und zeigen einmal mehr, wie viele Spuren vergangener Generationen sich noch heute im Halberstädter Boden finden.“ Die Stadt, die während der Herrschaft Karls des Großen 804 zum Bischofssitz aufstieg, gehörte im Mittelalter zu den reichen Handelssiedlungen nordöstlich des Harzes. Um solche Städte gruppierten sich fast immer Dörfer, deren Bevölkerung Äcker bestellte und die Städter mit Lebensmitteln versorgte. „Von besonderem wissenschaftlichen Interesse ist die deutlich nachvollziehbare Parzelleneinteilung der Siedlung“, erklärt Susanne Friederich, die am Landesamt die Abteilung Überregionale Bodendenkmalpflege leitet, die Bedeutung der Funde: „Sie wird uns umfangreiche Einblicke in das Leben der ehemaligen Bewohner erlauben.“Die bisher gemachten Befunde belegen zwei Bauphasen des gefundenen Ortes; das zeigen Überschneidungen von Spuren im Boden und unmittelbar nebeneinander angelegte Grubenhäuser. Offensichtlich verlagerte sich der Ort im Laufe der Zeit etwas, vermutlich infolge der Neuerrichtung von Häusern. Ferner sind häufige Erweiterungen des Areals belegt.Lesen Sie auchBemerkenswert ist außerdem, dass es für eine derartige Wüstung wenig Funde gibt. Gewöhnlich gelangen im Laufe der Besiedlungszeit viele verlorene oder weggeworfene Alltagsgegenstände in den Boden. Der Ort am „Frevelgraben“ scheint geordnet verlassen worden zu sein. Bisher sind nur vereinzelt Keramikscherben gefunden worden, außerdem Essensreste wie Knochen sowie wenige Metallfunde, darunter etwa ein bronzener Zapfhahn, Beschläge und Gürtelschließen. Das stellt sicher nur einen winzigen Teil des einstigen Besitzes der Bewohner dar.Wahrscheinlich hieß der Ort Külingen oder Kühlingen. Diese Namen finden sich auf Karten aus der Zeit um 1900, auf denen bekannte Wüstungen verzeichnet sind, und zwar gut einen Kilometer westlich der aktuellen Grabungsstätte. Dazu passt, dass auf topografischen Vermessungskarten aus preußischer Zeit, den Messtischblättern, in den Jahren 1872 bis 1943 unmittelbar nördlich der Untersuchungsfläche ebenfalls dieser Name vermerkt wurde. In der Regel bedeutet so etwas, dass vor Ort der jeweilige Landstrich über Generationen unter diesem Namen bekannt war. Daher liegt nahe, dass es sich bei den ausgegrabenen Befunden tatsächlich um die Überreste einer so bezeichneten mittelalterlichen Ortschaft handelt.Mit dpa / Idw / sfk
Mittelalter: Hier verschwand ein ganzes Dorf – Forscher stehen vor einem großen Rätsel - WELT
Wenige Funde sind auch ein Indiz: Bei Halberstadt wurde jetzt ein seit Jahrhunderten aufgegebenes Dorf entdeckt. Noch weiß man nicht, wann und weshalb die Siedlung dreieinhalb Kilometer östlich des berühmten gotischen Doms zur Wüstung wurde.






