„Was für eine Mentalität führt dazu, die Welt im Kleinen darzustellen und zu veranschaulichen?“, sinnierte Heinrich Klotz kurz vor Weihnachten 1983 in seinem Tonbandtagebuch. Der Gründungsdirektor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt war gerade nach Königswinter gereist, um sich von Ivor und Sigrid Swain erste Dioramen für die Ausstellung „Von der Urhütte bis zum Wolkenkratzer – eine Geschichte der gebauten Umwelt“ vorführen zu lassen.Die zwei Meter tiefen und ebenso breiten Schaukästen mit aufwendigen Stadt- und Landschaftsminiaturen, die die beiden Modellbauer mit liebevoll ausgearbeiteten szenischen Darstellungen von Bewohnern – die etwa erbeutete Tiere ausweideten, Pfosten für ein mit Stroh gedecktes Dach sägten oder in der Postkutsche zum Residenzschloss in Arolsen fuhren – ergänzten, beeindruckten Klotz sehr. Umgehend beauftragte er weitere Szenerien.Und doch zweifelte er: „Sicherlich ist es Spieltrieb, aber auch Machttrieb? Formen der Sublimierung, sich die Welt anzueignen, wenn es anders nicht geht?“, ist im Tagebuch zu lesen. Aber als schließlich im Januar 1990 – sechs Jahre nach der feierlichen Eröffnung des DAM – die auf 23 Dioramen angewachsene Dauerausstellung dem Publikum präsentiert wurde, hieß es selbstbewusst, dass sie die „Wurzeln unseres eigenen architektonischen Denkens erhellen und dreidimensional vor Augen führen“ werde.Endlich mehr Platz in der AusstellungDoch die Schau, die Architektur als essenzielle Zivilisationstechnik und im vitruvschen Sinne als Mütter aller Künste präsentierte, die Architektur- und Siedlungsgeschichte von einem trockenen Lehrstoff in ein atemberaubendes, immer wieder verblüffendes Erlebnis verwandelte, ereilte ein wechselvolles Schicksal – wie das Museum selbst. Mal hinter Sperrholzplatten versteckt, dann wieder vom Schattendasein befreit, wurde sie unter Klotz’ stets um Ausstellungsfläche ringenden Nachfolgern zum Spielball, obwohl die Schau, wenn sie denn zu sehen war, stets großen Anklang unter Schulklassen und Besuchern ohne fachspezifischen Hintergrund fand.DAM-Direktor Peter Cachola Schmal in der neuen DauerausstellungPeter JülichDass Peter Cachola Schmal, amtierender DAM-Direktor, nach der grundlegenden, gut vier Jahre währenden Sanierung des Hauses auch die Dauerausstellung überarbeiten und inhaltlich entstauben ließ, ist ein Fortschritt. Das Ergebnis ist freilich nicht in jeder Hinsicht überzeugend. Die drastischste Veränderung ist, dass die permanente Ausstellung nun mehr Platz hat: Oswald M. Ungers hatte im zweiten Obergeschoss des von ihm entworfenen Hauses nachträglich raumgreifende Vitrinen gebaut, die die großmaßstäblichen Stadtmodelle zwar effektvoll inszenierten, der Etage aber eine nahezu klaustrophobische Enge bescherten. Der Rückbau auf den Zustand von 1984 und der Verzicht auf mehr als die Hälfte der Dioramen verleihen dem Raum eine lichterfüllte Großzügigkeit, die nicht nur Ungers’ Haus-im-Haus-Prinzip viel deutlicher, sondern den Besuch der Dauerausstellung für größere Gruppen weitaus angenehmer macht.Verzichtet wurde unter anderem auf das Modell der Urhütte – wegen fehlender wissenschaftlicher Nachweise. Doch Architekten von Vitruv an bis zu heutigen Baumeistern fesselt gerade das Motiv des auf das Einfachste reduzierten (Natur-)Hauses. Und in Form des Museumsbaus selbst hat Ungers ihm – in abstrahierter Form – ein Denkmal gesetzt.Eigene Bedeutung wird überhöhtDie ursprüngliche Dauerausstellung endete circa 1980 mit dem riesigen Modell einer Szene rund um New Yorks Grand Central Station mit dem Chrysler- und dem Pan-Am-Building sowie dem von Donald Trump etwa zeitgleich umgebauten Grand Hyatt Hotel. Um die Schau zu aktualisieren, hat das Museum Exponate aus mehr als 40 Jahren eigener Ausstellungstätigkeit hinzugefügt.Die eigene Aktivität mit Stationen der Architekturgeschichte gleichzusetzen, erscheint dann doch etwas gewagt – bei allen Verdiensten des Hauses. Manche dieser Objekte wie Aldo Rossis farbenprächtige Zeichnungen zum Leipziger Platz in Berlin oder das Gipsmodell von Gottfried Böhms Wallfahrtskirche in Neviges haben nichts von ihrer Faszination verloren, doch wirken sie im Gesamtzusammenhang eher wie Trouvaillen.Baustelle vor dem endgültigen Untergang: das Diorama „Forum von Pompeji“Peter JülichDer neue Titel „Geschichten über das Bauen“, den das Museum der Schau gegeben hat, klingt diskursfähiger, pluralistischer, nimmt ihr freilich den narrativen Schwung. Obwohl Klotz in seiner Begeisterung für die Postmoderne durchaus schwankte und die einzelnen Stationen der Dauerausstellung nicht immer den neuesten Forschungsstand repräsentierten, so stellte doch ihre geschichtsteleologische Wucht die historische Legitimation dar, dass Architektur eben mehr als triviale Funktionserfüllung, dass sie Baukunst sei.Diesen Anspruch stellte der DAM-Gründungsdirektor an das zeitgenössische Bauen, und dieser Anspruch ist auch heute an das zunehmend digitalisierte Bauen zu stellen – über alle derzeit gern vorgebrachte gesellschaftliche Relevanz und ökologische Leistungsbilanz hinaus.Schließlich ist zu fragen, was mit den übrigen Schaukästen geschieht. Welchen Schatz man da in den Händen hat, zeigt das nach einem Holzschnitt von Gustave Doré gefertigte Diorama über die Londoner Slums im Zustand der Zeit um 1880. Die Modellbauer Swain, „reine Kinder“ laut Klotz, arbeiteten mit großer Empathie und allen ihnen zur Verfügung stehenden illusionistischen Techniken inklusive perspektivischer Verkürzung die Schattenseiten des Frühkapitalismus heraus – Friedrich Engels’ „Lage der arbeitenden Klasse in England“ perfekt ins Bild gesetzt.Dieses frei im Zentrum der Etage stehende Diorama soll in einer Sonderausstellung voraussichtlich ein Jahr lang zu sehen sein. Und wird anschließend wahrscheinlich im Archiv verstauben. Man sollte darüber nachdenken, es zusammen mit den anderen aussortierten Schaukästen an einem anderen Ort, vielleicht in einer anderen Institution zu präsentieren.
Neue Dauerausstellung im Deutschen Architekturmuseum
Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt hat seine Dauerausstellung aktualisiert. Der Ungers-Bau kommt besser zur Geltung. Aber es fehlt der narrative Schwung, den Gründer Heinrich Klotz verbreitet hat.







